Pfleger sind am Limit: „Ich warte darauf, dass ein Anruf kommt“

Elke Stifter, SPÖ-Bezirksfrauenchefin im Bezirk Hollabrunn und lange als Intensivpflegerin tätig, spricht über die Probleme in der Pflege.

Erstellt am 25. November 2021 | 05:21
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In ihrer Freizeit testete Elke Stifter Freunde und Bekannte auf Corona. Die ehemalige Intensivkrankenschwester und Stadträtin schließt sich den Forderungen nach Maßnahmen für die Pflege an.
Foto: Sandra Frank

„Es ist fünf nach zwölf“, skandierten Pflegekräfte vergangene Woche in einer landesweiten Protestaktion. Gefordert wurde unter anderem ein Personalschlüssel, der an die tatsächlichen Belastungen angepasst ist. Elke Stifter, Bezirksfrauenvorsitzende der SPÖ und selbst ausgebildete diplomierte anästhesiologische und allgemeine Intensivpflegerin, schließt sich den Forderungen an.

Auf der Intensivstation liegen die Nerven blank

„Es kann sich keiner, der es nicht selbst gemacht hat, vorstellen, was Pflege am Bett bedeutet“, berichtet sie von ihrer mehr als zehnjährigen Tätigkeit auf der Intensivstation des Wiener AKH.

Mit ihren früheren Kollegen ist Stifter bis heute eng verbunden. Die normalen Stationen würden auch in der Krise laufen, aber „auf der Intensivstation liegen die Nerven blank“, fühlt sie mit. „Ich warte eigentlich nur darauf, dass ein Anruf kommt, dass ehemaliges Intensivpersonal kommen und helfen soll.“

„Die Basics kann ich noch im Schlaf“

Der Ausnahmezustand dauere einfach schon zu lange. Würde Stifter diesem Ruf folgen? „Sofort“, sagt sie. Auch wenn sich die Geräte seit ihrem Ausstieg 2007 weiterentwickelt hätten, „die Basics kann ich noch im Schlaf“.

Bürokratie nahm überhand

Die Not an Pflegepersonal ist ihr nicht fremd. „Wir hätten acht Positionen gehabt, aber immer nur sechs belegt, weil wir nie genug Personal hatten“, erinnert sie sich. Die immer detaillierter geforderte Dokumentation von Daten und Vorgangsweisen habe überhandgenommen. „So fehlt Zeit für die Pflege am Patienten und Zeit für Gespräche mit Angehörigen“, stellt Stifter die Bürokratie infrage: „Ich kann mir nicht vorstellen, dass dadurch auch nur ein Pflegefehler verhindert wurde.“

Pfleger geben nicht leicht auf

„Die meisten Menschen in der Pflege haben ein Helfersyndrom. Darum ist bis jetzt alles gut gegangen“, sagt Stifter. Doch nach 20 Monaten im Krisenmodus werde nun endlich auf die Missstände geschaut, aber: „Ich habe nichts gehört, dass sich in irgendeinem Bereich etwas verbessert hätte.“

Die Hollabrunnerin hofft, dass der immer lauter werdende Aufschrei bald Wirkung zeigt. Sie ist überzeugt: Man hätte von Anfang an ehemaliges Pflegepersonal auffordern sollen, auf die Stationen zurückzukommen. „Da hätten wir Ressourcen“, meint sie.

Es müsse furchtbar für die Pflegekräfte sein, die Patienten in Todesangst zu sehen, beschreibt Stifter den Moment, bevor ein Corona-Patient intubiert werden muss, um vielleicht sein Leben zu retten.

„Mehr als 30 Stunden hältst du nicht aus“

Trotz allem: „Pflege ist für mich der Beruf schlechthin“, betont die SPÖ-Funktionärin. Klar sei jedoch: „Die Ausbildung muss endlich bezahlt werden!“ Derzeit erhalten die angehenden Pflegekräfte „ein Taschengeld“, obwohl sie auch in der Nacht arbeiten müssen. Stifter kennt Fälle, dass gute Krankenschwestern die Ausbildung abgebrochen haben, weil sie es sich nicht leisten konnten. Das Schwerarbeitergesetz müsse hier zum Tragen kommen.

30 Wochenstunden bei Vollzeitbezahlung wären angebracht, sagt Stifter: „Mehr hältst du in der Pflege nicht aus.“ Dann gäbe es auch weniger Ausfälle. Vorher brauche es aber unbedingt mehr Personal.