Rotkreuz-Chef Grusch: „Ich häng’ noch ein Jahr dran“. Coronasituation verlängerte Amtszeit des langjährigen Bezirkshauptmanns Stefan Grusch als Rotkreuz-Chef in Hollabrunn.

Von Sandra Frank. Erstellt am 10. September 2020 (05:26)
Seit mehr als drei Jahren ist Stefan Grusch nicht mehr Bezirkshauptmann von Hollabrunn. Bezirksstellenleiter des Roten Kreuzes ist er nach wie vor und führte die Institution durch dieCoronakrise.
Frank

An den 13. März kann sich jeder in Österreich Lebende erinnern. Es war der Tag, an dem Bundeskanzler Sebastian Kurz den Corona-Shutdown des Landes verkündete. Die NÖN sprach nun mit dem ehemaligen Hollabrunner Bezirkshauptmann Stefan Grusch, heute noch Bezirksstellenleiter des Roten Kreuzes Hollabrunn, über die vergangenen sechs Monate.

NÖN: Wann hatten Sie realisiert, dass eine noch nie da gewesene Situation auf das Land zukommt?

Stefan Grusch: Ich muss offen sagen, erst sehr spät. Für den 13. März war die Rotkreuz-Bezirksstellenversammlung geplant. Da hätte ich meine Funktion an Andreas Strobl übergeben sollen. Am Dienstag davor hat mich Josef Schmoll, der Präsident des NÖ Landesverbandes, gefragt, wie es damit aussieht. Da habe ich noch gesagt, dass sie natürlich stattfinden wird. Erst am Donnerstag haben wir die Reißleine gezogen und die Veranstaltung abgesagt.

Wie ging es dann weiter?

Am Sonntagnachmittag habe ich meine Referenten der BH Gmünd zusammengetrommelt und wir haben überlegt, wie wir am Montag das Homeoffice bewerkstelligen. Das geht aber nur im verwaltungstechnischen Bereich. Beim Roten Kreuz steht der Mensch im Mittelpunkt. Das war eine große Herausforderung.

Wie haben Sie diese gelöst?

Wir haben das Rote Kreuz in drei Teams eingeteilt: eines in der Bezirksstelle Hollabrunn, ein anderes in der Ortsstelle Haugsdorf, beide waren ständig besetzt. Ein drittes Team war am Hollabrunner Eislaufplatz stationiert. Dieses hat ausschließlich Covid-Verdachtsfälle transportiert.

Die normalen Krankentransporte sind zwar weggefallen, gab es trotzdem einen Engpass bei den Freiwilligen, Stichwort Risikogruppe?

Die Zivildiener wurden verlängert und bereits abgerüstete Zivildiener haben vermehrt Dienste übernommen. Wir haben zum Glück ein großes, junges, ehrenamtliches Team. Unter den Hauptamtlichen gibt es viele langgediente Mitarbeiter, einige mit Vorerkrankungen, die zur Risikogruppe zählen. Diese haben keine Dienste übernommen.

Haben das alle langgedienten Mitarbeiter mitgetragen? Oder gab es welche, die das Virus nicht so ernst genommen haben und trotzdem arbeiten wollten?

Eigentlich nicht. Bei dieser Arbeit hat man natürlich ein erhöhtes Infektionsrisiko. Und wer beim Roten Kreuz arbeitet und ständig mit Krankheiten zu tun hat, der hat aufgrund dieser Tätigkeit sicher ein höheres Bewusstsein dafür.

Hat es Coronafälle bei Ihren Rotkreuz-Mitarbeitern gegeben?

Nein, da sind wir clean geblieben.

Wie sieht der Betrieb heute, ein halbes Jahr nach dem Lockdown, aus?

Seit Juli haben wir wieder Normalbetrieb. Wie vorher ist es aber natürlich nicht. Die neue Bezirksstelle war ein Treffpunkt, vor allem für die Jungen. Das habe ich immer unterstützt, denn wenn sie sich wohlfühlen, übernehmen sie auch Dienste. Das mussten wir eine Zeit lang verbieten. Jetzt finden Treffen wieder statt, aber natürlich unter Einhaltung entsprechender Abstandsregeln. Viele habe sich schon darauf gefreut, endlich ihre Kollegen aus den anderen Teams zu treffen. Und gerade beim Gesundheits- und Sozialdienst haben wir viele ältere Freiwillige, die alle gern wiedergekommen sind.

