Bruchbude in Rohrendorf wird zu Projekt. Nabila Irshaid über ihre Vision und warum sie ein verfallenes Haus in Rohrendorf erwarb.

Von Romana Schuler. Erstellt am 07. Mai 2021 (04:15)
Die Initiatorin von „Jeanskamel“, Nabila Irshaid, vor der Toreinfahrt ihres Hauses in Rohrendorf. 
Romana Schuler

Nabila Irshaid hat in Hamburg mediale visuelle Kunst studiert. Seit 2018 lebt sie in Wien und arbeitet an ihrem sozial-künstlerischen Projekt „Jeanskamel“, das sie 2016 während der großen Flüchtlingswelle in Salzburg initiierte. Vor Kurzem hat sie nun ein typisches altes Weinviertler Bauernhaus mit Innenhof in Rohrendorf an der Pulkau erworben.

Über lange Jahre war das Haus unbewohnt und dem Verfall überlassen. Im langgestreckten Garten, der von der Natur zurückerobert worden ist, befindet sich ein Presshaus mit Kellerröhre, ebenfalls in desolatem Zustand. Diese Gegebenheiten haben die Künstlerin veranlasst, ein Gemeinschaftsprojekt im Sinne der „Solidarischen Ökologie“ zu realisieren. Die NÖN traf Nabila Irshaid vor Ort, um mehr über ihre Ideen und Vorhaben zu erfahren.

NÖN: Wie kommt es, dass eine erfolgreiche Videokünstlerin sich vorrangig mit sozial-künstlerischen Projekten beschäftigt?

Nabila Irshaid: Ich war letztlich mit der Art, wie man ein Kunstwerk in einer Ausstellung präsentiert – es einfach dort zeigt, für eine bestimmt Zeit vorführt, ohne dass man anwesend ist –, nicht mehr zufrieden. Ich wollte mit meiner Kunst wirklich etwas verändern, etwas für andere tun; die Menschen am Projekt wirklich teilhaben lassen; meine Autorenschaft fast ganz aufgeben.

Mit welcher Arbeit ist Ihnen das bewusst geworden?

Irshaid: Das war 2010 bei einem Projekt in der Kirche von Matrei in Osttirol. Im Rahmen eines Festivals habe ich gemeinsam mit der Bevölkerung neue Polster für ihre Kirchenbänke geschaffen. Jede und jeder hat sein eigenes Sitzpolster bekommen. „Jeanskamel“ ist dann 2016 entstanden, da habe ich Nähmaschinen organisiert und mit den angekommenen Flüchtlingen Taschen genäht. 2018 habe ich in Wien in einem aufgelassenen Gasthaus im 17. Bezirk mein Konzept von leistbaren und kreativen Räumen für Kultur- und Kunstprojekte erweitert. Alle sind da willkommen, man kann dort nähen, kochen oder Musik machen. Es ist ein offener Ort, wo man teilnehmen oder auch Dinge tauschen kann. Für mich ist gemeinsames Leben, Arbeiten und Wirtschaften ein wichtiger Aspekt, womit sich Lebensqualität in vielerlei Hinsicht verbessern lässt. Daher glaube ich, dass solche Konzepte in der Zukunft sicherlich an Bedeutung zunehmen werden. Es erschließen sich dann für mich Begriffe wie „Gemeinwohlökonomie“ oder „Solidarische Ökologie“ wie von selbst.

Was passiert nun in Rohrendorf Nr. 48?

Irshaid: Das rund 180 Jahre alte Haus mit dem großen Garten soll schrittweise instandgesetzt werden. Das soll mithilfe von Do-it-yourself-Workshops zu den unterschiedlichsten Themen erfolgen. Ich denke, zunächst muss das Haus bewohnbar gemacht werden. Es ist im Wesentlichen als Lehmbau errichtet worden. Daher wird der erste Schritt sein: Wie geht man mit Lehmbau um? Was ist dabei zu beachten? Weitere wären dann: Wie bohrt man einen Brunnen, wie baut man einen Brunnen mit Pumpe, aber auch ein Kompostklo? Das geht dann weiter bis zum Dach. Wie funktioniert das Dachdecken und wie wird ein Dachbodenausbau gemacht? Dafür suche ich Experten, bei denen interessierte Leute in Workshops fachliche Anleitung zu dieser Materie erhalten können. Über die Beitragsgebühr der Teilnehmer wird der Leiter des Workshops finanziert. Es geht nicht um Gewinne, sondern um ein klimagerechtes Bauen und um eine Erweiterung der Dorfgemeinschaft. Man sagt ja: Regional ist das neue Global.

Wann und wo kann man sich anmelden?

Irshaid: Wir beginnen mit einem zweitägigen Workshop zum Lehmbau mit Hubert Feiglstorfer und Roland Meingast, beide lehren an der BOKU/TU in Wien. Termin des ersten Workshops ist am 8. und 9. Mai. Ein zweiter Termin ist am 18. und 19. September vorgesehen. Die Teilnahme ist begrenzt, es sollten nicht mehr als zwölf Personen sein. Anmelden kann man sich per E-Mail an jeanskamel@icloud.com .