Amokfahrerin: „Fühle mich schuldig“ . Retzer Amokfahrerin weiß von nichts mehr. Richter holt nun Gutachten ein.

Von Karin Widhalm. Erstellt am 29. Juli 2020 (04:16)
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Polizisten hatten im Jänner alle Hände voll zu tun, um eine offensichtlich in ihrem Reaktionsvermögen beeinträchtigte Autofahrerin zum Stoppen zu bewegen. Und das schafften sie letztlich nur mit einer Straßensperre in Maissau. Die 47-Jährige aus Retz könne sich an rein gar nichts erinnern, schilderte sie am Bezirksgericht Horn.

Die Frau musste sich wegen Gefährdung der körperlichen Sicherheit und wegen Betrugs verantworten: Sie hatte in einem Horner und später in einem Retzer Lokal Getränke konsumiert und nicht bezahlt. Die Schulden habe sie kurz darauf beglichen, das wisse sie. Die Autofahrt sei jedoch gänzlich aus dem Gedächtnis gestrichen. „Ich weiß das nur von Erzählungen der Polizei und von meinen Leuten“, sagt sie. „Ich fühle mich schuldig; ich dürfte das gemacht haben.“

„Faszinierend, dass keiner anruft …“

Sie erzählte von Erkrankungen, mit denen sie zu kämpfen habe; außerdem sei sie von Alkohol und Tabletten abhängig. „Ich habe immer wieder Gedächtnisverluste.“ Sie sei auf der Suche nach einem Therapeuten, „damit er mir durchhilft“.

Zwei Polizisten beschrieben die Autofahrt der Frau, die ihnen auf der B 4 bei Mold (Bezirk Horn) aufgefallen ist. Die 47-Jährige sei in unterschiedlichem Tempo – von 60 km/h bis zu „Autobahngeschwindigkeit“ – stets nach links abgedriftet, der Gegenverkehr musste zum Teil ins Bankett ausweichen. Die gefährlichen Momente an jenem Freitagnachmittag, „wo ganz Wien ins Waldviertel pendelt“, seien zahlreich gewesen. Nur eine Zeugin setzte einen Notruf ab. „Es ist immer wieder faszinierend, dass keiner anruft“, meinte einer der Polizisten im Zeugenstand. „Wir haben uns gewundert, dass vorher nichts passiert ist“, sagte sein Kollege.

Die Beamten fuhren auf der zweispurigen Fahrbahn bei Mörtersdorf direkt neben der Lenkerin, um sie zum Stoppen zu bewegen. „Sie hat nicht einmal zu uns gesehen.“ Man habe sie schließlich überholt und das Tempo reduziert: „Sie wäre uns fast reingefahren.“ Daraufhin hätten sich die Polizisten hinter ihr gehalten, mit Lichthupe den Gegenverkehr gewarnt und die Kollegen aus Ravelsbach und Ziersdorf zu Hilfe gerufen. Diese bauten eine Straßensperre bei Maissau auf. Das Anhalten sei gelungen, wenngleich die Lenkerin versucht habe, über die Böschung auszuweichen.

„Das Ganze tut mir aufrichtig leid“, sagt die elffach vorbestrafte Beschuldigte. Bezirksrichter Thomas Brandstetter will wegen der massiven Erinnerungslücken ein neurologisch-psychologisches Gutachten einholen, um die Schuldfähigkeit der 47-Jährigen zu klären. Die Verhandlung wurde somit vertagt.