Uraufführung von "Maria Magdalena" in Retz. Fulminant geriet die Premiere von „Maria Magdalena“ beim Festival Retz.

Von Christian Pfeiffer. Erstellt am 11. Juli 2019 (03:06)
Claudia Prieler
Ein hervorragendes Ensemble und eine packende Oper ergeben in Retz eine fulminante Uraufführung von Wolfram Wagners Interpretation der Figur Maria Magdalenas.

Gewohnt eloquent stimmte Intendant Alexander Löffler beim Premierenempfang vor der Uraufführung von „Maria Magdalena“ in der Stadtpfarrkirche St. Stephan vergangenen Donnerstag auf das Thema ein.

Er betonte den Stellenwert der Figur Maria Madalenas, deren Stellenwert über hunderte von Jahren verzerrt worden sei. Das Festival Retz wolle den Versuch unternehmen, dieser wesentlichen Figur der Passion Christi ihren angemessen Rang wieder zurückgeben.

Die – auffällig jung – besetzten Operncharaktere machten dann bei der Premiere gleich von Beginn an klar, dass dies gelingen wird. Starke Frauen, allen voran Maria Magdalena (Ursula Langmayr), dominieren die Szene. Sie sind keine dem Schicksal überantwortete Figuren, sondern bewusst handelnde und keine Konsequenzen scheuenden Charaktere.

Die Musik unterstützt diese Interpretation mit intensiven Momenten, atmosphärisch kantabilem Musikfluss und eindrucksvollen Höhepunkten. Wolfram Wagner unterläuft im positivsten Sinn jedes Vorurteil, das man gegenüber Kirchenoper haben könnte. Der Sog den der Abend erzeugt und so die Nettospielzeit von knapp 100 Minuten wie im Flug vergehen lässt, ist meisterhaft.

Anlass genug, den Komponisten Wolfram Wagner nach seiner Herangehensweise zu diesem Stoff zu befragen.

NÖN: Was war für Sie das Reizvolle an der Figur Maria Magdalena?

Wolfram Wagner: Die Frage nach der Persönlichkeit von Maria Magdalena hat sofort meine Neugier geweckt. In den Evangelien wird sie als Teil der Gefolgschaft Jesu und ihm sehr nahestehend beschrieben, sie war der erste Mensch, dem der Überlieferung nach die Auferstehungsbotschaft zuteil wurde.

Damit wurde sie zu einer ganz zentralen Person in der Verbreitung des christlichen Glaubens. Dass dieses Gewicht ihr, einer Frau, zukam, wirft einen bemerkenswerten Akzent auf die Bedeutung der Frau im Ursprung des Christentums (man denke in diesem Zusammenhang natürlich insbesondere auch an Maria, die Mutter Jesu).

Maria Magdalena musste das Leiden und Sterben ihres geliebten Meisters aus allernächster Nähe miterleben und ertragen, sie scheute sich nicht, am Kreuz zu stehen, an dem Jesus den Foltertod starb, und sie war bereit, den Leichnam zu waschen und zu salben. Ihre Nähe zu Jesus macht sie zu einer besonderen Person, aus deren Blickwinkel die Leidensgeschichte Jesu nachzuempfinden eine faszinierende Herausforderung war.

Worauf haben Sie den Schwerpunkt Ihrer Arbeit bei diesem Thema gelegt?

Wagner: Mein Anliegen war es, die Dramatik des Geschehens einzufangen, den Leidensdruck der Personen, die der Schicksalshaftigkeit der Ereignisse ausgeliefert sind, fühlbar zu machen, ihre Ängste, Hoffnungslosigkeit und endlich ihre emotionale Befreiung anlässlich der Auferstehungsbotschaft in Klänge zu fassen.

Wie wichtig ist für Sie das Libretto?

Wagner: Die Bibel erzählt das Geschehene so, wie es die Menschen damals erlebt und überliefert haben, und dem folgt auch das Libretto, nämlich insofern, als alle von der Librettistin Monika Steiner ( Anmerkung: Sie ist auch die Regisseurin der Uraufführung .) erfundenen Dialoge und Situationen dem Sinn des Evangeliums nachempfunden sind. Das Libretto ist der rote Faden durch die Komposition. Meine Musik unterstreicht das Wort, verweist darauf, was zwischen den Zeilen steht, was die Personen denken und fühlen, was in ihrem Inneren vorgeht. Wenn das Libretto einerseits der Anreger für die Musik ist, so ist es andererseits zugleich ihr Widerpart, da ja beide, Text und Musik, für sich ihre eigene Schlüssigkeit aufweisen müssen, um sinnhaft zu sein. Und doch bieten Text und Musik erst im Verein ihre inhaltliche Gesamtheit.

Wie modern ist die Form einer Kirchenoper?

Wagner: Die Gattung Kirchenoper ist jahrhundertealt. Die Form jedes Musikwerkes ist allerdings neu in dem Maß, in dem sie von der Individualität des Verfassers geprägt ist. In der Auseinandersetzung mit den Fragen des Seins, der Welt hinter den sichtbaren Dingen und des Sinns der Existenz jedes Einzelnen für sich und für andere findet sich in der Kirchenoper eine Chance auf zeitlose Aktualität. Ihr diesbezügliches Potenzial hat sie bis heute nicht eingebüßt.

Wie empfinden Sie die Zusammenarbeit mit dem Festival Retz bei der Umsetzung?

Wagner: Schlichtweg ideal. Als Komponist muss ich ein Werk, wenn es einmal fertig komponiert ist, denen überantworten, die es sich ans Herz wachsen lassen, um es überzeugend zur Aufführung zu bringen. Dass dieser Ablauf in diesem Maß gelungen ist, dafür hat die Festivalleitung die geeigneten Bedingungen geschaffen, wofür ich sehr dankbar bin.

Dankbar war auch das Premierenpublikum, dessen Jubel sich am Ende des Abends Bahn brach. Gut vorstellbar, dass es diese Oper in das Repertoire weiterer Opernhäuser schafft.