Es gibt sie doch, die Schnörkel. Rar gesät und doch vorhanden: eine Studentin auf einer Schatzsuche der kunstgeschichtlichen Art.

Von Rainer Manzenreiter. Erstellt am 27. September 2020 (04:49)
Zwei eindrucksvolle Balkone in der Bahnstraße.
Rainer Manzenreiter

Ein lauer Sommerabend, eine Stadtkarte und eine neugierige Studentin. Bei einem Besuch im Stadtarchiv Hollabrunn traf die Jugendstilfreundin Michaela Greil, 28, aus Lichtenberg bei Linz auf den Jugendstilexperten Werner Lamm. Dieser erzählte von vielen versteckten Überbleibseln des Jugendstils in der Stadt. Michaela schnappt sich die Kamera und will diese Schnörkel, Schlaufen und Blumen mit eigenen Augen sehen. „Es gibt zwar nicht viele Überreste, aber sie sind gut erhalten“, gab Lamm Michaela mit auf den Weg.

Die späte Augustsonne blendet. Auch wenn die Sonne gleich untergeht, setzt Michaela ihre Sonnenbrille auf. Die Kamera ist bereit und es wird zur Sicherheit noch ein Blick auf die Stadtkarte geworfen, die mit hastigen Kreuzerln aus der Hand von Werner Lamm übersät ist. Die Schatzsuche beginnt.

Das erste Kreuzerl ist am Hauptplatz, auf dem laut Lamm „inmitten eines Stadtkerns von Biedermeier-Bauten ein Patzen Jugendstil gesetzt wurde“: das heutige Kaufhaus Schneider, die ehemalige Sparkasse. Peter Schubert, Autor des Standardwerks „Jugendstil Niederösterreich“ schreibt: „1898 brauchte man für die Sparkasse ein neues, repräsentatives Gebäude und man wagte, einen unbekannten jungen Architekten damit zu beauftragen: Hugo Wanderley.“

Blätter aus weißem Putz über der Balkontüre

Hugo Wanderley war Schüler des berühmten Wiener Jugendstil-Architekten Otto Wagner. Beim Vorbeigehen zieht dieser Bau Michaela magisch an. Die Kamera wird gezückt und mehrmals auf den Auslöser gedrückt. „Naja, das sticht ja sofort heraus, aber viel lieber würde ich die versteckten Schnörkel sehen, von denen Lamm gesprochen hat“, ist Michaela etwas enttäuscht.

Ein Blick auf die Karte genügt und die Suche setzt sich in Richtung der fünf Kreuzerln auf der Bahnstraße fort. Ein Blumengeschäft, eine Trafik, eine Konditorei, ein Jagdgeschäft – alles andere als Schlaufen und Schnörkel. Michaela beginnt an Lamms Erzählungen zu zweifeln: „Habe ich etwas übersehen? Solche Formen und Schnörkel sollten doch sofort ins Auge springen.“

Nur Geduld: Ein paar Schritte weiter ist die heutige Radschmiede zu sehen, über dem Schild sind zwei Balkone. Den unteren, größeren, ziert ein geschwungenes und verschnörkeltes Geländer. Über der Balkontüre wachsen Blätter aus weißem Putz zum kleineren, ebenso geschmückten Balkon.

Schräg gegenüber leuchtet der „Schatzsucherin“ ein goldgelber Bau entgegen. Das Eingangstor wird von Blättern und Blumen umrankt. Diese beschützen das obere, halbrunde Fenster der Türe, das durch ebenso geschwungene Linien, Blumen, Blätter und Sterne auf sich aufmerksam macht. Verfangen in Linien und Schnörkeln geht Michaela auf die Türe zu: „Mich würde interessieren, wie das Haus von innen aussieht“, denkt sie laut. Den Finger schon fast an der Glocke, zögert sie doch, anzuläuten.

