Padre im Porträt: Passioniert, pensioniert, politisch. Hollabrunn: Als Priester hat Herbert Leuthner in Ecuador mit Armen gelebt. In der Pension denkt er weiterhin politisch.

Von Jonatan Gerstbach. Erstellt am 24. September 2020 (04:46)

Bei Themen wie diesen zeigt sich das Feuer, das immer noch in Herbert Leuthner brennt: Für den Umgang mit Geflüchteten müssten humanitäre Lösungen gefunden werden, ist der Priester überzeugt: „Wenn sich manche Leute als christlich-sozial bezeichnen, ist das pure Heuchelei.“ Es frustriere ihn, mit Reichen zusammenzuarbeiten, sagt Leuthner. Er ist ein hochpolitisch denkender Mensch, manches geht ihm sehr nahe. Schon 1979 hat er als Pfarrer in Großweikersdorf Bootsflüchtlinge aus Vietnam aufgenommen. Bis heute prägt der Einsatz für Schwache und Bedürftige sein Leben.

Fast 30 Jahre in Ecuador gelebt

Herbert Leuthner sperrt die Tür zum Pfarrzentrum Hollabrunn auf. Über die Schulter hat er eine Tragetasche mit „Ecuador“-Schriftzug geworfen. Das ist kein Zufall. Fast 30 Jahre hat er in dem südamerikanischen Land gelebt, als Missionar und Entwicklungshelfer gearbeitet. „Gehen wir in den Keller, dort ist es kühler“, sagt Leuthner. Die hohen Temperaturen machen ihm deutlich zu schaffen.

„Bevor ich nach Ecuador gegangen bin, war die Hitze das einzige, wovor ich mich gefürchtet habe. Ich habe dann eine Wüstentour durch die Sahara gemacht, um zu sehen, ob ich das aushalte“, erzählt der Priester. Er hat es ausgehalten und ging nach Südamerika. Über das päpstliche Missionsprojekt „Fidei Donum“ (Geschenk des Glaubens) war er Pfarrer in der Erzdiözese Guayaquil.

Mission, das bedeutet für Padre Leuthner die Verkündigung des katholischen Glaubens. In Ecuador hat er Pfarren aufgebaut und sich um Arme gekümmert. Das Motto von ihm und seinen Kollegen: „Mit den Armen leben, von ihnen lernen.“

Bevor er zu erzählen beginnt, breitet er sorgfältig Notizen vor sich aus. Er wirkt bedächtig. Seine Hände zittern und verraten sein Alter, wenn er gestikuliert. Dennoch bringt Leuthner seine Meinung pointiert zum Ausdruck. Von Kardinal Christoph Schönborn spricht er mit großem Respekt, wenngleich er sich manchmal deutlichere Worte gewünscht hätte.

Herbert Leuthner stammt aus einer katholischen Familie aus Raschala. Sein Vater war Volksschullehrer und Mitglied der österreichisch-patriotischen Heimwehr. Von den Nazis wurde er deshalb in die Gemeinde Sonntagberg strafversetzt, wo Herbert geboren wurde.

„Immer klar, dass ich mit 70 zurückkomme“

1941, als der Vater einrücken muss, kehrt die Mutter mit dem Kind nach Raschala zurück. Leuthner maturiert in Hollabrunn und tritt ins Priesterseminar ein. Einige Jahre ist er Pfarrer in Großweikersdorf, dann spürt er den Ruf der „weiten Welt“. 1981 geht er nach Ecuador und bleibt dort bis zu seiner Pension: „Für mich war immer klar, dass ich mit 70 zurückkomme.“ Leuthner wollte wieder näher bei seiner Schwester sein, er ist Familienmensch. Nach dem Heimaturlaub alle zwei Jahre fiel ihm nur der Abschied von seiner Mutter schwer. Eine eigene Familie war indes nie Thema: „Ich wollte nicht heiraten. Der Zölibat ist eine Berufung für mich.“

Von der katholischen Kirche wünscht sich Leuthner, dass Priester selbst entscheiden dürfen, ob sie heiraten wollen oder nicht.

Als der 81-Jährige vom Zweiten Weltkrieg erzählt, den er als kleines Kind erlebt hat, wird er emotional. Als die Russen einmarschierten, hissten die Hollabrunner eine weiße Fahne. „Wir hatten Glück, dass sie das akzeptiert haben“, sagt Leuthner und schluckt. Heute macht sein Körper nicht mehr alles mit, abends braucht er manchmal einen Stock zum Gehen. Doch untertags ist er mobil. Herbert Leuthner verabschiedet sich, steigt auf sein Fahrrad und fährt zurück zu seiner Wohnung. Sein Glaube und seine politischen Überzeugungen halten ihn weiter in Bewegung.

Das Porträt entstand in Zusammenarbeit der NÖN mit der Katholischen Medien Akademie.