Verhandlungen starten: „Mimik ist bei Gericht wichtig“. Zwei Juristinnen sind froh, dass häusliche Gewalt nicht angestiegen ist.

Von Thomas Schindler und Christoph Reiterer. Erstellt am 20. Mai 2020 (05:39)
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In den Gerichten finden wieder erste Verhandlungen statt. Beim Eintreten ins Gerichtsgebäude wird Temperatur gemessen, Mund-Nasen-Schutz muss getragen werden. Die NÖN fragte bei Juristen nach, wie sie den Corona-Shutdown erlebt haben und wie dieser ihre Arbeit verändert hat.

Helga Rettig-Strauss schickte Mitarbeiter sofort ins Homeoffice.
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Helga Rettig-Strauss führt eine Anwaltskanzlei in Gänserndorf. „Als es plötzlich hieß, dass alles zugesperrt wird, hatte ich schon einen leichten Schock.“ Die Mitarbeiter wurden auf Homeoffice umgestellt, statt persönlicher Treffen standen Videokonferenzen auf dem Programm. Im März ging die Anzahl der Fälle etwas zurück, mittlerweile sei alles beim Alten. Auch die Mitarbeiter sind wieder in der Kanzlei. Dort gibt es jetzt Plexiglas-Wände, Mundschutz und Abstandsregeln.

Mimik wird durch Masken verdeckt

Wie sieht es mit der Arbeit im Gericht aus? „Während der Verhandlung sind die Fenster weit geöffnet. Alle Anwesenden müssen Masken tragen.“ Das sei nicht optimal: „Für Anwälte und Richter ist die Mimik des Gegenübers sehr wichtig.“ Trägt jemand zusätzlich eine Brille und beschlägt diese wegen der Maske, könne man nicht einmal mehr dessen Augen sehen. Zu erkennen, ob der Angeklagte oder Zeuge die Wahrheit sagt, werde dadurch schwieriger.

„Ich hatte befürchtet, dass die häusliche Gewalt hochschnellen wird, wenn die Familienmitglieder den ganzen Tag zusammenpicken. Das ist aber glücklicherweise nicht passiert – zumindest, was meine juristischen Fälle betrifft“, ist Rettig-Strauss erleichtert.

Kristina Venturini-Köck fand Ausnahmezustand mühsam.
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Der Ausnahmezustand sei natürlich mühsam gewesen, sagt die Hollabrunner Rechtsanwältin Kristina Venturini-Köck, die in ihrer täglichen beruflichen Arbeit feststellte: „Die Coronasituation hat mit der Psyche der Leute schon etwas gemacht.“

So sei zu bemerken gewesen, dass die Krise für einige Scheidungen ein Beschleuniger war. „Manche sind zur Tat geschritten und haben die Klage eingebracht; manche haben die Zeit positiv genutzt, um eine friedliche Scheidung auszuverhandeln.“ Ein Fall sei etwa via Telefonkonferenz über die Bühne gebracht worden: Die Frau war in Spanien, der Mann in Wien, die Anwälte waren zugeschaltet. Eine Scheidung wurde ausschließlich auf elektronischem Wege abgefertigt.

Insgesamt hätten sich die Telefonkonferenzen sehr gut bewährt, meint Venturini-Köck: „Natürlich ist es ein komisches Gefühl, wenn man sich überhaupt noch nie gesehen hat, aber es ist ein Umdenken erfolgt bei den Leuten und sie stellen am Telefon konkretere Fragen.“

Mit Wegweisungen und Körperverletzungen hatte die Anwältin in der Coronakrise auch zu tun, jedoch nicht in derart großem Ausmaß, wie es befürchtet worden war.