Mann von Gerüst erdrückt: Schuldsprüche nach S3-Drama. Pole wurde beim Abladen eines Gerüsts getötet. Richter verurteilte drei Angeklagte.

Von Sandra Frank. Erstellt am 28. Oktober 2020 (05:15)
Im November 2019 wurde ein Bauarbeiter auf einer S-3-Baustelle beimA bladen von einem Gerüst erdrückt. Jetzt wurden der Lkw-Fahrer, die Baustellenaufsicht und der Vorarbeiter wegen fahrlässiger Tötung schuldiggesprochen.
FF Hollabrunn

Als im vergangenen November auf einer Baustelle der Weinviertler Schnellstraße S 3 ein Gerüst abgeladen wurde, kam es zu einem fatalen Unfall: Die Elemente rutschten vom Lkw und quetschten einen Baustellenarbeiter ein. Der Pole überlebte diesen Unfall nicht.

Weil sie die Bauarbeiterschutzverordnung und die Arbeitsmittelverordnung missachtet hätten, mussten sich vier Angeklagte knapp ein Jahr nach dem tragischen Vorfall wegen fahrlässiger Tötung vor Richter Erhard Neubauer am Hollabrunner Bezirksgericht verantworten. Zunächst plädierten die Angeklagten auf nicht schuldig. Das sollte sich im Laufe der knapp vierstündigen Verhandlung ändern. Drei der Beschuldigten, der Lkw-Fahrer (51), der Baustellenaufseher (55) und der Vorarbeiter (44), wurden schließlich schuldig gesprochen und fassten Geldstrafen zwischen 720 und 4.500 Euro aus. Nur der 35-jährige Kranfahrer wurde freigesprochen.

„Hätte ich die Anweisungen nicht befolgt, wäre ich gekündigt worden. Wir werden ständig angeschrien, dass alles noch schneller gehen soll“Lkw-Fahrer

„Es ist eine Tragödie“, schickte der Verteidiger des Vorarbeiters voraus, aber: „Nüchtern betrachtet handelt es sich juristisch um eine Folge von Kausalitäten. Es sind viele einzelne Fehler zusammengefallen. Die Arbeiter stehen unter Zeitdruck, der ganze Bezirk Hollabrunn wartet sehnsüchtig auf die Fertigstellung der S 3.“ Er beantragte auch deswegen einen Freispruch für seinen Mandanten, weil bei aller Tragik, „ein erhebliches Verschulden des Opfers“ vorliege.

Neubauer und der Sachverständige Dietmar Haslinger ließen sich von allen Beteiligten genau schildern, was an jenem Tag passiert war: Als der Lkw-Fahrer mit der Ladung zur S 3-Baustelle kam, habe er sich mit dem Vorarbeiter die Stelle („Wir sind zu Fuß hingegangen.“), an der das Gerüst abgeladen werden sollte, genau angesehen. Beide Angeklagte waren verwundert über diesen Ort. Dieser befand sich nämlich auf einer Steigung. Außerdem habe es stark geregnet, die Oberfläche der Rampe war darum schlammig – und gefährlich. „Ich hab‘ drei Mal nachgefragt: Muss ich ganz bestimmt da hinauf fahren?“ Antwort aller Beteiligten: „Ja!“ Denn so habe die Anweisung des jeweils Vorgesetzten gelautet.

„Hätte ich die Anweisungen nicht befolgt, wäre ich gekündigt worden. Wir werden ständig angeschrien, dass alles noch schneller gehen soll“, verteidigt der Lkw-Fahrer seine Entscheidung.

Ein Verständigungsproblem habe es ob der unterschiedlichen Muttersprachen – der Lkw-Fahrer ist Ungar, der Vorarbeiter Pole, beide waren mit Dolmetscherin bei der Gerichtsverhandlung – nicht gegeben, wie der 51-Jährige angibt. „Auf der Baustelle sprechen wir Deutsch, es hat noch nie Missverständnisse gegeben.“

Abladeort war viel zu steil und schlammig

Auch der Vorarbeiter habe seinen Vorgesetzten, den 55-jährigen Baustellenaufseher und Gerüstbaumeister, gefragt, wo der Lkw abgestellt werden soll. „Dort war es lächerlich, es war sehr viel Schlamm und die Steigung war zu groß“, so der Bauarbeiter. Und dennoch führte der 44-Jährige die Anweisung aus. Er selbst kletterte auf die Gerüst-Elemente, um sie von oben so zu befestigen, dass sie der Kran herunterheben konnte.

Beim ersten Element ging noch alles gut, doch beim zweiten gerieten die Teile ins Rutschen und erdrückten das 49-jährige Opfer. Weder der Kranführer, noch der Lkw-Fahrer – der sich im Führerhaus befand – oder der 44-Jährige sahen, dass der Pole hinter dem Lkw stand.

Für den Sachverständigen ist klar: „Es ist möglich, auf einer solchen Rampe abzuladen.“ Man müsste die Ladung durch mehrere Gurte eben besser sichern. Und: „Auf und hinter dem Lkw hat in so einer Situation keiner etwas verloren“, machte er deutlich.

„Es tut mir leid, dass es so gekommen ist“, meint der 55-Jährige, der schließlich eine Teilschuld eingestand. Auch der Vorarbeiter änderte seine Meinung. „Er bekennt sich schuldig, er sieht den Fehler jetzt ein. Er ließ die Zurrgurte ganz entfernen, dadurch begann das Ladegut zu rutschen“, so sein Verteidiger.

„Fest steht,“, setzte Neubauer bei der Urteilsbegründung an, „dass der Lkw-Fahrer eine sehr untergeordnete Rolle gespielt hat. Dennoch war es kein sicherer Abladeort.“

Der 55-Jährige hätte als Aufsichtsorgan nach der Betriebsanweisung handeln müssen. Diese besagt, dass die Elemente auf ebener und sauberer Fläche abgeladen werden müssen. Der dritte Angeklagte hätte sich beim Abladen nicht auf dem Lkw befinden dürfen. So sprach Neubauer die drei Männer schuldig, die fahrlässige Tötung herbeigeführt zu haben.