Herbert Leeb: „Probieren und dadurch g‘scheiter werden“. Warum Graberns Chef Herbert Leeb keinen einzigen Tag in seinem Bürgermeisteramt bereut, das verrät er im Gespräch mit der NÖN.

Von Sandra Frank. Erstellt am 06. September 2017 (03:04)
Herbert Leeb
Sandra Frank

Bürgermeister Herbert Leeb erklärt im NÖN-Gespräch, weshalb er zweieinhalb Jahre nach der Wahl keine Wahlversprechen eingelöst hat und wie seine Gemeinde mit der großen Nachfrage an Bauplätzen umgeht.

NÖN: Welche Wahlversprechen haben Sie bereits eingelöst?

Herbert Leeb: Keine (lacht). Wir haben keine Liste, darum gibt es auch nichts abzuarbeiten. Wenn wir merken, dass Projekte zu machen sind, dann wird es erledigt. Wir sind so nahe am Bürger, dass wir die Wünsche und Anliegen nach ihrer Wertigkeit umsetzen.

„Wir lösen Probleme generell nicht punktuell, sondern im Großen“

Welche Projekte sind als Nächstes zu realisieren?

Der Kindergartenzubau in Schöngrabern. Dazu gibt es bereits eine Studie. Der Kindergarten soll 2018 auf eine vierte Gruppe erweitert werden.

Nach dem Kindergarten wird meistens auch die Volksschule zu klein. Haben Sie vorgesorgt?

Wir haben die Anzahl der Kinder im Auge. Wenn die Zahlen weiterhin so anwachsen, werden wir etwas tun müssen. Wir warten ab, ob die Situation nur ein oder zwei Jahre so bleibt, andernfalls wird man sich mit einem Provisorium helfen können. Wir sind aber darauf eingestellt, dass wir investieren müssen und können auch kurzfristig etwas umsetzen. Wir sind auf jeden Fall bereit.

Der vermehrte Bedarf an Kindergartenplätzen rührt auch daher, dass die Siedlung „Hübelgrund“ in Schöngrabern in den vergangenen Jahren aus dem Boden geschossen ist. Haben Sie damit gerechnet, dass sich die Bauplätze so gut verkaufen?

Nein, ich habe nicht gewusst, dass sie so gut weggehen werden. Als wir damals beim Land um die Freigabe der ersten Flächen – das war nur ein Viertel der heutigen – angesucht haben, hat man uns prophezeit, dass wir damit 2050 auch noch mehr als genug haben werden.

Kann die Infrastruktur der Gemeinde dem raschen Wachstum standhalten?

Wir lösen Probleme generell nicht punktuell, sondern im Großen. Zuletzt zum Beispiel bei der Wasserleitung. Da ist die Feuerwehr an uns herangetreten, dass es im Ernstfall Probleme mit der Wasserversorgung geben könnte. Schöngrabern wurde nur von einer einzigen Wasserleitung versorgt und die war 40 Jahre alt.

Sie verkaufen in jeder Gemeinderatssitzung Bauplätze. Hält die Nachfrage immer noch an?

Mehr denn je. Im Gemeinderat und vorher in den entsprechenden Ausschüssen werden wir diskutieren müssen, ob wir diese Nachfrage eindämmen und in andere Katastralgemeinden steuern wollen. Mittergrabern hat zum Beispiel auch Baulandreserven.

„Schaffen die Grätsche zwischen zentraler Lage und ländlichem Wohnen“

Viele Kommunen kämpfen damit, dass ihre Ortskerne aussterben. Gibt es dieses Problem auch in Ihrer Gemeinde?

Nein, bei uns führt das Wachstum der Siedlungen zum Glück nicht dazu, dass der Kern ausgehöhlt wird. Wer ein bewohnbares Objekt hat, der wird es binnen zwei oder drei Monaten anbringen, sofern er einen realistischen Preis verlangt. Leerstände haben wir kaum.

Was macht die Gemeinde Grabern so lebenswert?

Die Nähe zu Hollabrunn mit dem Anschluss an die Bahn und die gute Anbindung an die Schnellstraße. Das Pendeln ist relativ einfach. Und unsere Infrastruktur mit den Schulen und Kindergärten. Wir schaffen die Grätsche zwischen einer zentralen Lage und ländlichem Wohnen, das ist die Lebensqualität, die gesucht wird. Das zieht.

Stichwort Schnellstraße: Grabern ist eine der Gemeinden, die unter den Durchzugsverkehr der B 303 leidet. Was wird der Ausbau der S 3 von Hollabrunn bis Guntersdorf bringen?

Dann werden wir erst merken, was ein normales Verkehrsaufkommen bedeutet. Als die B 303 für die Radrundfahrt gesperrt war, haben wir gemerkt, dass es auf einmal unnatürlich ruhig war, weil gar keine Autos mehr gefahren sind. In Suttenbrunn und Schöngrabern wird der Verkehr Richtung Eggenburg dennoch bleiben.

Das nächste große Event in Ihrer Gemeinde ist das Musikfest. Im ersten Jahr hatten Sie auf Förderungen gehofft, die verwehrt wurden. Warum haben Sie das Pilotprojekt dennoch durchgezogen?

