HAS steht ohne Schüler da. Auslaufmodell? / Neuer Lehrplan mit starkem Praxisbezug in der Handelsschule und trotzdem zu wenig Schüler für eine erste Klasse.

Von Michael Böck und Karin Widhalm. Erstellt am 09. September 2014 (08:58)
NOEN, Widhalm
Die Handelsschule möchte »den Wünschen der Wirtschaft gerecht werden«, erklärt Landesschulinspektorin Schuckert.
Die Handelsschule Retz besteht praktisch nicht mehr: Die letzte Klasse machte im Vorjahr ihren Abschluss und für 2014/15 konnte wieder keine erste Klasse gebildet werden.

Direktorin: „PRAXI HAS“ als attraktive Ausbildung

„Es gibt einfach zu wenig Schüler in der Region“, erklärt Direktorin Birgit Wagner per E-Mail. Sie führt als Gründe die sinkende Geburtenzahl und eventuell die Abwanderung an. Die Frage stellt sich dennoch: Ist die Handelsschule, kurz HAS, ein Auslaufmodell?

„Die Schulform hat auf alle Fälle eine Berechtigung“, verneint die Leiterin. Gerade der ab diesem Schuljahr geltende Lehrplan „PRAXI HAS“ verknüpfe die Theorie mit der Praxis optimal, damit liege eine attraktive Ausbildung vor.

„Die jungen Leute können so auf einen qualifizierten Arbeitsplatz vorbereitet werden“, sagt die Direktorin. Das selbstständige Arbeiten werde in den Mittelpunkt gerückt.

„Neuen Lehrplänen werden Wünschen der Wirtschaft gerecht“

Landesschulinspektorin Brigitte Schuckert kann das nur bestätigen. Sie ist für die kaufmännischen Schulen in Niederösterreich zuständig und war zuvor Direktorin der HAK/HAS in Laa/Thaya.

„Gerade jetzt mit den neuen Lehrplänen ist es so, dass man hier wirklich den Wünschen der Wirtschaft gerecht werden kann“, ist sie von der Schulform überzeugt. Schuckert kann sich durchaus vorstellen, dass in einigen Jahren wieder eine HAS-Klasse in Retz gebildet werden kann.

Studie zu baulichen Möglichkeiten am Rockenbauer-Platz

Es gebe zwar einen Trend hin zu den Höheren Schulen, „aber auch mit der Handelsschule gibt es Möglichkeiten, Aufbaulehrgänge abzuschließen“, weist Schuckert hin. „Die Möglichkeiten, die den jungen Leuten zur Verfügung stehen, sind auf alle Fälle breit gefächert.“ Die kaufmännische Ausbildung biete ihres Erachtens eine wichtige Basis. Absolventen ergreifen dann unterschiedliche Berufe.

Birgit Wagner hat vor zwei Jahren die Nachfolge von Direktor Ewald Fidesser angetreten und ist zudem langjährige Direktorin der Hotelfachschule (HLT) in Retz. Sie verfolgte von Anfang an die Idee, die HAK/HAS am Rupert-Rockenbauer-Platz im HLT-Gebäude am Seeweg unterzubringen.

„Ja, das Projekt ist am Laufen“, bestätigt sie auf NÖN-Nachfrage. „Aktuell wird dazu eine Studie durchgeführt, wo bauliche Möglichkeiten untersucht werden.“



Schulgeschichte:

  • Die „Städtische Handelsschule“ wurde 1925 mit Unterstützung des Gewerbebundes in der Althofgasse 11 mit 21 Schülern gegründet. Leopold Bauer war der erste Direktor.

  • Die Direktoren wurden während des Zweiten Weltkrieges mehrmals ausgetauscht. Die Schule hatte nach 1945 mit finanziellen Problemen zu kämpfen. Die geringen Chancen am Arbeitsmarkt führten zu sinkenden Schülerzahlen.

  • 1949 übernahm Anton Lang die Leitung, die Handelsschule begann aufzublühen. 1971 trat Eduard Strebl die Nachfolge an.

  • Die Handelsschule (HAS) übersiedelte 1977 in ein neues Gebäude am heutigen Standort. 1979 legte man sich die ersten Computer zu. 1983 wurde die HAS zur BHAS: Der Bund übernahm die Kosten. Im selben Jahr wurde die erste Klasse der Handelsakademie (HAK) gegründet. Ab 1991 wurden auch Schüler aus Tschechien unterrichtet.

  • Franz Hienert übernahm 1995 provisorisch die Leitung, bis Ewald Fidesser von 1996 bis 2012 Direktor wurde. 230 Schüler in 13 Klassen (HAS & HAK) war der Höchststand.