Das nächste Kreuzerl ist an der Ecke Bahnstraße/Ernest Brosig-Gasse. Ein Haus in Hellgrau und Weiß. „Nach Jugendstil schaut mir das nicht aus“, meint Michaela mit fragendem Blick. Und doch: Bei näherer Betrachtung entdeckt sie zierliche Blätterranken, die sich am oberen Türrahmen verstecken. „Das bleibt also von der Modernisierung eines Jugendstil-Hauses übrig“, stellt sie traurig fest.

Ein paar Schritte zurück, ein Auto bleibt abrupt stehen. Als ob der Fahrer nach denselben Schätzen suchen würde, winkt er aufgeregt: „Haben Sie schon das Mosaik am Balkon da drüben gesehen?“, fragt der Hollabrunner Jugendstilfreund. Nach einem schnellen „Danke für den Tipp!“ wird raschen Schrittes geradeaus in die Bachpromenade gegangen.

Die oberösterreichische Jugendstilfreundin Michaela Greil auf derSuche nach niederösterreichischen Jugendstil-Juwelen in Hollabrunn.
Rainer Manzenreiter

Während Michaela noch ihre Kamera einschalten will, wird sie diesmal von den goldenen Strahlen eines Mosaiks geblendet. Aus einer Reihe von Häusern in gediegenem Pastell strahlt das prächtige Ornament von einem unscheinbaren Balkon. Die abendliche Sonne bricht sich am Mosaik und leuchtet in Michaelas Gesicht. Einen Schritt weiter sieht sie: Es wirkt größer und prächtiger, als es ist. Auf einem Untergrund aus Gold zieren zwei farbenprächtige Papageien, die auf blauen, geschwungenen Ranken thronen, die gelbfarbene Hauswand. Die Anziehungskraft ist so groß. Michaela vergisst fast darauf, zu fotografieren.

Jugendstilexperte Werner Lamm hatte Recht: „Viele Überbleibsel gibt es nicht, man muss danach suchen.“ Genau das hat Michaela Greil getan. Die Überbleibsel, die sie in Hollabrunn gefunden hat, waren großteils versteckt, aber eindrucksvoll. Sie schwärmt: „Jugendstil-Elemente an Bauwerken in so gutem Zustand habe ich selten gesehen.“

Ein lauer Sommerabend, eine Stadtkarte und eine neugierige Studentin. Bei einem Besuch im Stadtarchiv Hollabrunn traf die Jugendstilfreundin Michaela Greil, 28, aus Lichtenberg bei Linz auf den Jugendstilexperten Werner Lamm. Dieser erzählte von vielen versteckten Überbleibseln des Jugendstils in der Stadt. Michaela schnappt sich die Kamera und will diese Schnörkel, Schlaufen und Blumen mit eigenen Augen sehen. „Es gibt zwar nicht viele Überreste, aber sie sind gut erhalten“, gab Lamm Michaela mit auf den Weg.

Die späte Augustsonne blendet. Auch wenn die Sonne gleich untergeht, setzt Michaela ihre Sonnenbrille auf. Die Kamera ist bereit und es wird zur Sicherheit noch ein Blick auf die Stadtkarte geworfen, die mit hastigen Kreuzerln aus der Hand von Werner Lamm übersät ist. Die Schatzsuche beginnt.

Das erste Kreuzerl ist am Hauptplatz, auf dem laut Lamm „inmitten eines Stadtkerns von Biedermeier-Bauten ein Patzen Jugendstil gesetzt wurde“: das heutige Kaufhaus Schneider, die ehemalige Sparkasse. Peter Schubert, Autor des Standardwerks „Jugendstil Niederösterreich“ schreibt: „1898 brauchte man für die Sparkasse ein neues, repräsentatives Gebäude und man wagte, einen unbekannten jungen Architekten damit zu beauftragen: Hugo Wanderley.“

Blätter aus weißem Putz über der Balkontüre

Hugo Wanderley war Schüler des berühmten Wiener Jugendstil-Architekten Otto Wagner. Beim Vorbeigehen zieht dieser Bau Michaela magisch an. Die Kamera wird gezückt und mehrmals auf den Auslöser gedrückt. „Naja, das sticht ja sofort heraus, aber viel lieber würde ich die versteckten Schnörkel sehen, von denen Lamm gesprochen hat“, ist Michaela etwas enttäuscht.

