Wildkatzen-Camp mit einem „Miau“ eröffnet. Günter Liebel (Bund) und Stephan Pernkopf (Land) schnitten mit Volksschülern das Band durch.

Von Karin Widhalm. Erstellt am 16. Juli 2018 (08:57)

„Hier entsteht das Wildkatzen-Camp“ malten Schüler vor dem Spatenstich im September auf ein riesiges Schild, am Samstag war „ent“ rot durchgestrichen. Die Unterkunft für Kinder steht seit Mai und die ersten Gäste waren genau jene, die kreativ angekündigt hatten, was nun auf dem Platz neben dem Nationalpark-Haus vollendet wurde: die Kinder der Volksschule Hardegg-Pleißing.

Sie fehlten auch nicht bei der großen Eröffnung, die der Nationalpark Thayatal vorbereitet hatte: Die Besucher durften schnuppern, was die Kinder im Wildkatzen-Camp erleben können – vom Grillen der Äpfel in Weinblättern bis hin zur Übernachtung unterm freien Sternenhimmel. Denn, so stellte Direktor Christian Übl beim Festakt gleich klar: Es handle sich nicht um ein Haus für Zookatzen, eine Auffangstation oder einen Zuchtstandort. Dies vermuten manche, wenn sie den Namen des Gebäudes hören.

Starker Kontrapunkt zur technisierten Welt

Die Wildkatze ist das Aushängeschild: Die Kinder sollen sich, ebenso wie das Tier,  frei und wild fühlen. Die scheue und lange verschollen geglaubte Samtpfote ist mit ihren Fähigkeiten und Sinnen fürs Überleben in der Wildnis gerüstet. Der Mensch vergesse hingegen in einer zunehmend technisierten Welt, seine Sinne zu nutzen. „Wir merken aber, dass uns das guttut, wenn wir rausgehen“, sieht Übl das Camp als starken Kontrapunkt. „Hier erleben die Kinder Freiräume und machen Naturerfahrungen.“

Weil er Architekt Ernst Maurer als Vater des Wildkatzen-Camps sieht, ist für ihn Baumeister Erwin Pokorny der „Heilige Geist“. Er stellte mit Bernadette Lehner, hauptverantwortlich für die Umsetzung des Projekts, alle Baufirmen namentlich vor und strich auch die Zusammenarbeit mit der Bezirkshauptmannschaft Hollabrunn hervor. Maurer war bei der Planung wichtig, keinen „Riesenbaukörper“ auf die Wiese zu stellen. Er wollte eine Art Dorf schaffen, das sich in die Landschaft einfügt. „Wir haben einzelne Häuser aneinandergereiht und sie verbunden.“

Wildkatze trifft man fast überall

Architekt Karl Gruber scharte bei den Details einige Spezialisten um sich: Franz Wahler baute Wildkatzen-Silhouetten für die große und schon bepflanzte Freifläche. Die Tischlerei Maglock holte die Natur ins Haus und verwandelte zum Beispiel Äste in Garderobenständer. Sarah Kupfner sprayte Graffitis auf die Wände, etwa Siebenschläfer, Kuhschellen oder – natürlich – Wildkatzen.

„Es ist ein gelungenes Projekt: Die Kinder können mit der Natur über die Natur lernen“, erklärte Volksschulleiterin Sonja Ziegler, die beim Probelauf dabei war. Die Juni-Wochen waren bereits komplett ausgebucht: „70 Prozent waren aus der Gemeinde Hardegg“, verriet Claudia Waitzbauer, die für den Betrieb des Camps verantwortlich ist. Sie wird mit ihrem Team den Kindern zeigen, wie man in der Wildnis überleben kann: Feuer machen ohne Streichholz, Unterschlupf bauen, Kräuter verspeisen, Orientierung ohne Kompass. Die Krönung sollen Beobachtungen im Nationalpark-Wald sein, wenn der Schwarzstorch auffliegt oder sich die Smaragdeidechse sonnt.

Vom Bürgermeister zum Ranger

Bürgermeister Heribert Donnerbauer sieht das Camp als „eine tolle Errungenschaft“ und erhofft sich, dass die Kinder die Stadtgemeinde später wieder aufsuchen und die touristische und wirtschaftliche Infrastruktur nutzen. Er betonte die gute Zusammenarbeit mit dem Nationalpark – und wird ihm bald noch näher sein. Der Gemeindechef steht mitten in der Ausbildung zum Ranger und lernt gerade 1.288 Pflanzenarten auswendig. Was ihn zu diesem Schritt bewogen hat, fragte Waitzbauer in einer der Interview-Runden.

„Das habt ihr mir zuerst nicht gesagt, dass ich so viele Pflanzen lernen muss“, lachte Donnerbauer. „Die Entscheidung ist eine logische Verknüpfung, ich kenne den Wald und die Gegend seit meiner Kindheit.“ Er freue sich über seine ersten Einsätze als Ranger; auch seine Mutter Helga ist im Nationalpark Thayatal aktiv.

Ein Werk für Jugend und Umwelt

Die Festreden hielten Günter Liebel, Sektionschef im Bundesministerium für Nachhaltigkeit, und Stephan Pernkopf, Stellvertreter der Landeshauptfrau, in aller Kürze. Der Wind zog auf und brachte Regen.

Bund und Land haben mit der Europäischen Union die Errichtung finanziert. „Wir wollen, dass unsere Jugend eine herzeigbare Umwelt hat“, erklärte Liebel, der zudem ein klares Signal für die Region setzen wollte. Pernkopf geht es um die Naturvermittlung, die gerade bei den Kindern wichtig sei.

Die beiden eröffneten das Wildkatzen-Camp, indem sie gleichzeitig ein „Miau“ durchs Mikrofon ertönen ließen, ehe sie mit den Volksschülern die rot-weiß-roten und blau-gelben Bänder durchschnitten und Pfarrer Jerome Ciceu seinen Segen erteilte.

Details zum Bau

.) Die Präsentation des Projekts erfolgte am 8. Mai des Vorjahres. Der Bagger begann gleich nach dem Spatenstich im September mit dem Erdaushub. Die erste Schulklasse zog am 24. Mai 2018 ein.

.) Die Baubeteiligten zeigten Einsatz: Mitarbeiter der Nationalpark-Verwaltung und der Baufirmen schoben nach einem Wintereinbruch den Schnee beiseite, um weiterarbeiten zu können.

.) Bei minus 30 Grad Celsius wurde das Dach fertiggestellt und bei plus 30 Grad Celsius der Rasen gesät.

.) Kapazität: zwei Schulklassen, 60 Betten, vier Lehrerzimmer, zwei Ranger-Zimmer

.) Grundstücksgröße: 5.000 Quadratmeter

.) Bebaute Fläche: 850 Quadratmeter

.) Kosten: 1,3 Millionen Euro

.) Finanzierung: Bund, Land, Europäische Union