Festival mit "Elias": Zerrissenheit als Leitmotiv

Erstellt am 14. Juli 2022 | 05:23
Lesezeit: 3 Min
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Mit Bernarda Bobro, Daniel Johannsen, Matthias Helm, Philipp Gruber-Hirschbrich und Monika Schwabegger stand ein stimmlich groß-artiges Ensemble bei „Elias“ auf der Bühne der Stadtpfarrkirche St. Stephan. Unterstützt vom „TERPSICHORE-vocalensemble“ ließen sie das Kirchenschiff aufs Schönste erklingen.
Foto: Barbara Palffy
Eine musikalisch glanzvolle Premiere in Retz, die mehr szenischen Drive gebrauchen könnte.
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Dass es ein Risiko ist, ein Oratorium zu einer Kirchenoper zu komprimieren, war dem Team des Festivals Retz, Intendant Alexander Löffler, Regisseurin Monika Steiner und dem musikalischen Leiter Andreas Schüller bewusst. Das zumindest sagte Löffler vor der Premiere bei der offiziellen Eröffnung im Althof. Aber nichts weniger hatte man sich zum Neustart nach zwei Jahren vorgenommen.

Ein Stolperstein bei dem Unterfangen hätte sein können, dass ein Oratorium einer ganz anderen Dramaturgie folgt als eine Oper. Die Spielfassung von Steiner und Schüller des „Elias“-Oratoriums, komponiert von Felix Mendelssohn Bartholdy, die in der Stadtpfarrkirche St. Stephan Premiere hatte, nahm diese Klippe, indem die ursprüngliche Struktur nicht zerstört, aber die Geschichte mit klugen Verkürzungen dramatisiert wurde.

„Elias“ stimmlich packend und souverän

Und die Geschichte des biblischen Propheten hat es durchaus in sich. Ein durch und durch zerrissener Charakter, der zwischen überbordender Gottesliebe und absoluter Radikalität taumelt. Matthias Helm meisterte die Partie des „Elias“ stimmlich packend und souverän. Da half sicher auch die Routine des Parts, den Helm sowohl konzertant als auch szenisch gut kennt.

Das Konzept der Zerrissenheit zieht sich durch den Abend. Alle anderen drei Hauptfiguren sind wie Yin und Yang oder wie die zwei Seiten einer Medaille. So ist Bernarda Bobro sowohl „Der helle Engel“ als auch die „Witwe“, die ihr Kind schon tot wähnt. Da ist sie – selbst in hohen Lagen – stimmlich präsent und makellos. Die Figur des „Engels“ gelingt ihr eindringlicher, was auch daran liegt, dass ihr die Spielfassung mehr Gestaltungsraum lässt.

Daniel Johannsen als geistlicher Beistand von Elias und als König Ahab verwob mit seiner tenoralen Brillanz seine Figuren-Ambivalenz zu einem subtil gefährlichen Konglomerat an Mensch. „Der schwarze Engel“ und die „Königin“ klangen Monika Schwabegger wie auf den Leib komponiert. Ihr gelang, woran es an anderer Stelle gebrechen sollte – eine gesanglich und darstellerische Dichte von zwingender Emotionalität herzustellen.

Nicht alle Belange des Abends transportierten diese Emotionalität und so fand sich vielleicht so mancher auch als Zerrissener im Kirchenschiff wieder. Um ein Bibelzitat abzuwandeln: Wer die musikalische Leistung des ganzen Teams tadeln möchte, werfe den ersten Stein.

Der glockenhelle Knabensopran von Philipp Gruber-Hirschbich darf dabei genauso wenig unerwähnt bleiben wie der insgesamt 24-köpfige Chor. Dieser hätte allerdings einer Regie bedurft.

Nichts in der überaus statischen Inszenierung von Monika Steiner hätte es dem Chor ermöglicht, sein darstellerisches Potenzial auszuschöpfen. Die Statik zeitigte aber noch ein anderes Problem, nämlich das, wie dieses Regiemittel Zerrissenheit ausdrücken sollte. Selbst Helm war über weite Strecken zum Ausharren verdammt. Der unglücklichste Einfall dieser Inszenierung dürften aber die Projektionen sein, die über eine plakative Bebilderung kaum hinauskamen. Die musikalische Seite ließ keine Wünsche offen, wie der große Jubel für die Sänger, Chor, Dirigent Andreas Schüller und das Orchester bewies.

Weitere Vorstellungen sind am 14., 16., 23. und 24. Juli jeweils um 19.30 Uhr zu sehen.

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