Ein Blick auf die Karte genügt und die Suche setzt sich in Richtung der fünf Kreuzerln auf der Bahnstraße fort. Ein Blumengeschäft, eine Trafik, eine Konditorei, ein Jagdgeschäft – alles andere als Schlaufen und Schnörkel. Michaela beginnt an Lamms Erzählungen zu zweifeln: „Habe ich etwas übersehen? Solche Formen und Schnörkel sollten doch sofort ins Auge springen.“

Nur Geduld: Ein paar Schritte weiter ist die heutige Radschmiede zu sehen, über dem Schild sind zwei Balkone. Den unteren, größeren, ziert ein geschwungenes und verschnörkeltes Geländer. Über der Balkontüre wachsen Blätter aus weißem Putz zum kleineren, ebenso geschmückten Balkon.

Schräg gegenüber leuchtet der „Schatzsucherin“ ein goldgelber Bau entgegen. Das Eingangstor wird von Blättern und Blumen umrankt. Diese beschützen das obere, halbrunde Fenster der Türe, das durch ebenso geschwungene Linien, Blumen, Blätter und Sterne auf sich aufmerksam macht. Verfangen in Linien und Schnörkeln geht Michaela auf die Türe zu: „Mich würde interessieren, wie das Haus von innen aussieht“, denkt sie laut. Den Finger schon fast an der Glocke, zögert sie doch, anzuläuten.

In der Bahnstraße: Die Blumen,Blätter und Schleifen über dem Türrahmen geben Tiefe und faszinieren durch die feine Herausarbeitung sämtlicher Details.
Rainer Manzenreiter

Das nächste Kreuzerl ist an der Ecke Bahnstraße/Ernest Brosig-Gasse. Ein Haus in Hellgrau und Weiß. „Nach Jugendstil schaut mir das nicht aus“, meint Michaela mit fragendem Blick. Und doch: Bei näherer Betrachtung entdeckt sie zierliche Blätterranken, die sich am oberen Türrahmen verstecken. „Das bleibt also von der Modernisierung eines Jugendstil-Hauses übrig“, stellt sie traurig fest.

Ein paar Schritte zurück, ein Auto bleibt abrupt stehen. Als ob der Fahrer nach denselben Schätzen suchen würde, winkt er aufgeregt: „Haben Sie schon das Mosaik am Balkon da drüben gesehen?“, fragt der Hollabrunner Jugendstilfreund. Nach einem schnellen „Danke für den Tipp!“ wird raschen Schrittes geradeaus in die Bachpromenade gegangen.

Während Michaela noch ihre Kamera einschalten will, wird sie diesmal von den goldenen Strahlen eines Mosaiks geblendet. Aus einer Reihe von Häusern in gediegenem Pastell strahlt das prächtige Ornament von einem unscheinbaren Balkon. Die abendliche Sonne bricht sich am Mosaik und leuchtet in Michaelas Gesicht. Einen Schritt weiter sieht sie: Es wirkt größer und prächtiger, als es ist. Auf einem Untergrund aus Gold zieren zwei farbenprächtige Papageien, die auf blauen, geschwungenen Ranken thronen, die gelbfarbene Hauswand. Die Anziehungskraft ist so groß. Michaela vergisst fast darauf, zu fotografieren.

Jugendstilexperte Werner Lamm hatte Recht: „Viele Überbleibsel gibt es nicht, man muss danach suchen.“ Genau das hat Michaela Greil getan. Die Überbleibsel, die sie in Hollabrunn gefunden hat, waren großteils versteckt, aber eindrucksvoll. Sie schwärmt: „Jugendstil-Elemente an Bauwerken in so gutem Zustand habe ich selten gesehen.“

Die Reportage entstand in Zusammenarbeit der NÖN mit der Katholischen Medien Akademie.