Milan und Irena Ráček: Alles für Kunst & Kultur. Milan und Irena Ráček bringen seit Jahrzehnten bekannte Künstler in die Region. Sie veranstalteten die Sitzendorfer Kulturtage und zuletzt die Musikherbsttage.

Von Sylvia Stark. Erstellt am 26. Januar 2018 (05:33)
Stark
Das Künstlerehepaar Irena und Milan Ráček mit Kater Artus im „Passhaus“ in Sitzendorf.

Der Schriftsteller Milan Ráček und seine Frau, Malerin Irena, wirbeln das Kulturleben in Sitzendorf seit 1980 mit Kunst aller Gattungen gehörig auf. 1977 erwarben sie das „Passhaus“ am historischen Hauptplatz und seitdem sind sie ein nicht mehr wegzudenkender Kulturfaktor im Schmidatal.

NÖN: Was hat Sie eigentlich nach Sitzendorf verschlagen?

Milan Rácek: Wir haben seit 1968 in Wien gelebt. Nach zehn Jahren haben wir ein Wochenendhaus im Weinviertel gesucht. Dass wir dann ganz nach Sitzendorf gezogen sind, entschied unser damals dreijähriger Sohn Martin, der unbedingt in Sitzendorf in den Kindergarten gehen wollte.

Irena Rácek: In Wien haben wir einen exklusiven Landeskindergarten im 1. Bezirk gehabt, wo eine Pädagogin für nur sieben Kinder zuständig war. Martin hat es aber in Sitzendorf viel besser gefallen, obwohl eine Nonne, die Schwester Vianey, auf 30 Kinder aufpassen musste.

Wann begann Ihr ehrenamtliches kulturelles Engagement in Sitzendorf?

Milan Rácek: Im Jahre 1979 hat meine Frau Irena, die Malerin ist, beschlossen, eine Ausstellung in unserem Haus zu veranstalten. Die Vernissage war ex trem gut besucht, und so haben wir beschlossen, weitere Events zu organisieren. Die „Sitzendorfer Kulturtage“ von 1980 bis 1990 haben immer von Freitag bis Sonntagabend stattgefunden. Zentrale Veranstaltung war eine Ausstellung von zeitgenössischen Künstlern. Bei den Ausstellungen unterstützte uns oft das NÖ Landesmuseum mit Leihgaben. Als Höhepunkt kann man eine Präsentation des Kinderbuchverlags Bohem Press aus Zürich im Jahre 1985 anführen.

Wie hat das die Bevölkerung angenommen?

Milan Rácek: Die zeitgenössischen Veranstaltungen, wie modernes Theater, waren für ein unvorbereitetes Publikum ein nicht ganz so leicht verdauliches Programm. Für viele war es die erste Konfrontation mit experimenteller Kunst. Einige kamen auf den Geschmack und wurden zum Stammpublikum. Wir haben auch viele renommierte Musiker nach Sitzendorf gebracht, wie die Neuwirth-Schrammeln, das Wallinger-Quartett aus Brünn, die preisgekrönte Komponistin Sylvia Sommer und viele andere. Kabarettist Josef Hader trat 1983 für eine bescheidene Gage auf. Zu den Kulturtagen sind viele Leute aus den umliegenden Städten gekommen, bei den Konzerten in der Kirche hatten wir daher immer ein volles Haus.

Wie entstanden die Sitzendorfer Musikherbsttage?

Milan Rácek: Die Sitzendorfer Musikherbsttage haben sich aus der Tradition der Abschlusskonzerte entwickelt. Anfangs wohnten unseren Kirchenkonzerten um die 50 Menschen bei. Heutzutage sind es pro Konzert 80 bis 100 Liebhaber der Musik. Johann Winkler, Franz Ungersböck und ich gründeten 2015 den Verein Kulturinitiative Sitzendorf an der Schmida. Dies war notwendig, um auch von der Gemeinde eine Förderung für die Konzerte zu bekommen.

Wie kommen Sie zu den Künstlern, die bei Ihnen auftreten?

Milan Rácek: Da wir über einen sehr breiten Bekanntenkreis verfügen, spielten zu Beginn befreundete und bereits bekannte Musiker zu bescheidenen Honoraren. Wir hatten das berühmte Janáček Quartet aus Tschechien eingeladen. Das unvergesslichste Konzert in der Kirche war eigentlich die Generalprobe vor ihrer Tournee nach Japan und Südkorea, das hat das Publikum natürlich nicht geahnt. Als die Grenze noch nicht offen war, haben wir Projekte zusammengestellt, um die Musik und die Kunst der Nachbarländer zu präsentieren und damit das Interesse dafür zu wecken.

Erfahren Sie Dankbarkeit für Ihre ehrenamtliche kulturelle Tätigkeit?

Milan Rácek: Von den offiziellen Stellen auf jeden Fall. Auch ein Kreis von etwa 30 bis 40 Personen aus Sitzendorf pilgert regelmäßig zu unseren Aufführungen. Des Weiteren sind auf der Künstlerseite einige kreative Freundschaften entstanden. Meine Frau Irena hat den Anerkennungspreis des Landes Niederösterreich für grenzüberschreitende kulturelle Tätigkeiten im Jahre 2001 bekommen. 2009 erhielt sie den Berufstitel Professorin. Das ist doch eine ausreichende Anerkennung für jahrelange Tätigkeit – oder?

Anderes Thema: Wie haben Sie den Fall des Eisernen Vorhangs erlebt?

Irena Rácek: Natürlich haben wir diesen dankbar angenommen. Wir sind ja aus politischen Gründen im Jahr 1968 aus der ehemaligen Tschechoslowakei geflohen. Wir hätten, so wie einige unserer Bekannten, ohne Weiteres zurückgehen können. Wir waren aber schon zu stark, auch aufgrund der Kinder, in Österreich verankert.

Vermissen Sie Ihre alte Heimat?

Irena Rácek: Wenn wir nach Tschechien kommen, merkt man, dass wir, da wir 20 Jahre kaum Berührungspunkte mit unserer Muttersprache hatten, ein altmodisches Tschechisch sprechen. Sprachen ändern sich schneller, als man glaubt. Im Laufe der Zeit ist Österreich zu unserer Heimat geworden.