Regina Fritsch: "Wir sitzen alle in einem Boot". Die aus Hollabrunn stammende Schauspielerin, seit 1985 Ensemblemitglied an der Wiener Burg, die eigentlich Bäuerin werden wollte, spricht über die vorherrschende Krise, ihre Absage an den Materialismus und wer und was sie in Hollabrunn geprägt hat.

Von Elisabeth Hess. Erstellt am 26. November 2020 (06:57)
Regina Fritsch blickt mit Zuversicht nach vorne. Der erste Lockdown sei für sie sogar eine Befreiung gewesen.
Jeanne Degraa

NÖN: Wie verbringen Sie jetzt den zweiten Lockdown?

Der erste Lockdown hat mich in einer Phase meines Lebens getroffen, wo es für mich das Beste war, was mir passieren konnte. Es war eine große Befreiung, weil ich gesehen habe, wie wenig ich brauche und in welchem Hamsterrad ich gefangen bin. Was das für ein Stress ist, den ich mir täglich antue und ich gar nicht merke. Man war plötzlich gezwungen, stillzustehen und für mich war das sehr beglückend. Diese Erleichterung spüre ich im zweiten Lockdown nicht mehr, vor allem durch die vielen Arbeitslosen. Gerade auch in unserem Beruf gibt es viele Kollegen und Kolleginnen, die vor dem Nichts stehen und nicht in ausreichender Weise vom Staat unterstützt werden.

Wie geht’s Ihnen, wenn alle Kulturstätten geschlossen sind? 

Ich habe keine Panik, wenn kein Theater oder Kino stattfindet oder Museum offen hat. Ich finde, wir leben noch immer in einem sehr bevorzugten Umfeld. Es gibt Bücher, DVDs, Filme, Social Media ...

Wie erleben Sie das als Mutter zweier Töchter und bei Ihren Studierenden? 

In der Mitte seines Lebens kann man viel gelassener sein, aber was meine Studierenden betrifft und auch meine Töchter, bedrückt es mich schon sehr, dass sie in ein Loch fallen und eine Orientierungs- und Perspektivlosigkeit im Moment erleben. Sie fühlen sich „lost“.

Was raten Sie da Ihren Schülern? 

Den Mut nicht zu verlieren. Wir sitzen alle in einem Boot und das Leben verläuft nicht linear. Man hat ja auch keine lineare Karriere, es gibt immer wieder solche Durchhänger, wo nichts reinkommt und man kein Engagement bekommt. Ich versuche, sie damit zu trösten.

Ihre Tochter ist auch Schauspielerin, damit waren Sie am Anfang nicht ganz einverstanden ...? 

Rückblickend frage ich mich, warum ich mich so aufgeregt habe. Ich finde diesen Beruf schwer. Vor allem, was das Drumherum betrifft. Es ist ja nicht so, dass man nur auf der Bühne steht und einfach immer mit toller Literatur zu tun hat. Man ist sehr abhängig als darstellender Künstler, muss mit viel Kritik umgehen und lernen, sich nicht verunsichern zu lassen, seinen Weg zu finden, seine Persönlichkeit weiterzuentwickeln.

Wünschen Sie sich jetzt in der Krise, dass sie einen „Brotberuf“ ausgeübt hätte? 

Ich habe meiner Tochter abgeraten, weil sie noch andere große Talente hat. Sie ist auch eine sehr begabte Schriftstellerin. Es wäre wohl mindestens genauso schwierig, darin Fuß zu fassen.

Woran proben Sie denn gerade? 

Momentan proben wir „Bunbury“ von Oscar Wilde. Wir werden zweimal pro Woche getestet. Der Regisseur und sein Team tragen Masken.

Sie haben auch ein „Tiny House“?  

Ja, Minimalismus begeistert mich. Ich bin jede freie Minute dort.

Wie sind Sie darauf gekommen? 

Es ist eine Absage an den Materialismus. Obwohl man selbst viele Dinge hat, hat es mich immer gestört, so gefangen in diesem System zu sein. Ich weiß, dass ich etwas nicht brauche, trotzdem kaufe ich es – das ist doch verrückt. Zuerst wollte ich groß bauen, dann bin ich immer bescheidener geworden und habe mich gefragt: Was brauche ich wirklich? Jetzt bin ich bei 17 Quadratmeter. Ich habe mich gefragt: Was ist notwendig? Und notwendig ist die Umgebung, die Natur.

"Ich war ein Spät-Hippie"

Waren Sie schon immer so veranlagt? 

Ja. Meine Eltern haben sich eine Villa gebaut und sehr viel gearbeitet dafür. Mich hat immer gestört, dass das auf Kosten von so vielen anderen Dingen ging. Am Ende jeden Tages steht die Frage: Wozu? Wozu strenge ich mich so an? Warum habe ich so einen Stress? Bin ich dadurch glücklicher? Ich war ein Spät-Hippie: Bereits mit 13 habe ich mit meinen Freundinnen viel selbst gemacht: Emaillieren, Töpfern, Ohrringe ... Wir sind mit einem Bauchladen am Karlsplatz gegangen und haben das verkauft. Diese Hippie-Ideologie gefällt mir bis heute. Die ganzen Proteste, die stattgefunden haben, gegen das Atomkraftwerk in Zwentendorf, das Volksbegehren gegen die Verbauung der Hainburger Au, gegen Massentierhaltung, „Jute statt Plastik“ – es war alles schon da! Viel Zeit ist vergangen, aber es hat sich nichts an Brisanz verändert. Das ist bedrückend, finde ich.

