Geldstrafe nach tödlichem Unfall. Opfer hätte auf Baustelle nicht aufs Dach klettern dürfen, sagte Angeklagter aus dem Bezirk Horn. Schuldspruch kassierte er trotzdem.

Von Sandra Frank. Erstellt am 03. März 2021 (03:37)
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Ein 62-Jähriger wurde im November 2020 bei einem Arbeitsunfall getötet: Auf einer Lagerhalle sollte ein Blitzableiter montiert werden. Der Mann, der sich in seiner Pension etwas dazuverdienen wollte, brach durch eine Dachplatte und stürzte über sieben Meter in die Tiefe. Für ihn kam jede Hilfe zu spät.

Farid Rifaat plädierte auf die Unschuld seines Mandanten. Dieser wurde dennoch mit einer Geldstrafe bedacht.
APA/Hans Punz

Am Montag musste sich nun sein Arbeitgeber vor Richter Erhard Neubauer wegen fahrlässiger Tötung verantworten. Verteidigt wurde er vom Wiener Staranwalt Farid Rifaat.

„Alle Mitarbeiter hatten die Anordnung, Arbeiten unten am Boden zu verrichten“, erklärte Rifaat, dass sich der Verstorbene diesen Anweisungen widersetzt habe und trotzdem aufs Dach gestiegen war. „Ein Verschulden des Angeklagten liegt nicht vor.“ Folgerichtig plädierte sein Mandant auf nicht schuldig.

Der 54-jährige Angeklagte schilderte dem Richter, dass er jeden Tag auf der Baustelle vor Ort war, der Unfall am 9. November hatte sich ereignet, bevor er dort eingetroffen war. Seine Mitarbeiter hätten noch etwa eine Woche lang Arbeiten auf dem Boden verrichten sollen, ehe es aufs Dach gehen sollte. Er habe dem 62-Jährigen am Freitag, bevor er das erste Mal auf der Baustelle war, gesagt, dass dieser nicht aufs Dach dürfe, erzählte der 54-Jährige von einer telefonischen Unterweisung.

Die drei Mitarbeiter, die sich ebenfalls auf der Baustelle befanden, sagten aus, dass niemand den Auftrag hatte, aufs Dach zu klettern. „Es war rutschig. Der Chef hat nicht angeschafft, aufs Dach zu steigen“, sagte ein Zeuge. Nur bis zur Dachkante durften sich die Männer vorarbeiten.

„Seil war doppelt so lang wie Dach hoch“

„Niemand sollte aufs Dach steigen“, wiederholte ein weiterer Zeuge (39). Das Opfer sollte den drei Männern überhaupt nur zuarbeiten, ihnen Material oder Werkzeug reichen. Stutzig machte den Richter aber die Aussage des 39-Jährigen bei der Polizei. Dort hatte dieser nämlich erklärt, dass er aufs Dach hätte klettern sollen, aber das Opfer darauf bestand, dies selbst zu tun. „Ich war generell zuständig, aufs Dach zu steigen. Aber nicht an diesem Tag, das Wetter war ja gar nicht danach“, entgegnete der Zeuge.

Ohne deutliche Anweisung ihres Chefs wäre niemand aufs Dach gestiegen. Das sagten alle Mitarbeiter aus. Warum der 62-Jährige dennoch hinauf kletterte, wusste niemand. Der Mann war zwar mit Sicherheitsgurt und Seil unterwegs, aber: „Das Seil war doppelt so lang, wie das Dach hoch war. Darum war es völlig sinnlos“, schilderte der Sachverständige Robert Scherz. Ein sogenannter Seilkürzer, der unbedingt verwendet werden müsste, habe gefehlt. Dass der 62-Jährige nicht sicher angeseilt war, sei die Hauptursache des Unfalls gewesen.

„Es ist passiert, weil ein Mitarbeiter die technische Unterweisung des Angeklagten nicht befolgt hat“, wiederholte Rifaat in seinem Schlussplädoyer. Niemand hätte an diesem Tag auf das Hallendach steigen dürfen. Es habe noch ausreichend Arbeiten auf dem Boden gegeben, wie das Beweisverfahren gezeigt habe. Sein Mandant sei freizusprechen.

Richter Neubauer sah das anders und sprach den 54-Jährigen der fahrlässigen Tötung schuldig. Dieser habe keine Aufsichtsperson auf der Baustelle benannt und nicht die entsprechende Schutzausrüstung für Arbeiten auf dem Dach zur Verfügung gestellt. „Ich glaube nicht, dass nur noch unten gearbeitet werden musste …“ Der Angeklagte wurde zu einer Geldstrafe von 4.140 Euro verurteilt. Rifaat erbat Bedenkzeit.