Senioren-WG mit Bauernhof: „Leuchtturm“ bewahrt vor Vereinsamung

Erstellt am 05. Oktober 2022 | 05:40
Lesezeit: 4 Min
In Maria Roggendorf entsteht ein einzigartiges Projekt von Christa Schwinner: ein Tageszentrum für ältere Menschen samt Senioren-WG.
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„Das, was ihr hier macht, ist ein Leuchtturmprojekt und wirklich vorausschauend. Alle, die hier einziehen, sind Pioniere.“ Anna Winklehner von der Caritas Wien war der Enthusiasmus anzuhören, den das Green-Care-Projekt „Sonnenplatzerl“, das mitten in Maria Roggendorf entsteht, in ihr entfachte.

Diese Begeisterung teilt Leader-Geschäftsführerin Renate Mihle: „Dieses Projekt ist herausragend“, ist sie froh, den Start und die Planung begleiten zu dürfen. Die Rede ist von Christa Schwinners Herzensprojekt: Eine betreute Seniorenwohngemeinschaft sowie ein Tageszentrum für ältere Menschen am Bauernhof.

Schwinner war überwältigt, als sie am Samstagnachmittag ins Maria Roggendorfer Dorfzentrum blickte. Dieses war voller Interessenten, „mehr, als sich angemeldet hatten“, strahlte sie. Die Maria Roggendorferin ist 44 Jahre alt, hat vier Kinder, wird bald zum ersten Mal Oma und erkannte schon vor 25 Jahren: „Das Betreuen älterer Menschen ist einfach meins.“

Eine Senioren- wohngemeinschaft ist bei uns am Land nicht üblich.“
Christa Schwinner,  Projektinitiatorin

Sie ist diplomierte Krankenschwester, arbeitete aber als Landwirtin und war daheim bei ihren Kindern. Als sie vor fünf Jahren die Ausbildung zur Landwirtschaftsmeisterin absolvierte, kam sie zum ersten Mal mit dem Begriff „green care“ in Berührung. So entstand ihr Abschlussprojekt. „Das wurde zu meinem Herzens- und Lebensprojekt.“

Was ihr im Pflegebereich auffällt: „Es fehlt die Zeit, um individuell auf Menschen einzugehen.“ Am Sonnenplatzerl wird das anders sein: Im Tageszentrum stehen Geselligkeit und gemeinsame Tätigkeiten im Vordergrund. Kochen, backen, garteln oder sich um die Tiere kümmern. Bleiben ältere Menschen geistig und körperlich aktiv, „erhöht sich die Chance, länger daheim zu leben; außerdem kann der Pflegebedürftigkeit vorgebeugt werden“, weiß Schwinner. Denn das Schlimmste für die ältere Generation sei, wenn sie sich alleine und einsam fühlt.

Das bestätigten Hannes Heissl, der die Konzeptionierung und Projektentwicklung betreut, und Michael Daxner. Gemeinsam erstellten die beiden den Forschungsbericht „Wohnen im Alter in Niederösterreich“. Daxner sprach über einen großen Zuwachs an älteren Menschen. Es sei nicht gut, wenn diese alleine gelassen werden. „Die 1:1-Pflegebetreuung ist ein Auslaufmodell“, betonte er. Aber: „Eine Person kann mehrere Menschen betreuen.“

Christine Mitterlechner ist Montessori-Geragogin. Bei ihr machte Schwinner die Ausbildung zur freien Lernbegleiterin. Das innovative Lernkonzept, das sie entwickelte, beinhalte spezielle Lernmaterialien für ältere Menschen, die übrigens in der Justizanstalt Sonnberg hergestellt werden. „Ich bin selbst ein Oldie und ich lebe gerne. Man muss die Lebensfreude immer mitdenken“, betont die fast 76-Jährige, wie wichtig es ist, aktiv zu bleiben und Lust am (wieder) Lernen zu haben.

Das Tageszentrum wird Montag bis Donnerstag von 8 bis 17 Uhr geöffnet sein. Der Tag beginnt mit einem gemeinsamen Frühstück, bei dem Arbeiten aufgeteilt werden, es wird gemeinsam gekocht, Ruheräume stehen zur Verfügung, am Nachmittag gibt’s Kaffee und Kuchen, „der hoffentlich am Vormittag gemeinsam gebacken wurde“, so Schwinner.

Senioren-WG als innovatives Projekt

Innovativ ist die Seniorenwohngemeinschaft. „So etwas ist bei uns am Land nicht üblich“, weiß die 44-Jährige. Es wird neun Einzelzimmer geben. Sechs davon verfügen über einen eigenen Zugang zum Garten sowie über ein eigenes Bad und WC. Drei Räume – mit Blick auf die Basilika – teilen sich Bad und WC. Nicht nur die Zimmer, auch der große Garten mit den Tieren wird barrierefrei sein. „Es ist sicher eine große Umstellung, von einem großen Haus in ein Zimmer zu ziehen“, kennt Schwinner die Bedenken. Darum sind die Zimmer unmöbliert, damit die künftigen Bewohner ihre gewohnten Einrichtungsgegenstände mitbringen können und sich so rascher wie zu Hause fühlen.

„Wir brauchen noch Rahmenbedingungen, um hier Förderungen zu bekommen“, appellierte Winklehner an die beiden Landtagsabgeordneten Richard Hogl (ÖVP) und Georg Ecker (Die Grünen), sich dafür einzusetzen.

„Wer sich entschieden hat, hierher zu ziehen, der darf bis zum Schluss bleiben“, betont Schwinner, dass ab Pflegestufe 4 mobile Pflegedienste zum Einsatz kommen und niemand das „Sonnenplatzerl“ verlassen muss. Wie sieht der Zeitplan aus? „Mein Traum ist es, dass wir Mitte 2023 eröffnen.“ Bei der Besichtigung konnte sie schon den Rohbau fürs Tageszentrum zeigen, die Wohnungen werden in den nächsten zwei Wochen errichtet.

„Man kann nur froh sein, so engagierte Menschen in der Gemeinde zu haben“, ist Bürgermeister Hogl stolz auf das zukunftsorientierte und tolle Projekt, das an einem beschaulichen, ruhigen Ort entsteht.

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