Imam in Hollabrunn: „Wir sind Brüder – oder Cousins“. Ein wahrhaft Gläubiger kann niemandem schaden, sagt Rahim Kamili.

Erstellt am 26. Oktober 2016 (03:58)
Thomas Frühwirth
Imam Rahim Kamili übt die Kunst der Kalligrafie. Das Zentrum in der Znaimer Straße will er in Zukunft ausbauen. Der Verein finanziert sich durch Spenden. Eine Liste hängt bereits in der Moschee. Foto: Thomas Frühwirth

Multireligiosität ist für ihn kein Neuland: Imam Rahim Kamili ist Imam beim Verein albanischer Muslime in Hollabrunn und engagiert sich im interreligiösen Dialog. Wöchentlich predigt er in der Moschee in der Znaimer Straße. Thomas Frühwirth, Student der Katholischen Medienakadmie, traf ihn im Rahmen eines Workshops mit der NÖN zum Gespräch.

Thomas Frühwirth

Gewöhnlich besuchen täglich 30 bis 40 Muslime die Moschee zum rituellen Gebet. Heute waren es wesentlich mehr: Eben hat die Gemeinde das Freitagsgebet beendet. Den Verein albanischer Muslime in Hollabrunn prägt Vielfalt: Die Mitglieder kommen aus der Türkei, Bosnien, Afghanistan und Syrien. „Albanisch“ meint eigentlich „albanischsprachig“.

Fast jede zweite Frau der Gemeinde mit Führerschein

Im himmelblauen Hemd sitzt Imam Rahim Kamili im Aufenthaltsraum. Den Bart trägt er über der Lippe gestutzt. Es bedarf keiner besonderen Ausbildung, um dem Gebet vorzustehen, erklärt er, und merkt kritisch an: „Viele predigen, wie sie wollen.“ Er selbst sei „richtiger, gelernter Moslem“. Nach dem Grundstudium in Mazedonien habe er eine Predigerschule in Jordanien besucht.

Als Imam ist der 47-Jährige der Vorsteher des Freitagsgebets und Prediger. Frau und Töchter sind seit zwei Jahren eingebürgert. Stolz präsentiert er Bilder seiner verheirateten Tochter, die eine Ausbildung zur Diplomkrankenpflegerin abgeschlossen hat.

Die Frauen der Gemeinde seien gut integriert, meint Kamili. Fast jede besitze einen Führerschein. Zweiwöchentlich gibt es Debatten und Unternehmungen im Frauenforum. Gewisse Umgangsformen seien zu wahren: Umarmungen fremder Männer gelten als No-Go. Kamili spricht gerne und in flüssigem Deutsch.

Predigt auf Deutsch, tägliches Gebet als „gute Therapie“

Die Moschee ist religiöser und sozialer Mittelpunkt der Gemeinschaft, vergleichbar mit einem Multifunktionshaus. In der Eingangshalle versammeln sich Jugendliche zum Tischtennis spielen. In der Moschee stehen Sessel und Tische bereit: Am Wochenende wird hier der Koran gelernt – bereits von 8-Jährigen. Auf einer Tafel sind die Gebetszeiten zu lesen: Das tägliche Gebet bezeichnet Kamili als „gute Therapie“.

Durch die Tagesstruktur bleibe „keine Zeit für Dummheiten“. „Gott sieht, was der Mensch macht“, sagt er. An der Wand sind Uhr und Überwachungskamera montiert. Eine Gebetsnische gibt die Gebetsrichtung nach Mekka an. Das Bilderverbot hat die Entfaltung der Kalligrafie gefördert: Über einer aufgemalten Kaaba ist auf Arabisch „Allah“ und „Mohammed“ zu lesen. Auch der Imam übt die Kunst der Schönschrift. Außerdem beschäftigt er sich mit Innendesign.

Kamili präsentiert die Kanzel: Er predigt auf Deutsch, betont er. Das rasche Erlernen der Sprache sei für Integration unerlässlich. Außerdem spricht er Albanisch, Mazedonisch, Bosnisch, Arabisch und Englisch. „Lernen macht mir Spaß“, meint er. In der Freizeit wolle er seine deutschen Schreibkenntnisse ausbauen.

„Islam bedeutet Demokratie und Freiheit“

Zwar interessieren sich viele Österreicher für den Islam, meint Kamili. Mission wolle er aber keine betreiben. Die Aussage überrascht: Die Pflicht zur Mission nehmen Muslime vielfach ernster als Christen. Er predige den Koran. Auch den Verzicht auf Alkohol, sagt er, und nimmt einen Schluck aus der Cola-Dose: „Die Welt ändert sich, der Koran bleibt derselbe.“

Koranverteilungskampagnen wie die Aktion „Lies!“ findet Kamili prinzipiell gut. In Hollabrunn hat noch nichts Vergleichbares stattgefunden. Das 2011 in Deutschland gestartete Projekt hat auch Kontroversen ausgelöst: Initiatoren wurde vorgeworfen, Kämpfer für den „Islamischen Staat“ und den syrischen Bürgerkrieg zu werben.

Thomas Frühwirth
Islamische Gebetskette

„Islam“, so Kamili, „bedeutet Demokratie und Freiheit.“ Islam und Demokratie seien versöhnbar, die Staatsform sei nicht bloß „Zwischenstation“ auf dem Weg zum Gottesstaat. Gewalt und Unterdrückung Andersgläubiger lehnt der Imam strikt ab. Christen dürften nicht als „Ungläubige“ betrachtet werden: „Wir sind Brüder – oder Cousins“, meint er. Schließlich würden beide von der Wurzel Adams abstammen. Vielen Muslimen mangle es an Wissen.

Ein wahrhaft Gläubiger könne niemandem schaden: „Nicht einmal einem Tier.“ Keiner der österreichweit rund 15 tätigen Imame verbreite fundamentalistische Ansichten, versichert Kamili. In Mazedonien und während eines einjährigen Heeresdienstes ist er orthodoxen Christen begegnet. Teile der Bibel kennt er auswendig. Ein Arbeitskreis widmet sich dem interreligiösen Dialog. Zum Stadtpfarrer pflege er guten Kontakt. Manchmal treffen sie sich zum Kaffee.

Präsidentenstichwahl: „Ich wähle den Alten“

Unterschiede zwischen Christen und Muslimen seien nicht so groß wie jene zwischen Religiösen und Säkularen. Die nachbarschaftlichen Verhältnisse in Hollabrunn seien weitgehend problemlos: Einmal habe sich jemand durch lautes Predigen gestört gefühlt. Man habe eine zwischenmenschliche Lösung gefunden und die Lautstärke gedrosselt: „Das ist richtiger Islam“, so Kamili.

Eingebürgerte Mazedonier, meint Kamili, würden an Zahl und politischer Einflussnahme dazugewinnen. Wichtig ist ihm die ausständige Bundespräsidentenwahl. Er wähle „den Alten“, sagt er, und meint Alexander Van der Bellen: Er entspreche eher seinen Vorstellungen eines Landesvaters. Norbert Hofer spricht der Imam „mehr Dynamik“ zu. „Beide sind gute Kandidaten“, sagt er diplomatisch.

„Das Leben in dieser Welt dauert nicht ewig!“, sagt er abschließend. Das sei ihm in vielem ein „Beruhigungsmittel“.