Würden Sie sagen, dass Sie mit dem „Tiny House“ das erreicht haben, was Sie schon damals als Kind wollten?  

Ja! Ich könnte nicht sagen, dass ich mich als Schauspielerin zu 100 Prozent sicher fühle, weil ich mehr als genug an mir auszusetzen habe. In meinem Minihaus im Wald hat diese Geißelei Pause, dort spielt mein Ego keine Rolle.

Wie war die Wiederaufnahme der Dreharbeiten nach dem coronabedingten Abbruch des Landkrimis „Vier“? 

Ich habe vor dem Lockdown nur einen Tag gedreht und dann habe ich damit gerechnet, dass das höchstens 14 Tage, drei Wochen dauert – daraus sind Monate geworden. Aber danach haben wir einfach wieder dort weitergemacht, wo wir aufgehört haben. Wir wurden jeden Tag getestet, es haben sich auch alle an Maske und Abstand gehalten.

Wie war das, als Sie die Nachricht erhielten, dass der Dreh abgebrochen wird? 

Ich konnte es nicht recht glauben, man weiß ja, was das kostet, wenn man einen Tag verliert. Es geht ja immer zuerst ums Geld …

"Hollabrunn ist ein prägender Teil meines Lebens"

Schwenk nach Hollabrunn: Sie sind ja dort aufgewachsen, was assoziieren Sie mit Hollabrunn? 

Einen unglaublich wichtigen, prägenden Teil meines Lebens. Bis zum Tod meiner Eltern vor drei Jahren war ich verwurzelt in Hollabrunn, weil ich mich sehr um meine Mutter gekümmert habe, die durch einen Schlaganfall halbseitig gelähmt war. Meine Eltern waren sehr prägend für mich. Im Nachhinein hatte das nicht nur Vorteile, weil es mein Leben vielleicht zu sehr bestimmt hat. Jetzt habe ich das Haus verkauft und bin losgelöst von Hollabrunn.

Haben Sie Lieblingsorte/-plätze in Hollabrunn? 

Natürlich, der Ernstbrunner Wald war für mich ganz wesentlich. Das Weinviertel ist überhaupt so schön. Ich habe immer Hunde gehabt und bin dort viel spazieren gegangen. Die Natur ist mir sehr ans Herz gewachsen.

Sind Sie so naturverbunden aufgewachsen? 

Durch meine Eltern eigentlich nicht, aber durch meine Großmutter, die mich sehr inspiriert hat. Sie war eine einfache Frau, die einen Mini-Bauernhof in Hollabrunn hatte. Ich habe nie wieder einen Menschen getroffen, der so gut, so „gütig“ war. Sie hat nie über jemanden geschimpft, immer hart gearbeitet, war immer großzügig – eine wunderbare Frau.

Haben Sie sich etwas von Ihrer Großmutter mitnehmen können? 

Auf jeden Fall die vielen Erinnerungen und ein blaues Salzfass. Das steht im „Tiny House“.

War der Wunsch, Schauspielerin zu werden, früh da? 

Nein. Ein Wunsch war es eigentlich nie. Es war eigentlich nur das Letzte, das mir eingefallen ist, was ich beruflich tun könnte. Mich hat viel interessiert, aber es muss bei mir immer alles sofort funktionieren. Ich habe ins Telefonbuch geschaut, was es für Schauspielschulen gibt. Ich wurde genommen und bin dabei geblieben. Es war sehr unromantisch eigentlich.

"Wie Alice im Wunderland gefühlt"

Sie sind ja auch blutjung, mit 21 Jahren, ans Burgtheater gekommen. Wie war das? 

Es haben mir alle geraten, zuerst in die Provinz zu gehen, aber es hat sich anders ergeben. Mein großes Glück beim Burgtheater war, dass ich auf Menschen gestoßen bin, die mich gefördert haben: Achim Benning, Erika Pluhar, Robert Meyer, der mein Lieblingspartner war, Karl Heinz Hackl, Paula Wessely – ich habe mich ein bisschen wie Alice im Wunderland gefühlt, weil ich die alle sehr verehrt und als ganz tolle Kollegen und Kolleginnen erlebt habe.

Sie haben ja gesagt, dass diese Branche keine leichte ist. Wie war das dann mit 21 Jahren? 

Zum Glück kennt man in diesem Alter noch nicht zu viele Hintergründe. Das ist ein Vorteil. Dass man als Schauspielerin auch eine Schachfigur ist, dass man so austauschbar ist, das glaubt man nicht, wenn man so jung ist.

Wenn Sie ein zweites Leben hätten, welchen Beruf würden Sie dann ausüben? 

Ich wollte immer Bäuerin werden und es wundert mich, dass ich so derartig abgekommen bin von meinem Weg (lacht). Ich wäre gerne Biobäuerin, mit Permakultur und ohne Nutztiere; also keine, die man schlachtet. Im Einklang mit der Natur zu leben, das wäre es. 

Welche Auswirkungen hat Ihrer Meinung nach Covid-19 auf die Kulturszene? 

Außer schwerer finanzieller Einbußen meiner Meinung nach keine ... Wenn es wieder losgeht freuen sich alle – mit doppelter Energie und Motivation.

Wofür sind Sie dankbar? 

Für alles; zum Beispiel dass ich jeden Tag den Wasserhahn aufdrehen kann und trinkbares Wasser erhalte. Wir sind höchst privilegiert und jeder, der in diesem Land jammert, soll sich vielleicht an der Nase nehmen. Auch unser Gesundheitssystem ist nicht selbstverständlich!