100 Jahre im Bezirk: Zwei völlig andere Leben

Erstellt am 25. Juni 2022 | 05:57
Lesezeit: 3 Min
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Seit dem, für sie schicksalshaften, Jahr 1990 unterrichtet Jarmila Doležalová an den Tourismusschulen in Retz. Von der Pension, die sie schon genießen könnte, will sie nichts wissen. Wichtiger ist ihr, „Lust auf Sprache zu wecken“ und damit noch einigen Schülergenerationen Tschechisch schmackhaft zu machen.
Foto: Christian Pfeiffer
In ihrem zweiten Leben unterrichtet Jarmila Doležalová seit 32 Jahren an den Tourismusschulen Retz Tschechisch. Ihr erstes verbrachte sie im Kommunismus.
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Es mag Jahrzehnte her sein, aber wenn Jarmila Doležalová vom Fall des Eisernen Vorhangs und den für sie damit verbundenen Chancen erzählt, wirkt es, als sei es gestern gewesen. Bis 1990 spielte sich das Leben der Tschechisch-Lehrerin in den Ländern des Kommunismus ab. Als Reiseleiterin kam sie zwar viel herum, aber ihr damals größter Wunsch: „Einmal nach Österreich“ schien annähernd unerfüllbar.

„Doch dann kam die Öffnung der Grenzen. Und plötzlich hatte ich die Chance“, so Doležalová, „in Retz zu unterrichten.“ Das tat sie anfangs noch parallel zu ihrer Lehrertätigkeit am Znaimer Gymnasium. Aber schon bald widmete sie ihr pädagogisches Leben den Tourismusschulen in Retz.

Mit Begeisterung erzählt sie von ihren Anfängen an der Schule, die selbst erst 1988 gegründet wurde. „Ich konnte Sachen realisieren, eigene Projekte. Direktor Wührleitner hat mir unglaublich viel Freiheit gelassen.“ Diese Freiheit war zunächst fremd für sie. „Bei uns war es autoritärer. Das war in Österreich ein bisschen anders“, erinnert sich die Oberstudienrätin.

Was ihr dabei auch wieder in den Sinn kommt, wie groß auf österreichischer Seite plötzlich die Nachfrage für Tschechisch-Kurse war. Unter anderem versuchte sie damals, Beamten der Gendarmerie in Hollabrunn die komplizierte Sprache beizubringen. Ein guter Tipp von ihr dafür lautet: „Nie mit der Grammatik anfangen.“ Da wäre man als Neuling zu schnell entmutigt. Das Interesse an ihrer Muttersprache ist mittlerweile „fast eingeschlafen“, wie sie selbst bedauernd feststellt.

Unmittelbar nach der Wende gab es auch einen regen Austausch zwischen der österreichischen und tschechischen Seite. „Da war ich wieder die Reiseleiterin“, so die Pädagogin, die ob der Erinnerung lachen muss. Direktor Wührleitner habe sie damals gerne als „Außenministerin“ der Schule bezeichnet.

„Was übrig bleibt, ist die Zufriedenheit an der Schule“

Verändert habe sich natürlich vieles. War es anfangs so, dass sich tschechische Schüler nicht einmal die Kosten für das Mittagessen an der Schule leisten konnten, so würde man heute keinen Unterschied mehr erkennen. Auch die Berufslaufbahnen der Absolventen haben sich verändert. Frühere Jahrgänge gingen oft in andere Branchen weiter, während heutige Abgänger in der Gastronomie bleiben würden.

„Die HLT war die beste Entscheidung in meinem Leben“, so Doležalová resümierend: „Was übrig bleibt, ist die Zufriedenheit an der Schule.“

Nächste Woche: Šatov und Retzbach, zwei Gemeinden nähern sich an.

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