Wir werfen weg, was gut wäre. Bewusst einkaufen und Menüs planen, rät die „Tafel“-Leiterin in Hollabrunn.

Von Belinda Krottendorfer und Sandra Frank. Erstellt am 16. Juni 2021 (04:30)
Gabriele Schönauer, Christina Bisegger und Ernst Buchroithner
Gabriele Schönauer, Christina Bisegger und Ernst Buchroithner (v.l.) verteilen Lebensmittel an Menschen in schwierigen finanziellen Situationen.
Krottendorfer

„Wir arbeiten daran, dass in Privathaushalten die durchschnittlichen 300 Euro, die ein niederösterreichischer Haushalt an Lebensmitteln im Jahr wegwirft, verringert werden“, erklärt Florian Beer von den NÖ Umweltverbänden auf NÖN-Anfrage. Auch im Bezirk Hollabrunn scheint das Bewusstsein für diese Thematik zu steigen.

So gibt es seit 2019 eine Facebook-Gruppe namens „Food-sharing Hollabrunn & Umgebung“ mit 450 Mitgliedern, wo übriggebliebene Lebensmittel kostenlos angeboten werden können. „Seit wir nach Hollabrunn gezogen sind, ist mir erst richtig aufgefallen, wie viele Lebensmittel wir tagtäglich wegschmeißen, welche eigentlich noch gut wären, die aber niemand mehr essen möchte. Viele kennen ihre Nachbarn jedoch nicht oder trauen sich nicht nachzufragen, ob jemand vielleicht etwas brauchen würde. Daher habe ich diese Gruppe gegründet“, erklärt Userin „Natalie Nati“.

„Wir bekommen sogar von einer Bäuerin Erdäpfel, wenn diese wegen der Größe oder Optik nicht abgenommen werden.“ Gabriele Schönauer, Rotes Kreuz Hollabrunn

Seit zehn Jahren organisiert das Hollabrunner Rote Kreuz die „Team Österreich Tafel“. Bei diesem Projekt werden Lebensmittel, die das Mindesthaltbarkeitsdatum überschritten haben, von allen großen Supermarktketten rund um Hollabrunn sowie von Bäckern aus der Region gespendet. Die Produkte reichen von Brot, Obst und Gemüse über Milchprodukte bis zu vakuumverpackten Produkten.

„Wir bekommen sogar von einer Bäuerin Erdäpfel, wenn diese wegen der Größe oder Optik nicht abgenommen werden“, erzählt Gabriele Schönauer, Fachbereichsleiterin der Gesundheits- und Sozialdienste des Roten Kreuzes und Zuständige für die „Team Österreich Tafel“ in Hollabrunn. Von Privatpersonen dürfen keine Lebensmittelspenden angenommen werden; das Rote Kreuz freut sich jedoch immer über Mitarbeiter, die Zeit und Arbeitskraft zur Verfügung stellen.

Jeden Samstag wird zu Mittag und am Abend je eine Tour gemacht, bei der die Lebensmittel abgeholt werden. Ab 18 Uhr werden diese schließlich im Studentenheim an Bedürftige verteilt. „Unsere Abnehmer sind bunt gemischt: Alleinerziehende, Pensionisten, Migranten oder bildungsferne Familien. Manche Familien kennen wir seit zehn Jahren“, informiert Schönauer.

Wer selbst Spendenempfänger werden möchte, kann beim Roten Kreuz Hollabrunn vorsprechen und anschließend eine Vereinbarung unterschreiben. Ein bestimmtes Einkommen darf jedoch nicht überschritten werden.

Die Tafel Hollabrunn betreut derzeit zwischen 50 und 60 Haushalte. Im Mai wurden 4,6 Tonnen Lebensmittel verteilt, im Jahr 2020 waren es insgesamt 56 Tonnen. „Seit es die Tafel gibt, habe ich gemerkt, dass Lebensmittelgeschäfte auch Wühltruhen aufgestellt haben, in denen Produkte mit baldigem Ablaufdatum angeboten werden“, freut sich Schönauer über die Wirkung. Seit rund drei Jahren habe sich auch die Zusammenarbeit zwischen den Tafeln in Niederösterreich verbessert, indem sie untereinander Produkte austauschen.

Zur Corona-Zeit hat die Fachbereichsleiterin gemerkt, dass vor allem Kartoffelprodukte keine Abnehmer fanden und somit vermehrt gespendet wurden.

Doch was können private Haushalte machen, um die Lebensmittelverschwendung zu reduzieren? „Rechtzeitig und bewusst einkaufen sowie Menüs planen“, empfiehlt Schönauer.

„Wir sind eine Wegwerfgesellschaft“

Die NÖN traf auch LH-Stellvertreter Franz Schnabl bei dessen Besuch im Bezirk Hollabrunn. „Ich bin selbst Einkäufer und Koch. Dass alles fertig in Plastik abgepackt ist, damit hab’ ich ein Problem“, kritisiert der SPÖ-NÖ-Chef, dass es selten frisches Fleisch zu kaufen gibt. Wenn er für sich und seine Frau einkauft, dann brauche er eben nur zwei Hühnerbrüste und nicht die fertig abgepackten sechs. „Das fördert nur die Lebensmittelverschwendung. Und das ist unser Problem: Wir sind eine Wegwerfgesellschaft.“

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