Wenn die Gefühle verrücktspielen .... Lebensberaterin Susanne Berger erklärt, warum uns frühere Erfahrungen jetzt stark prägen.

Von Sandra Frank. Erstellt am 14. April 2020 (12:48)
Lebensberaterin Susanne Berger erzählt im NÖN-Gespräch, mit welchen Werkzeugen es einem gelingt, die Krise trotz aller Herausforderungen gut zu meistern.
Lorant Buttinger

Die Bundesregierung verlängerte die Ausgangsbeschränkungen bis Ende April. Für viele ist das Reduzieren der persönlichen sozialen Kontakte ein Problem. Warum manche besser damit umgehen können, was eine solche Krise in uns auslöst und warum ausgerechnet Klopapier zu einem heiß begehrten Gut geworden ist, beantwortet die Lebens- und Sozialberaterin Susanne Berger aus Schöngrabern im NÖN-Gespräch.

NÖN: Was bedeutet die Krise für Therapeuten und Klienten?
Susanne Berger:
Seminare und Coachings wurden abgesagt. Aufgrund der vielen Anfragen stelle ich auf dem YouTube-Kanal "Susanne Berger" regelmäßig allgemeine Hilfestellungen zur Verfügung. Das unterstützt, lenkt ab, motiviert und – was ganz wichtig ist: Es heitert auf.

Was beschäftigt die Klienten in der Krise am meisten? Was kommt warum hoch?
Zentrales Thema sind natürlich Existenzängste. Wie geht es weiter? Wie lange wird diese Krise andauern? Verliere ich meinen Job? Wie lange wird sich das finanziell ausgehen? Viele Fragen, die große Ängste und Unsicherheit auslösen können. Das ständige Zusammensein, das viele einfach nicht mehr gewohnt sind, lässt außerdem Konflikte hochkommen, mit denen die Menschen zuvor nicht so unausweichlich konfrontiert waren. Man musste sich mit ihnen nicht in dem Ausmaß auseinandersetzen, weil es ja Flucht- und Rückzugsmöglichkeiten gab, die jetzt bei vielen sehr eingeschränkt sind. Auch werden durch solche Situationen oft unbewusst frühe Erfahrungen getriggert.

Was bedeutet das?
Erlebnisse aus der Kindheit und Jugend oder spätere bereits erlebte Umstände – zum Beispiel finanzielle Not durch Scheidung der Eltern oder durch den Job-Verlust des Vaters –, die diese aktuellen Ängste noch verstärken. Dadurch fehlt der neutrale Blick auf die Geschehnisse und so spielen unsere Gefühle oft verrückt.

Warum kommen manche Menschen besser damit klar, ihre sozialen Kontakte herunterzufahren, als andere?
Jeder geht mit Krisensituationen anders um. Wenn ich grundsätzlich eine positive Grundhaltung zum Leben habe, werde ich mit solchen Situationen leichter umgehen können, als wenn ich ein negatives Weltbild habe. Es ist ein Unterschied, ob ich ein introvertierter Mensch bin, der sich sowieso gerne zurückzieht, oder ob ich ein extrovertierter Mensch bin und das öffentliche, soziale Leben brauche. Es gibt Menschen, die schnell und eigenverantwortlich das Beste aus den Umständen machen, und andere, die es eben nicht gelernt haben, ungewohnte Situationen rasch zu händeln. Auch hier beeinflussen uns ganz stark unsere Prägungen und Erfahrungen.

Wozu kann man die Zeit der Ausgangsbeschränkung nutzen?
Wenn wir nicht mehr nach außen können, uns nicht mehr ablenken können, sollten wir die Zeit nutzen, nach innen zu schauen, um die eigenen Gedanken und Gefühle zu reflektieren. Was passiert da mit mir? Warum kommt dieses oder jenes Gefühl der Angst, der Unsicherheit etc. hoch? Woher kenne ich dieses Gefühl? Woran erinnert es mich? Wie kann ich damit besser umgehen? Was kann ich daraus lernen und entwickeln? Jede Krise ist bekannterweise eine Chance. Nutzen wir sie!

