„Meilenstein in der Entwicklung unserer Bücherei“. „Retz liest!“: Der Ruf war zum Ende des Festakts zu hören. Die Redner hoben die Wertigkeit einer Bibliothek hervor.

Von Karin Widhalm. Erstellt am 13. September 2016 (04:46)

Karl Wilfing, als Landesrat für die Büchereien zuständig, zitierte den berühmten Schriftsteller Thomas Mann, dessen Archiv noch heute besteht und laufend erweitert wird: „Bibliotheken rechnen sich nicht, aber sie zahlen sich aus.“ Und es ist ein Spruch, der im Stiegenhaus am früheren Standort der Stadtbücherei in der Schmiedgasse zu lesen war.

„Sie ist die älteste Bücherei von Niederösterreich“

Die Einrichtung übersiedelte in das Haus der Familie Jäger am Hauptplatz, schon seit Anfang Juni borgen sich Stammkunden Bücher und andere Medien aus. Die offizielle (Neu-)Eröffnung war am Freitag, auch das hohe Alter wurde gefeiert: „Sie ist die älteste Bücherei von Niederösterreich“, eröffnete Vizebürgermeister Alfred Kliegl den Festakt. 140 Jahre ist sie alt, mehrmals musste sie übersiedeln.

Der größte Vorteil des jetzigen Platzes ist die Barrierefreiheit: „Es hat bis jetzt keinen Ausleihtag gegeben, an dem kein Kinderwagen da war“, erzählt Ulrike Holy-Padevit. Sie war, bevor sie Leiterin der Bücherei wurde, als Mutter eines Babys selbst damit konfrontiert, dass sie die Kultureinrichtung im zweiten Stock aufgrund der Stiegen kaum aufsuchen konnte.

Sie bezeichnet die Barrierefreiheit, die sich schon ihre Vorgängerin Helene Schiener gewünscht hat, als „Meilenstein in der Entwicklung unserer Bücherei“.
Die Schaffung eines sozial-integrativen Treffpunkts soll nach der Übersiedlung noch mehr zum Tragen kommen.

Wilfing: „Bücher sind die Seele eines Ortes“

Wilfing ergänzte, dass der freie Zugang zu Wissen eine wichtige Errungenschaft sei. „Büchereien sind uns in Niederösterreich wichtig.“ 264 Büchereien gebe es im Bundesland, davon seien 43 neu gegründet oder renoviert worden. „Bücher sind die Seele eines Hauses oder Ortes“, betonte er. „Arbeitet mit der gleichen Leidenschaft weiter!“, dankte er dem Retzer Bücherei-Team.

Zur Freude der Kindergartenkinder beschrieb Bücherei-Maskottchen Manfred Müller Maulwurf im Dialog mit Vizebürgermeister Kliegl noch, was in seinem Metier los ist: Die Kleinen können ihm bei regelmäßigen Treffen vorlesen, Musikensembles hören oder Hausaufgaben machen. Danach ließen sie Luftballons steigen –  und jeder Gast rief dazu: „Retz liest!“

Zitiert:

„Die Bücher leben davon, dass viele kommen.“
Karl Wilfing ruft dazu auf, die Stadtbücherei zu nutzen.

„Worte sind sehr kostbar. Gute Worte sind sehr kostbar.“
Pfarrer Clemens Beirer nahm zwei Geschenke mit: Comics über Jesus von Nazareth und Bernadette von Lourdes.

„Die Retzer Bücherei wäre ein Vorbild für Hollabrunn.“
Walter Vejchoda

„Die Übersiedlung war eine Herausforderung.“
Alfred Kliegl denkt an die Standortsuche, die Kosten als „nicht unerheblichen Faktor“ und letztlich die Umsetzung.

Zur Gründung

  • Der liberale Verein der Verfassungsfreunde in Retz und Umgebung rief 1874 einen Leseverein ins Leben und beschloss die Errichtung eine Volksbibliothek. 1875 stellte die Stadtgemeinde dafür ein Hofzimmer im Haus Nummer 23 zur Verfügung.
  • „Von Jahr zu Jahr gewann dieses Institut mehr Wurzel in der Bevölkerung, sodaß man, ohne unbescheiden zu sein, behaupten kann, es sei ein unentbehrliches geworden“, berichtet der Verein 1880. 7.800 „Parteien“ suchten jährlich die Bücherei, die mehr als 3.000 Bände umfasste, auf.