Erstellt am 21. Mai 2014, 07:00

von Karin Widhalm

Thayabrücke führt Nachbarn zusammen. Hardegg / Das Brückenfest erinnerte an 1989, als der Eiserne Vorhang auch in Hardegg seine Macht verlor.

Erika Weitschacher reichte einem tschechischen Bürger über den Zaun hinweg ihre Hand. Ihr Gatte hielt den Augenblick mit seiner Kamera fest. Foto: Widhalm  |  NOEN, Widhalm
Der Eiserne Vorhang fiel vor 25 Jahren; während Menschen über Mauern klettern, legten sie den Grundstein für ein vereintes Europa und für den Aufbau des grenzüberschreitenden Nationalparks Thayatal und Podyjí. Die Erinnerung daran ist nach wie vor präsent, das zeigte das Brückenfest am letzten Samstag. Bürger, Botschafter, Bürgermeister und Direktoren erzählten, wie es damals war und wie sich die Zeit seitdem verändert hat.

„Andere Seite war immer mit Angst und Gefahr verbunden“

Die symbolträchtige Thayabrücke in Hardegg ist bewusst als Veranstaltungsort gewählt worden. Ignaz Gridl erbaute sie vor 140 Jahren – er zeigte sich schon für die Eisenkonstruktion des Palmenhauses in Schönbrunn verantwortlich. Ein Passieren der Brücke ist mit den beiden Weltkriegen erschwert worden, dafür sorgten die errichteten Zollhäuser.

Der Warschauer Pakt 1955 führte dann zur radikalen Abriegelung: Die Holzbretter wurden auf der tschechischen Brückenseite abmontiert. Die Flussmitte in der Thaya war ab sofort eine Grenze, die nicht überschritten werden durfte.

Die Bewohner hatten Wachtürme, Stacheldrähte und Panzersperren vor Augen. „Die andere Seite war immer mit Angst und Gefahr verbunden“, erzählt Christine Kippes, die in Wien und Hardegg aufwuchs. „Manchmal ist ein Wildtier auf eine Mine gestiegen, dann hat man das Leuchtfeuer gesehen“, erläutert ihre Mutter Erika Weitschacher. Von anderen Vorfällen kann sie nicht berichten.

Nach der Samtenen Revolution: „Das war so eine derartige Freude“

Kinder sahen früher eine Mutprobe darin, wie weit sie sich zur anderen Seite vorwagen können – im Bewusstsein, dass sie von der anderen Seite beobachtet wurden. Kippes ist mit Freunden etwa in seichteren Stellen der Thaya bis zur Mitte gewatet. „Na, jetzt gehen wir noch ein paar Schritte weiter“, hieß es dann. „Und – bumm, bumm, bumm – das Herz hat gepumpert“, lächelt sie.

Das änderte sich mit der Samtenen Revolution am 26. Dezember 1989: „Wir haben gesehen, wie die Tschechen zu uns herübergekommen sind, das war total aufregend“, erinnert sich Kippes. Sie ließ sich von der Euphorie anstecken und balancierte trotz ihrer Höhenangst über die Eisentraversen ins Nachbarland.

„Das war so eine derartige Freude, das kann man sich nicht vorstellen“, folgte ihr Weitschacher. Sie fühlte sich auf der tschechischen Seite wie in einem Märchenwald. „Das werde ich nie vergessen.“

Tausende von Menschen feierten Brücken-Überquerung 1989

Tschechen und Österreicher feierten ein kleines Volksfest, das sich in weitaus größerer Form am 15. April 1990 wiederholte: Fußgänger und Radfahrer konnten auf den neuen Lärchenpfosten die Brücke wieder überqueren – das feierten Tausende von Menschen.

2000 wurde die Errichtung des Nationalparks Thayatal auf österreichischer Seite beschlossen, während jener in Tschechien schon seit 1991 bestand. „Bei uns war das so schnell möglich, weil die Euphorie vielleicht größer war“, vermutet Tomás Rothröckl, Direktor des Nationalparks Podyjí.

„Die Grenzen in den Köpfen sind nicht ganz verschwunden“

Die Nachnamen der beiden Nationalpark-Direktoren faszinierten Ferdinand Trauttmansdorff, österreichischer Botschafter in Tschechien: Der Direktor des tschechischen Nationalparks hat einen deutschen Namen (Rothröckl), sein Amtskollege auf der österreichischen Seite einen offenkundig tschechischen Namen (Schleritzko). Das alleine zeige die enge Verbundenheit der zwei Regionen.

Eines ist aber allen, wie auch Nationalratsabgeordneter Eva-Maria Himmelbauer, klar: „Die Grenzen in den Köpfen sind nicht ganz verschwunden.“ Aber: „Solche Feste sind die beste Möglichkeit dazu“, ist Trauttmansdorff überzeugt, dass auch die letzten Reste überwunden werden können. Österreicher und viele Tschechen – insgesamt 150 – besuchten trotz des widrigen Wetters das Brückenfest.


Die Ausstellung

  • Die Eröffnung der Ausstellung „Impressionen der Grenzöffnung“ folgte nach dem Festakt. Die Bilder sind direkt auf der Thayabrücke montiert worden und geben einen Überblick über die wechselvolle Geschichte der eisernen Konstruktion.

  • Sie zeigen auch die Freude, die die Öffnung der Grenze durch die Samtene Revolution 1989 gebracht hat. Die Fotografien werden bis Ende Oktober auf der Thayabrücke und auf Originalschauplätzen zwischen Hardegg und Cížov ausgestellt.

  • Ein Teil der Fotoausstellung „Nationalparks in Tschechien – Europas Grüne Brücken“ war im österreichischen Zollhaus untergebracht. Tomás Rothröckl ist mit seinem fotografischen Werk vertreten. Die gesamte Ausstellung ist bis 14. September im Nationalparkhaus Hardegg zu sehen.