Und im Rettungsdienst selbst?

Auch heute wird noch mit Mund-Nasen-Schutz gefahren und bei den Patienten Fieber gemessen. Wenn zum Beispiel jemand zur Dialyse gebracht werden soll und über 37,5 Temperatur hat, dann nehmen wir ihn gar nicht mit, weil ihn das Krankenhaus so nicht aufnimmt. Was dann passiert, muss mit dem Pandemiearzt abgeklärt werden. Außerdem können wir nicht so effizient fahren wie vor dem Lockdown, da wir derzeit jeweils nur einen Patienten transportieren.

Wird das Rote Kreuz Arbeitsabläufe aus der Coronazeit übernehmen? Was hat sich bewährt?

Die Zusammenarbeit mit dem Landesverband und den Bezirksstellen untereinander hat sich sehr verbessert. Früher haben sich vielleicht die Bezirksstellenleiter des Weinviertels zum Austausch getroffen. Jetzt gab es regelmäßig Videokonferenzen. Diese werden sicher als wesentliches Werkzeug erhalten bleiben.

Was hat während der Krise überhaupt nicht funktioniert?

Es hat immer wieder Schwierigkeiten mit den unterschiedlichen Zutrittsregeln der Krankenhäuser gegeben.

Es gab oft Kritik, dass Coronazahlen nur für den Bezirk, nicht aber für einzelne Gemeinden veröffentlicht wurden. Was halten Sie davon?

Hier hat es einen irren Paradigmenwechsel gegeben: Gesundheitsdaten zu übermitteln, war früher ein Ding der Unmöglichkeit. Genau in diesem Spannungsfeld haben wir, die Bezirkshauptmannschaften, uns befunden. Als Gesundheitsbehörde haben wir auch vom Gesundheitsministerium keine Auskunft bekommen, wie wir damit umgehen sollen, obwohl wir mehrfach nachgefragt haben. Wenn man Gesundheitsdaten weitergibt, muss man sehr vorsichtig sein, man ist schnell im Amtsmissbrauch. Aber ich verstehe auch die Bürgermeister, die über die Situation in ihren Gemeinden Bescheid wissen wollen. Ich habe sie über Covid-19-Fälle in ihren Gemeinden informiert – natürlich, ohne Namen zu nennen. Wenn es ältere und alleinstehende Personen waren, dann haben wir die Patienten gefragt, ob wir ihre Namen weitergeben dürfen, damit sie versorgt werden können. Das hat sehr gut funktioniert.

Sie sehen also kein Problem darin, Gesundheitsdaten via E-Mail zu übermitteln?

Nein. Früher war das absolutes Gift. Aber während der Coronazeit wäre es gar nicht anders möglich gewesen. Die Informationen müssen rasch weitergegeben werden, damit man rasch handeln kann.

Würden Sie sagen, dass die Coronapandemie bisher die größte Herausforderung für Sie als Bezirksstellenleiter des Roten Kreuzes gewesen ist?

Der Neubau der Bezirksstelle war schon eine größere Herausforderung (lacht). Auch das Rote Kreuz hat Krisenszenarien immer wieder geübt. So eine Krise ist gut bewältigbar, weil es auch gute Unterstützung gibt. Ein Hausbau mit so vielen Beteiligten ist hingegen nicht planbar (lacht). Ich bin nach wie vor sehr stolz auf das Haus und bin froh, dass es rechtzeitig fertig geworden ist.

Wie lange bleiben Sie noch Bezirksstellenleiter in Hollabrunn?

Wir wollten die Versammlung im Herbst nachholen. Aber ich muss ehrlich sagen, ich trau’ mich noch nicht. Da kommen immerhin 150 Leute zusammen, das wäre unverantwortlich. Im Frühjahr 2021 ist großes Rotkreuz-Wahljahr. Also hab’ ich mir gedacht, ich häng’ noch ein Jahr dran.

Und dann? Werden Sie Bezirksstellenleiter in Gmünd?

Dann geh’ ich in Pension: 15 Jahre als Bezirksstellenleiter sind genug (lacht). Andreas Strobl wird in Hollabrunn übernehmen. Darüber bin ich sehr froh. Dass der Bezirkshauptmann auch Rotkreuz-Bezirksstellenleiter ist, ist nur noch in den Bezirken Hollabrunn, Horn und Waidhofen an der Thaya so.