Komarek: „Der Polt wohnt im Hinterkopf“. Alfred Komarek ist ein Grenzgänger, der Veränderungen auch mit siebzig Jahren noch liebt.

Von Ines Schaberger. Erstellt am 29. Oktober 2016 (06:25)
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Breite Täler. Endlose Weinberge. Getreidefelder. Alfred Komarek beschreibt das Pulkautal wie kein anderer. Es ist die Heimat seines mittlerweile legendären Romanhelden Simon Polt. Polt und Komarek sind gut miteinander bekannt, „natürlich, wenn man 20 Jahre zusammenlebt“, so Komarek ganz selbstverständlich. „Wir haben auch einiges gemeinsam, wir sind beide harmoniebedürftig bis zur Dummheit, aber auch relativ starrköpfig.“

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Gleichzeitig sind sie grundverschieden. „Der Polt ist ganz anders gestrickt als ich: Der Polt ruht in sich selbst. Er ist in seinem Beruf gescheitert, hat das dann aber auch akzeptiert. Er hat eine Frau geheiratet, die nicht zu ihm passt, sich aber mit ihr arrangiert.“ Seinen Romanhelden Simon Polt hat der Autor mittlerweile zur Ruhe kommen lassen, sich selbst noch lange nicht.

Sein eigenes Leben vergleicht Komarek dagegen gern mit einer Achterbahnfahrt. „Es geht immer noch bergauf und bergab, nur die Amplituden werden mit den Jahren weniger steil“, sagt er mit bedachter Stimme. Die Beine hat er übereinandergeschlagen, die Hände ruhen im Schoß, der Anzug grau meliert wie seine Koteletten. Sein Äußeres ist der Gegensatz seines bunten, bewegten Lebens.

Jus-Studium, Ö3 und Wasserreportagen

Das Jus-Studium hat der gebürtige Bad Ausseeer abgebrochen und sich mit dem Schreiben von Glossen und Reportagen über Wasser gehalten. Dann kam er zum Radio, seinem Lieblingsmedium. Er baute Ö3 mit seiner eigenen Sendung „Melodie exklusiv“ mit auf und schrieb immer weiter. Ende der 90er-Jahre brachte er die ersten Polt-Geschichten zu Papier.

Es gibt kaum etwas, das er nicht ausprobiert hat. Er schrieb Liedtexte, Sachbücher und Reiseberichte. Seine Stärken müsse man ausspielen, seine Schwächen kaschieren: „Journalist bin ich kein guter, mir fehlt der Bluthundinstinkt. Ich werde mein Leben lang auch kein guter Lyriker werden.“ Dafür hat der humorvolle Autor „anzügliche Dialoge fürs Radio“ und Kinderbücher verfasst. Er hat manch altes Kinderspielzeug erstanden, darunter ein grünes Lastauto, ein handgebautes Ringelspiel oder einen Osterhasen aus bemaltem Metall.

„Ich weiß, meine Wohnung wirkt wie eine große Spielzeugkiste“, stellt Komarek mit Blick auf seine kuriose Sammlung fest. „Aber ich sammle nicht. Sachen, die keine Geschichte erzählen, hebe ich nicht auf.“ Alles hat seinen Platz in der Altbauwohnung, steht ordentlich auf kleinen Tischen, Kommoden und Regalen. Die Schale neben seinem braunen Ohrensessel ist voll mit Taschenuhren, ein Regal im Nebenraum mit Schreibmaschinen.

Komarek legt Wert auf Qualität und Ästhetik, gerade auch bei Literatur: „Mir imponiert alles, was gut gemacht ist!“ Trotzdem bleiben in seinen Büchern bis zum Schluss Fehler, die weder er noch die Lektoren finden. „Das ärgert mich nur, wenn es ein wirklich peinlicher ist. Im neuen Polt ist ein echter Recherchefehler, so was darf nicht passieren. Der Polt trinkt da einen Wein, der um die Zeit noch gar nicht fertig sein kann.“

Er hat drei Wohnsitze in seinen „drei Welten“

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Komarek ist weit gereist und viel herumgekommen. Von seinen Reisen nach Kaschmir, Schottland und ins Waldviertel kann er viele Geschichten erzählen. Er pendelt auch jetzt noch zwischen drei Wohnsitzen, seinen „drei Welten“, wie er Bad Aussee, Wien und das Presshaus in Obritz nennt.

Schreiben könne er aber nur in der Wiener Wohnung in der Porzellangasse wirklich gut. Da hat er sein „Freizeitzimmer“, wo er immer den ersten Satz eines Polt-Romanes mit Tinte auf Papier schreibt. Dann geht er ins Arbeitszimmer und schreibt zunächst händisch weiter, bevor er seine Texte in seinen Computer tippt.

Zum Korrekturlesen arbeitet er wieder mit Stift und Papier. Rund um seinen Arbeitsplatz stehen nicht nur Stapel mit seinen Büchern, sondern auch eine große Kaffeemaschine und ein kleiner Kühlschrank, „damit ich keinen Grund habe, aufzustehen“, schmunzelt er. Denn auch er kämpfe mit Schreibblockaden.

Aber eigentlich habe der Polt schon im zweiten Buch ein Eigenleben entwickelt und lasse sich sowieso nicht vorschreiben, wie die Geschichten um ihn weitergehen. Dass es nun keine weiteren Polt-Bücher mehr geben werde, störe ihn, wohl im Gegensatz zu eingefleischten Polt-Fans, nicht: „Er wohnt ja eh im Hinterkopf. Außerdem hab ich das Gefühl, dass er sehr gut zurechtkommt, da, wo er jetzt ist“, lächelt Komarek und zitiert die allerletzte Szene des letzten Polt-Romans: „Er stand einfach da, malte sich ein paar Farben ins Schwarz und fühlte sich geborgen.“

Dieser Text entstand in Kooperation mit der Katholischen Medienakademie.