Hollabrunn

Erstellt am 25. Januar 2017, 05:36

von Sandra Frank

Arbeitskreis: „Hatten keine Sicherheit mehr“. Deutschkurse, Behördengänge, Bürokratie – AKI hilft Asylwerbern, mit ihrer neuen Situation zurechtzukommen.

Der Arbeitskreis für Integrationsbemühungen rund um Cäcilia Kaltenböck und Padre Herbert Leuthner ist unermüdlich am Werk, um den zugezogenen Hollabrunnern, egal, woher sie kommen, den Start in ein neues Leben zu ermöglichen. Das Wichtigste dabei: Begegnungen und die Sprache.  |  Sandra Frank

„Unser Ziel ist es, jene, die zugezogen sind, egal, woher sie kommen, zu integrieren, um eine Gemeinde zu werden“, eröffnete Cäcilia Kaltenböck eine weitere Sitzung des Arbeitskreises für Integration der Pfarre Hollabrunn.

Hier sei das Wichtigste die Sprache, führte Padre Herbert Leuthner, Gründer des Arbeitskreises, weiter aus. Denn ohne Sprache gebe es keine Beschäftigung. „So ist es!“, erhielt er Zustimmung von einer Zuhörerin. Eine schnelle Integration sei wichtig, um das Abdriften in radikale Gruppen zu verhindern, ist Leuthner überzeugt.

Wenn Zahlen zu Gesichtern werden ...

Bürgermeister Erwin Bernreiter berichtete, dass in der Bezirkshauptstadt 119 Personen mit Asylkarte leben. Damit es nicht bei Zahlen bleibt und diese zu Gesichtern und Menschen werden, haben sich einige dieser Menschen vorgestellt. Wie etwa Sami, der seit einem Jahr und drei Monaten in Österreich lebt. Er ist nun 18 Jahre alt, seine Eltern und seine fünf Schwestern sind nach wie vor in Afghanistan.

Damit die Zahlen Gesichter bekommen, lud Cäcilia Kaltenböck Menschen wie Sami ein, die ihre Geschichte von der Flucht und ihrem neuen Leben in Österreich erzählten. Foto: Sandra Frank  |  Sandra Frank

Warum nur er geflohen ist? „Es gibt so viele Probleme in unserem Land – mit den Taliban“, berichtet Sami in gutem Deutsch. „Meine Familie hat mich nach Europa geschickt, weil die Taliban junge Männer rekrutieren, die sie dann in den Krieg schicken.“

Nakib: „Ich bin schon ordentlicher Schüler“

Nakib ist ebenfalls aus Afghanistan. Der 14-Jährige lebt mit seinem Onkel und seinem Cousin in Oberstinkenbrunn. Seit eineinhalb Jahren ist er in Österreich. Aktuell besucht er die Neue Mittelschule in Wullersdorf. „Als außerordentlicher Schüler“, meint Kaltenböck. „Nein, ich bin schon ordentlicher Schüler“, berichtet der 14-Jährige und erntet dafür Applaus vom Arbeitskreis.

Kais: „Sie hätten unsere ganze Familie getötet“

Seit zwei Jahren lebt Kais nun in Österreich. Die Familie des Jugendlichen erhielt relativ schnell, bereits nach fünf Monaten, die Asylberechtigung. Kais erzählt, weshalb seine Familie ihr Heimatland Afghanistan verlassen musste: „Meine Mutter war Lehrerin. Darum hatten wir keine Sicherheit. Frauen dürfen keine Lehrer sein. Wenn die Taliban oder der IS das herausgefunden hätten, dann hätten sie unsere ganze Familie getötet.“

Kais’ Vater war Koch und würde als solcher gerne in Österreich arbeiten. Seine Mutter sucht einen Job in der Kinderbetreuung. Kais selbst würde gerne eine Lehre als Installateur oder Mechaniker machen.

Keine Perspektive: Als 47-jährige Analphabetin in Österreich

Günther Nics hat ebenfalls eine Familie bei sich einquartiert. „Darum bin ich auch zu spät gekommen, weil die Deutsch-Hausübung etwas länger gedauert hat“, lacht der Mediziner. Die Familie besteht aus der 47-jährigen Mutter und vier Kindern – 18, 17 und Zwillinge mit acht Jahren. Der Vater starb auf der Flucht.

Der 18-Jährige lebte sechs Monate lang in Gefangenschaft der Taliban. Beim Zusammenleben gebe es keine Probleme, so Nics. Was der Hollabrunner aber als großes Problem sieht, ist die fehlende Perspektive, vor allem für die Mutter, die als Analphabetin nach Österreich kam.

Es sei ganz wichtig, dass Asylwerber sofort, wenn sie nach Österreich kommen, die Möglichkeit erhalten, Deutsch zu lernen. Und nicht erst, wenn sie Asylberechtigte sind. Und weil diese Zeit so wichtig ist, unterrichtet die Hollabrunner Sprachschule bereits Asylwerber.

„Das muss auch jemand bezahlen. Darum ein ganz großes Danke an alle Spender“, freut sich Kaltenböck über die so wichtige Unterstützung. Sie weiß aber auch: „Die Sprache lernt man nur durch das Reden miteinander.“ Das ist das erklärte Ziel des Arbeitskreises: Die Hollabrunner sollen Interesse an ihren neuen Mitmenschen zeigen.

Gesucht: Mehr Paten die im Alltag Flüchtlinge begleiten

Bei der Sitzung des Arbeitskreises wurde auch über „Big Brothers, Big Sisters“ gesprochen. Mit Genehmigung der Gemeinde könnte in Hollabrunn ein solches Projekt gestartet werden. Hier werden Paten für „zu Integrierende“ gesucht und ausgebildet.

„Einfach andere Erwachsene, die andere begleiten“, erklärt Kaltenböck. Ein Begegnungszentrum sei etwas, das positiv zur Integration beitragen kann. Ein Ort, an dem man zwanglos – und ohne Konsumzwang – zusammenkommen und einfach plaudern kann. „Gelungene Begegnung, das ist das Heilsamste für Flüchtlinge, um eine neue Kultur zu spüren“, weiß Josef Widl.

Lehrer kümmern sich um Schüler und Eltern

Positive Erfahrungen werden bereits an Schulen gemacht, etwa an der Neuen Mittelschule in Hollabrunn. „Dort sind 20 Schüler und keine Probleme“, weiß Kaltenböck von Direktor Bernhard Aschinger.

„Man muss den Lehrern auch einmal ein Danke sage. Es ist super, was die leisten“, meint ein Mitglied des Arbeitskreises. Denn die Pädagogen kümmern sich nicht nur um die Schüler, sondern sprechen auch viel mit den Eltern, für die es etwas völlig Neues ist, im schulischen Alltag ihrer Kinder ein Mitspracherecht zu haben.

Padre Herbert Leuthner will vulnerable Gruppen besser schützen

Was dem Padre besondere Sorge bereitet, ist, dass derzeit ausgerechnet die „vulnerablen Gruppen“ von Flüchtlingen abgeschoben werden sollen. Diese Gruppe umfasst hauptsächlich Familien und (Waisen-)Kinder. Es sei unverständlich, dass sie oft sehr lange auf einen Bescheid warten müssen und dadurch in eine Perspektivlosigkeit gedrängt werden.

Um ihre Schützlinge besser auf die Interviews vorbereiten zu können, die über ihre Zukunft entscheiden, will Leuthner noch im Frühling eine Infoveranstaltung im Stadtsaal abhalten. Gastredner soll Asyl-Anwalt Georg Bürstmayr sein.