Projekt gestartet: Erinnerungen an NS-Lager bei Pulkau

Erstellt am 05. März 2022 | 05:00
Lesezeit: 3 Min
440_0008_8295479_hol09retzl_lagerpulkau.jpg
Starteten die Geschichtswerkstatt Pulkau: Georg Vogt, Wolfgang Gasser, Claudia Theune, Helene Strolmberger (sitzend, v.l.) sowie (stehend) Kurt Schneider, Martin Krenn, Anton Mück und Leo Ramharter.
Foto: Franz Enzmann
Interdisziplinäre Zusammenarbeit soll geschichtliche Aufarbeitung ermöglichen.
Werbung

Das Bundesdenkmalamt hat vor einem Jahr für Niederösterreich 372 ehemalige NS-Lagerorte identifiziert. Das Wissen um diese Zwangslager ist nach 1945 vielerorts in Vergessenheit geraten, zumal kaum noch Zeitzeugen am Leben sind. Die materiellen Spuren sind oft nicht mehr sichtbar, über den ehemaligen Lagern finden sich Brachland oder Freizeitanlagen, mitunter wurden sie mit neuen Gebäuden überbaut. Eines dieser NS-Zwangslager befand sich im alten Granitsteinbruch zwischen Roggendorf und Groß- Reipersdorf.

440_0008_8294997_hol09retzl_ns01.jpg
Eine historische Aufnahme zeigt den Steinbruch zwischen Roggendorf und Groß-Reipersdorf. Der Zeitpunkt der Aufnahme konnte bisher nicht exakt datiert werden. Vermutlich entstand sie in den 1920er- oder 1930er-Jahren.
Foto: NOEN

Dort wurden bereits im 12. Jahrhundert Steine für weltliche und sakrale Gebäude gehauen. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde der Steinbruch in der strukturschwachen Region einer industriellen Nutzung zugeführt. In den 1930er-Jahren war Leopold Popper-Podhragy der Eigentümer, der als Kunstsammler auch Werke von Egon Schiele besaß.

Da er jüdische Wurzeln hatte, wurde er bei der Machtübernahme des NS-Regimes faktisch enteignet und musste nach England fliehen. 1941 wurde der Steinbruch von der Zellerndorfer Firma Geissler gepachtet. Nachdem die Arbeiter zum Kriegsdienst abgezogen worden waren, wurden sowjetrussische Kriegsgefangene, polnische und ukrainische Ostarbeiter und ab November 1944 auch 30 ungarische Juden zur Zwangsarbeit eingesetzt. Vom Lager, in dem die Zwangsarbeiter untergebracht wurden, sind nur die Mauerruinen übrig geblieben.

Erinnerungen sollen wieder bewusst werden

In den letzten Jahren wurde der Ort als Eventlocation genutzt. Die Geschehnisse im ehemaligen Arbeitslager hat man aus dem Geschichtsbild verdrängt. Mit dem Forschungsprojekt „Spuren lesbar machen im NS-Zwangsarbeitslager Roggendorf/Pulkau“ wird nun versucht, das Lager und die Opfer mit der „Geschichtswerkstatt Pulkau“ ins Bewusstsein zurückzubringen. „Ich habe von diesem NS-Zwangslager erst vor einem Jahr erfahren“, sagt Bürgermeister Leo Ramharter, der sich engagiert für das Forschungsprojekt einsetzt.

Die erste Präsentation im Stadtsaal Pulkau fand großes Interesse bei den Gemeindebürgern. Moderiert wurde sie vom Bürgermeister. Die neu gegründete Geschichtswerkstatt Pulkau wird interdisziplinär von Wissenschaftlern und Künstlern begleitet. Mitmachen kann jeder, der Interesse an der Aufarbeitung der Geschichte dieses belastenden Ortes hat. Unterstützt wird das Projekt weiters von lokalen Kulturinstitutionen wie den Museen in Retz, Horn, Eggenburg sowie dem Kulturverein „Bildung hat Wert“. Um die Ergebnisse digitalisiert zugänglich zu machen, sind im Team auch Technologieexperten von der FH St. Pölten dabei.

Eine Spezialistin für zeitgeschichtliche Archäologie, Claudia Theune von der Universität Wien, wird Grabungen beim Steinbruch durchführen. Heidemarie Uhl (Österreichische Akademie der Wissenschaften) und Edith Blaschitz (Universität für Weiterbildung Krems) sind ausgewiesene Expertinnen für NS-Erinnerungskultur.

440_0008_8294998_hol09retzl_ns02.jpg
Zwischenzeitlich wurde der Steinbruch zum Baden und Campen genutzt. Der hier sichtbare Teich versickerte nach Sprengungsarbeiten in der Umgebung.
Foto: Fotoclub Pulkau

Die Künstler Rosa Andraschek und Martin Krenn setzen sich mit ihrer Kunst im öffentlichen Raum auch mit der Geschichte des Nationalsozialismus auseinander. Wolfgang Gasser vom Institut für jüdische Geschichte (St. Pölten) sprach über den Forschungszweck, die „Biografie des Ortes“ zu erarbeiten. Die Erforschung der Geschichte des Steinbruchs wird gemeinschaftlich mit den Bürgern aus der Region, Historikern und den Kunstschaffenden durchgeführt. Nächster Termin der Geschichtswerkstatt Pulkau ist am 11.3. um 17 Uhr im Stadtsaal.

Finanziert wird das Projekt über das Förderprogramm „Kunst und Kultur in digitalen Räumen 2021“ des Kunstministeriums und des Landes.

Werbung