Nach 30 Jahren: Gedenken an einstiger Todeszone. Hohen Besuch empfingen Bürgermeister Fritz Schechtner und Nationalpark-Thayatal-Direktor Christian Übl am Freitag in Hardegg, Österreichs kleinster Stadt.

Von Christoph Reiterer. Erstellt am 29. November 2019 (21:40)

Der Anlass dafür war historischer Natur: Die Außenminister Alexander Schallenberg und Tomas Petricek sowie Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner und Südmährens Kreishauptmann Bohumil Simek nahmen an der Gedenkveranstaltung zum 30. Jahrestag der Beseitigung des Eisernen Vorhangs an der Grenze mit der damaligen Tschechoslowakei teil.

So beschritten die Ehrengäste mit großem Gefolge die Thayabrücke, die einst die beiden Staaten trennte: In der Mitte trafen Österreicher und Tschechen zum gemeinsamen Foto zusammen, ehe es sich ein Konvoi nach Čížov in Bewegung setzte, ins Besucherzentrum des tschechischen Nationalparks Podyjí, wo eine gemeinsame Pressekonferenz stattfand; in unmittelbarer Nähe des Eisernen Vorhangs, von dem noch Reste zu sehen sind, und der einstigen Todeszone. 

Schallenberg sprach von einem „Wendepunkt in der europäischen Geschichte“. Es sei eine Grenze des Schmerzes und der menschlichen Tragödien gewesen. 129 Menschen verloren in der Todeszone ihr Leben, drei im Nationalparkgebiet. „Die Dunkelziffer liegt vermutlich um vieles höher“, so Österreichs Außenminister.  

"Letzter Akt" am Westbalkan

Für die Jugend sei es heute unvorstellbar, was sich hier, in der Mitte von Europa, noch vor erst 30 Jahren („In der Geschichte ist das nichts!“) zugetragen hat. „Es ist ein Prozess entstanden, der weder selbstverständlich noch unumkehrbar ist“, mahnte Schallenberg, der an die „menschliche und politische Sternstunde“ zurückdachte. Die damaligen Führer in Europa hätten eine Chance erkannt und seien bereit gewesen, diese am Schopf zu packen. „Diesen Mut und diese Weitsicht brauchen wir auch heute in Europa.“

Damit verwies der Außenminister auf den „letzten Akt der Überwindung der Trennung“ in Europa, den es am Westbalkan zu schaffen gelte. Schallenberg unterstrich, dass Österreich ein Verfechter sei, EU-Beitrittsverhandlung mit Nordmazedonien und Albanien rasch in die Wege zu leiten. Die Staaten in Zentraleuropa seien dazu berufen, Sorge zu tragen, dass keine neuen Gräben entstehen. Das Wunder, das 1989 gelungen sei, müsse alle Beteiligten mit Zuversicht erfüllen.


„Nie wieder zurück in die alte Zeit!“

Es sei ein Tag der Freude, aber auch des Respekts und der Ehrfurcht, unterstrich Johanna Mikl-Leitner. Er habe es möglich gemacht, dass Niederösterreich von einer benachteiligten zu einer Wachstumsregion wurde. „Ich bin ein Kind der Grenzregion und eine Frau der mittleren Generation“, sagte die gebürtige Hollabrunnerin aus Großharras (Bezirk Mistelbach), „und ich möchte nie wieder zurück in die alte Zeit!“

Man stehe nun hier unter Europäern, als Nachbarn, Freunde und Partner; durch eine wunderbare Natur verbunden, verwies die Landeshauptfrau auf die beiden Nationalparks, die eng miteinander kooperieren. „Wir haben die Verantwortung, alles zu tun, diesen Frieden und diese Freiheit zu erhalten und auszubauen.“ Sie wünsche sich, dass die Zusammenarbeit weiter intensiviert wird.


Nicht zuletzt gehe es an einem solchen Tag auch darum, die Bilder für die junge Generation hinauszutragen; denn nur, wenn diese verstehe, was damals passiert ist, könne diese heute die richtigen Entscheidungen treffen und auf dem Gelernten aufbauen.  


Petricek lobte die historische Rolle Österreichs sowie den Mut der Demonstranten, die 1989 in der kommunistischen Tschechoslowakei für die Freiheit und Demokratie auf die Straße gegangen waren. Er lobte auch die historische Rolle Österreichs. Sein Land habe seit der Wende eine weite Strecke zurückgelegt. Die Bürger seien überzeugte Europäer geworden.

Berühmtes Bild nachgestellt

An die Wende im früheren kommunistischen Ostblock vor 30 Jahren hat Schallenberg auch persönliche Erinnerungen. Er war nach der Grenzöffnung als 20-Jähriger mit Freunden mit dem Auto nach Prag gefahren. "Es war ein unglaubliches Gefühl für mich persönlich, weil mein Großvater, meine Familie in Prag gelebt hat bis 1949, mein Vater (Wolfgang Schallenberg, früherer Generalsekretär im Außenministerium, Anm.) ist dort aufgewachsen. Das war für mich eine Reise in eine völlig unbekannte Vergangenheit."


Bürgermeister Schechtner und die Nationalpark-Direktoren hatten schließlich die Ehre, mit Tomas Petricek und Bohumil Simek jenes berühmte Bild vom 17. Dezember 1989 nachzustellen, das die damaligen Außenminister Alois Mock und Jiri Dienstbier dabei zeigt, wie sie mit einer Zange den Stacheldraht beim Grenzübergang Kleinhaugsdorf-Hatě durchschneiden. Es ging als Sinnbild für das Ende des Kalten Krieges um die Welt.  

Hintergrund:

Am 30. November 1989 hatte die tschechoslowakische Regierung den "unverzüglichen" Abbau des Eisernen Vorhangs an der Grenze zu Österreich angekündigt, nachdem zuvor nach den Protesten der sogenannten Samtenen Revolution KP-Chef Milos Jakes und die gesamte Führung der Kommunistischen Partei zurückgetreten waren. In Österreich machte man sich auf einen "Sturm" der CSSR-Bürger gefasst, dieser blieb aber aus. 

Nach einem zögerlichen Start kamen ab 6. Dezember zahlreiche Tagestouristen ins Land. Am 17. Dezember 1989 setzten der damalige Außenminister Alois Mock (ÖVP) und sein tschechoslowakischer Amtskollege Jiri Dienstbier dann den symbolischen Akt: Sie durchschnitten den Stacheldraht beim Grenzübergang Kleinhaugsdorf-Hatě.