Immer wieder ist zu hören, dass Fälle häuslicher Gewalt steigen werden. Warum ist das so?
Viele Menschen sind mit sich selbst unzufrieden und nicht mit sich im Reinen. Oft sind sie auch wütend auf sich und ihre Umwelt. Sie schleppen Verdrängtes aus der eigenen Kindheit unbewusst im Erwachsenenleben mit und aufgestaute Gefühle, wie zum Beispiel Aggressionen, können plötzlich nicht mehr außerhalb – im Fitnessstudio oder im Freundeskreis –ausagiert werden. Für viele kommt noch erschwerend dazu, dass sie plötzlich auf engstem Raum ständig miteinander sein müssen, was das Ganze noch verstärkt. Und so kommt es leider bei Streitigkeiten immer öfter zur Eskalation bis hin zu häuslicher Gewalt.

Mit Ihren Vorträgen und Büchern geben Sie den Menschen verschiedene Werkzeuge mit, um Situationen zu meistern. Welche Werkzeuge sind während der aktuellen Krise gefragt? Was hilft, um nicht die Krise in der Krise zu bekommen?
Das mag einfach klingen, bewusstes Ein- und Ausatmen kann schon helfen. Wenn wir Angst haben, atmen wir oft nur mehr flach und darunter leidet auch das Immunsystem. Was ich persönlich liebe, ist die Klopftechnik. Das kann man sich vorstellen als eine Akupunktur, nur ohne Nadeln. Mit den Fingerspitzen werden bestimmte Akupunkturpunkte am Körper beklopft und es ist für Jung und Alt geeignet. Bei der Klopftechnik kann man nur einen Fehler machen, es nicht anzuwenden. Es wirkt schnell und effizient. Übungen hierzu zeige ich auf Facebook und unserem YouTube-Kanal.

Welche Tipps haben Sie, um das derzeitige enge Zusammenleben gut zu meistern?
Wenn wir plötzlich mit der gesamten Familie auf engstem Raum leben, sind Regeln und Rücksichtnahme besonders wichtig, damit es jedem gut geht und auch persönliche Rückzugsorte geschaffen werden können. Selbst in einer kleinen Wohnung. Spaziergänge an der frischen Luft, sofern möglich, sind wichtig, damit unsere Körperzellen wieder mit Sauerstoff versorgt werden. Geplante Tagesabläufe können eine Struktur schaffen und das Gefühl vermitteln, trotz der Krise viele alltägliche Dinge im Griff zu haben, was wiederum ein Gefühl der Sicherheit gibt.

Was wird den Menschen durch diese Coronakrise bewusst?
In die Krise kommen wird jeder irgendwann, auf die eine oder andere Art. Wichtig ist, durch die Krise durchzugehen, weil ich mich dadurch entwickeln kann. Es sind wieder alte Werte bewusster geworden. Zusammenhalt, Miteinander, aber auch Flexibilität und Kreativität. Der Mensch kann erkennen, wie wenig es oft braucht.

Wie sieht es bei Ihnen aus? Was hat Ihnen die Krise bewusst gemacht?
Ich nehme für mich sicherlich mit, dass es auch langsamer und bewusster geht. Außerdem haben die vergangenen Wochen uns als Familie noch mehr zusammengeschweißt.

Eine Frage, die man sich unweigerlich stellt, wenn man dieser Tage einkaufen geht: Warum hamstern die Menschen ausgerechnet Klopapier?
Na ja, wer ist nicht schon einmal auf der Toilette gesessen und hat plötzlich bemerkt, dass kein Klopapier mehr da ist ... Das sage ich jetzt natürlich mit einem Schmunzeln.

Viele Menschen ertragen es nicht, einer Situation hilflos ausgeliefert zu sein, wie jetzt bei dieser Corona-Pandemie.So kann sich ein Mensch zum Beispiel durch Hamsterkäufe das Gefühl verschaffen, die negativen Auswirkungen für sich und seine Familie so gering wie möglich zu halten. Wer Vorräte anlegt, vermittelt sich selbst das Gefühl, einen Plan zu haben, handlungsfähig zu bleiben und dadurch zumindest teilweise etwas kontrollieren zu können.

Wir Menschen sind außerdem Herdentiere. Vermutlich löst der Anblick der leer geräumten Klopapier-Regale im Supermarkt, verbunden mit der Berichterstattung über den Ausverkauf von Toilettenpapier, eine Reaktion aus, es den anderen Menschen gleichtun zu müssen – ganz egal, ob das in dem Moment einen Sinn ergibt oder nicht.