"Gewaltiger Spaß!" Bariton Weinhappel wird mit Wagner dramatisch

Erstellt am 15. Mai 2022 | 17:51
Lesezeit: 5 Min
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Mit Wagner hat sich Thomas Weinhappel sängerisch neu erfunden und fühlt sich sichtlich wohl.
Foto: Weinhappel
Wagners Musik ist für viele Zuhörer magisch, hypnotisch – der mystischen Begriffe ist da oft kein Ende. Diese Faszination hat in der erzwungenen Corona-Pause auch den als lyrischen Bariton bekannten Thomas Weinhappel erfasst.
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Thomas Weinhappel nutzte die Zeit und tauschte „Don Giovanni“ mit dem „Wotan“. „Da hat mich nun den ganzen Winter eine Idee geplagt, die mich so vollständig unterjocht hat, dass ich sie jetzt realisieren werde“, lässt Weinhappel Wagner selbst für sich sprechen, wie dieser im Mai 1851 notierte.

Einem größeren Publikum wurde der Göllersdorfer als Wagner-Interpret bekannt, als er im September 2021 auf der Donaubühne Tulln für den erkrankten Bayreuther „Wotan“ Günther Groissböck in allerletzter Minute einspringen musste. Ein buchstäblicher Sprung ins kalte Wasser, der hoch honoriert wurde. Die Kritik sprach von einem „neuen Wotan“ und „der großen Überraschung des Abends“. Diesen Eindruck will Weinhappel am 25. Mai um 20 Uhr bei einem Konzert in Gramatneusiedl mit der „Camerata Carnuntum“ unter der Leitung von Leo Wittner natürlich gerne bestätigen.

Die NÖN sprach mit dem Sänger über die lyrische Note von Wagner-Figuren, ein künftiges Rollen-Debüt und die Arbeit, die hinter so einem Fachwechsel steckt – und sah sich einem Überzeugungstäter im besten Sinn gegenüber.

NÖN: Was macht die Faszination, die von Wagners Musik ausgeht, aus?

Thomas Weinhappel: Wagners Musik ist – vergleichbar mit großartiger Filmmusik heute – wie eine gigantische Welle im Meer. Man wird von ihr mitgerissen und immer weiter und weiter getragen, von einem Höhepunkt zum anderen, es ist einfach gewaltig. Ich bemerkte das, als ich mich – noch als lyrischer Bariton – mit dem „Rheingold“ beschäftigte. Eine unbeschreiblich majestätische Stelle des Göttervaters Wotan ging mir einfach nicht mehr aus dem Kopf: „Abendlich strahlt der Sonne Auge!“ Mit dem Ausbruch von Corona und der solcherart aufgezwungenen Pause interessierte mich dieser Wotan immer mehr. Mir wurde bald klar, dass ich für solche Rollen mein Fach vom lyrischen zum dramatischen Bariton wechseln musste und das hieß: noch einmal ganz von vorne anfangen. Bestärkt durch den Zuspruch des Wagner-Spezialisten Stefan Mickisch wurde ich also ab Beginn 2020 wieder zum Studenten. Und es machte Spaß, gewaltigen Spaß.

Fühlt es sich – vielleicht auch körperlich – anders an, lyrisch oder dramatisch zu singen?

Weinhappel: Es fühlte und fühlt sich – auch körperlich – etwas anders an und man muss sehr genau auf die Signale achten, die die Stimme einem gibt. Aber im Grunde ist das wahrscheinlich wie in jedem anderen Beruf auch: Mit viel Geduld und Fleiß tastet man sich immer weiter vor, vergleicht seine eigenen Leistungen mit denen der großen Kollegen - was uns Sängern durch youTube heute ja recht einfach gemacht wird - und nach vielen, vielen Monaten des Probierens ist man dann vorerst einmal halbwegs zufrieden – freilich ohne schon wirklich ein Meister seines Faches zu sein. Dadurch, dass ich sehr behutsam vorgegangen bin, habe ich die Stimme nicht überfordert und sie hat es mir gedankt, ist stabil geblieben, größer, dynamischer und blutvoller geworden, was sich irgendwann nach nun mehr als zwei Jahren auch im Hals- und Brustumfang zeigt (lacht) – aber das gehört eben dazu.

Wie anstrengend ist es, Wagners Musik zu singen?

Weinhappel: Wirklich anstrengend ist das Singen – wenn man die richtige Technik einsetzt – nicht. Aber natürlich ist eine Wagnerrolle kein Luxusurlaub – aber mindestens so schön. Wenn man sich ganz in die Rolle vertieft, in ihr leidet, zweifelt, liebt – kurz, den ganzen Menschen auf die Bühne bringt – ist das immer auch ein Kraftakt, aber ein herrlicher. Und wenn es einem gelingt, das Publikum mitzureißen, dann ist das Glück pur und das ist jede Anstrengung wert.

Die Kritik lobte Sie für die lyrische Note Ihrer dramatischen Interpretation – ein Marktvorteil?

Weinhappel: Kritiker wie Klaus Billand haben mich bereits beim Donaufestival in Krems im September 2021, wo ich als Einspringer in letzter Minute für den Bayreuther Wotan Günther Groissböck Teile aus meinem ersten Wotan gesungen habe, und auch Ende März 2022 bei meinem Opernabend in Wien in jeder Hinsicht mit Lob überhäuft, über das ich mich irrsinnig gefreut habe. Und ja, sie haben auch sehr anerkennend darauf hingewiesen, dass ich die lyrischen Seiten aus meinem ehemaligen in das neue dramatische Fach mitnehmen konnte.

Mir fiel das zum Glück überhaupt nicht schwer, ich empfinde es heute als ganz natürliche Ergänzung zu dem, was ich mir auf dramatischem Gebiet neu erarbeitet habe. Ob es ein Marktvorteil ist, kann ich selbst nicht beurteilen; Kritiker, Dirigenten, Intendanten und natürlich das Publikum werden das tun (lacht). Ich weiß nur, dass man im dramatischen Fach sowohl eine schmetternde, heldenhafte Höhe als auch eine nötige Schwärze in der Tiefe braucht – wie es der Musikwissenschaftler Gregor Schima genannt hat. Und außerdem eben auch flehentliche, helle, zarte Töne. Die Rollen sind zum Glück so komponiert und ich bin unendlich dankbar, dass ich dem mehr und mehr gerecht werde.

Wann dürfen Fans mit einem Debüt in einer Wagner-Rolle rechnen?

Weinhappel: Zurzeit absolviere ich vor allem in Deutschland mehrere Vorsingen für verschiedene Wagner-Rollen wie Wotan, Wanderer oder Donner mit Premierenterminen 2024 und 2025. Das ist aber derzeit alles noch Planung.

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