Auf den Spuren von Räuber Grasel . Heute wäre er ein Gangster, der vor 230 Jahren geborene, gewiefte Räuberhauptmann Johann Georg Grasel.

Von Elisabeth Hess. Erstellt am 20. September 2020 (04:48)
vvDer Räuberhauptmann Graselmit seinen Gefährten vor ihrerHinrichtung.Wiener Kriminalmuseum
Elisabeth Hess/Wiener Kriminalmuseum

Vor mehr als zwei Jahrhunderten trieb Johann Georg Grasel in Niederösterreich und im südlichen böhmisch-mährischen Raum sein Unwesen. Noch heute kann man sich an diversen Schauplätzen auf Spurensuche begeben. Auch in Hollabrunn.

Dort, wo die von der Gesellschaft geächteten Menschen unter sich blieben, in einer sogenannten Wasenmeisterei, wuchs der am 4. April 1790 in Nové Syrovice (Neu-Serowitz) in Südmähren geborene Räuberhauptmann Grasel auf. Man war gut vernetzt, heiratete untereinander, versteckte die Beute und gab sich gegenseitig „Einbruchstipps“. Der Vater war Schinderknecht und Räuber, die Mutter Bettlerin. Schinder hatten einen Beruf ohne Ehre, sie waren Außenseiter. Sie entsorgten totes Vieh, begruben verseuchte Tierkadaver und mussten die Tierhaut abziehen.

Johann Georg Grasels Spuren in Hollabrunn

Grasel ließ Hollabrunn nicht unberührt. Wo heute gepflegte Familienhäuser stehen, zwischen Mühlgasse und Robert Löfflerstraße, war einst das Schinderhaus von Therese Brunhauser. In Schindereien wie dieser versteckten Grasel und seine Räubergefährten oft ihre Beute. Zum Großteil wurde Kleidung, Essen, Geld, Tabak und Bettwäsche gestohlen. Das Diebesgut wurde dann an Hehler weiterverkauft. Grasel erhielt keinen großen Anteil davon, oft waren es nur fünf bis 20 Prozent des Wertes.

Der heutige Eugen Markusplatz in Hollabrunn war einst Schauplatz eines filmreifen Einbruchs. Es war der Gründonnerstag im Jahr 1814, als Grasel mit seinen Kumpanen die Fischbehälter von Theresia Polsterer ausfischte. Sie schlichen zur Fischerei und angelten rund 20 Karpfen. Die Beute wurde noch in Ruhe verspeist, als der Gerichtsdiener der Herrschaft Sonnberg die Räuber erwischte.

Der Räuberhauptmann bewies Geschick und Raffinesse: Während sein Vater verhaftet wurde, versteckte er sich im Backofen, wo er nicht gefunden wurde.

Ein Robin Hood? „Das war er keinesfalls!“

Der Räuberhauptmann war bei seinen Raubzügen immer mit Gefährten unterwegs. Er bevorzugte zwei, höchstens drei Kumpane. Seine Gruppe änderte sich immer wieder. Meist war er mit Jakob Fähding und Ignaz Stangel auf Achse, die am Ende wie Grasel am Strang hingerichtet werden sollten.

Elisabeth Hess/ Wiener Kriminalmuseum

Oft wird Johann Georg Grasel als Robin Hood dargestellt. Der Hollabrunner Stadtarchivar Walter Fittner betont, dass er das keinesfalls war. Denn er bestahl auch die Ärmeren und wandte brutale Methoden an, die mitunter tödlich endeten.

Der Räuberhauptmann war ständig auf der Flucht. Wenn er im Arrest war, konnte er entkommen. Zudem hatte jede Grundherrschaft eine eigene „Taktik“. Während die eine Grasel vertreiben wollte, lockte die andere ihn an, um ihn verhaften zu können. Dieses Chaos bestätigt Fittner: „Die Grundherrschaften waren überfordert, der Schriftverkehr hat oft mehrere Tage gedauert. Bevor die Justiz eingreifen konnte, war Grasel schon längst verschwunden.“

Die Bevölkerung war verängstigt, die Gerüchteküche brodelte, bis der Druck immer größer wurde und im Oktober 1815 eine Suchaktion gestartet wurde. 800 Soldaten durchstreiften das Gebiet zwischen Göllersdorf, Großmugl, Ernstbrunn, Oberleis, Weyerburg, Schöngrabern und Hollabrunn. Einige Mitglieder der Graselbande wurden festgenommen. Doch von wem fehlte jede Spur? Richtig! Von Grasel selbst.

4.000 Gulden für Grasels Ergreifung

Schließlich wurde eine Personenbeschreibung veröffentlicht: „Gesucht wird: Johann Georg Grasel, mit falschem Namen auch Haller, Schönau, Eigner und Kohl, aber auch der große Georg oder der große Hansjörg genannt, 25 Jahre alt, über 5 Schuh 6 Zoll groß, von schlanker Statur, mit blassem, blatternarbigem Gesicht, mit dunkelbraunen Haaren und grauen Augen. Wer ihn fängt und bei der Polizei abliefert, der erhält als Belohnung 4.000 Gulden!“

Diese enorme Summe war für viele der Anreiz, Grasel zu suchen und zu finden.

Durch die List des Polizeispitzels David Mayer wurde Grasel im Gasthaus in Mörtersdorf (Gemeinde Rosenburg-Mold, Bezirk Horn) schließlich gefasst, verhaftet und 1818 in Wien am Galgen gehängt. Das Gasthaus trägt heute den Namen „Graselwirtin“. Dort kann man die Spurensuche mit einer Labung abschließen und feststellen, dass der Tag auf des Räuber Grasels Spuren viel spannender war als jeder Fernsehkrimi.