Man muss innovativ sein und hinhören. Wenn eine Idee da ist, muss ich‘s auch probieren. Wenn man das macht, dann darf das nicht halbherzig sein. Ich habe grundsätzlich die Einstellung, dass man etwas ausprobieren muss und erst dann g‘scheiter werden kann. Durch Kaffeesudlesen geht das nicht. Das betrifft aber nicht nur das Musikfest, sondern auch andere Dinge.

Welche zum Beispiel?

Die Windkraft. Da gab es die Idee. Die wurde diskutiert. Dann gab es einen Abschluss. Darum ist das für mich auch abgehakt. Es bringt nix, wenn wir das alle paar Jahre wieder aufköcheln, wenn sich nichts Grundsätzliches geändert hat.

„Man muss miteinander kommunizieren. Das funktioniert jetzt.“

Im Gemeinderat hat Ihre ÖVP mit 15 Mandaten die Oberhand. Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit mit den vier Gemeinderäten der SPÖ?

Ich könnt’s mir nicht besser vorstellen, als in den vergangenen zwei Jahren. Die ersten zehn Jahre meiner Amtszeit hat es politisch keinen Spaß gemacht. Der damalige Stil der SPÖ hätte in den Bund oder ins Land gepasst, aber er war nicht gemeindewürdig. Jetzt gibt es viele einstimmige Beschlüsse. Andere Meinungen gibt es nach wie vor, so soll‘s auch sein, aber es wird alles ausdiskutiert. Man muss miteinander kommunizieren. Das funktioniert jetzt.

Werden Sie bei den Gemeinderatswahlen 2020 noch einmal als Bürgermeister kandidieren?

Wenn morgen Wahltag wäre, dann würde heute der Spitzenkandidat der ÖVP in Grabern Herbert Leeb heißen.

Sie sind gern Bürgermeister?

Das schöne am Bürgermeistersein ist, dass ich viele positive und anerkennende Worte in den letzten zwölf Jahren aus der Bevölkerung bekommen habe. Das macht es aus. Wenn die positive Resonanz nicht überwiegt, dann muss man sich etwas überlegen. Die wirkliche Kritik, die direkt an uns herangetragen wird, das sind vielleicht zehn Meldungen im Jahr und sind oft Kleinigkeiten. Wie das Gras, das zu hoch ist. Es gibt wirklich keinen einzigen Tag, den ich bisher bereut hätte.

Was macht Ihnen dennoch das Leben als Gemeindechef schwer?

Wir haben jetzt die Nachricht erhalten, dass wir für 2017 weniger Ertragsanteile bekommen. Weil wir im Ballungsraum von Hollabrunn sind, weil wir eine Zuzugsgemeinde sind und weil wir finanziell so gut dastehen. Es kommt mir so vor, als würde ich dafür, dass ich etwas tue, Geld gestrichen bekommen. Im Umkehrschluss würde das bedeutet: Tue ich nichts, bekomme ich weiterhin Geld …

„Kurz hat’s verstanden. Er ist die Veränderung, die die Leute wollen“

Wie viele Stunden wenden Sie ungefähr für Ihre Funktion als Bürgermeister neben Ihrem Beruf pro Woche auf?

Auf 40 Stunden im Amt komme ich sicher nicht. Die Notwendigkeit entscheidet, wie viel ich da bin. Wenn es an einem Abend auf der Gemeinde einmal länger dauert, dann ist es eben so. Repräsentationstermine zähle ich eigentlich nicht dazu. Zu vielen Veranstaltungen würde ich auch gehen, wenn ich nicht Bürgermeister wäre, da ich ein geselliger Typ bin.

Prognosen abzugeben gehört nicht zu Ihrem Stil. Wagen Sie dennoch eine Vorhersage für den Ausgang der anstehenden Nationalratswahlen?

Ich denke, die Bevölkerung hat aus den letzten 50 Jahren und den regierenden Koalitionen ihre Lehren gezogen. Und diese äußern sich in Politikverdrossenheit. Um das zu ändern, muss ich meinen Stil ändern, um die Menschen wieder für Politik zu begeistern. Kurz hat’s verstanden. Er ist die Veränderung, die die Leute wollen. Die ÖVP wird sehr gut daran tun, aus dem alten Schlendrian herauszukommen und bereit zu sein, zu dem zu stehen, was sie versprochen hat. Sonst werden wir unglaubwürdig. Der Erste wird der sein, der an alten Dingen rüttelt.

Denken Sie, dass Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner die absolute Mehrheit der ÖVP in Niederösterreich aufrecht erhalten kann?

Es geht nicht darum, ob sie die Absolute halten kann. Sie wird die Zeit bis zu den Landtagswahlen nutzen, um sich zu etablieren und zu positionieren. Sie wird die Ziele des Landes konsequent fortsetzen, aber ihren eigenen Stil prägen. Wenn das Votum eindeutig ist, dann hat man die Wahl gewonnen. Egal, ob ein Vierer oder ein Fünfer bei den Prozenten vorne steht.