Architektur im ländlichen Raum. Die Veranstaltung „Substanz und Perspektive” am 17. Juli im Krinzinger Lesehaus in Untermarkersdorf präsentierte Praktiken des Um - und Weiterbauens bestehender Bausubstanz im ländlichen Raum.

Von Schulpartner NÖN/BVZ. Erstellt am 22. Juli 2021 (09:02)
Katharina Kaff, Stefanie_2412

Unter dem Titel „Substanz und Perspektive” stellten Architekt*innen ihre Projekte vor, welche anschließend in reger Diskussion in Augenschein genommen wurden.

Franziska Leeb, eine der Autorinnen der Publikation „Architektur in Niederösterreich 2010 - 2020”, herausgegeben von ORTE Architekturnetzwerk Niederösterreich, führte durch den Nachmittag. Als freiberufliche Architekturpublizistin und als Vorstandsvorsitzende von ORTE Architekturnetzwerk Niederösterreich ist Franziska Leeb mit der Thematik gut vertraut und gab ausschlaggebende Richtungen für die Diskussionen vor.

Über die Substanz

„Das Weinviertel ist bis heute geprägt von landwirtschaftlichen Nutzbauten. Stadelzeilen, die am Rand der in der Senke liegenden Dörfer den Horizont krönen und in Hangkanten eingeschmiegte Kellergassen koexistieren harmonisch mit der Kulturlandschaft. Im Zusammenspiel von Funktion und schlichter Form sind sie Paradebeispiele einer anonymen nachhaltigen Architektur. Mit dem Strukturwandel in der Landwirtschaft kommt ihnen ihre ursprüngliche Funktion als Lager und Produktionsstätte vielfach abhanden. Ohne tragfähige Nutzungskonzepte und kongeniale Ansätze einer architektonischen Weiterentwicklung verkommen sie zu Potemkin’schen Dörfern und laufen Gefahr, entbehrlich zu werden. Während der Ensemblecharakter vieler Kellergassen einigermaßen unbeschädigt bewahrt werden konnte, haben die Siedlungskörper der Dörfer massiv an struktureller Ordnung eingebüßt. Einst kompakt in das Weichbild der Landschaft gebettet, wachsen sie ungeachtet der ökologischen, ökonomischen, sozialen und ästhetischen Folgen ungebremst ins umgewidmete Ackerland hinaus. Es mangelt an Bewusstsein für die Rolle von Anordnung, Lage und Ausgestaltung von Siedlungsgebieten in Hinblick auf die Anpassung an die Auswirkungen des Klimawandels. Dabei böten die einst landwirtschaftlich genutzten Höfe enormes Potenzial, ressourcenschonend die dörflichen Strukturen mit neuen Inhalten für die Zukunft zu rüsten.”(Franziska Leeb)

Praktiken dem Um- und Weiterbauens bestehender Bausubstanz im ländlichen Raum

Zunächst stellten Anja Mönkemöller und Burkard Kreppel vom Architekturbüro Mönkemöller & Kreppel ihre Arbeiten vor. Die Revitalisierung eines Bauernhauses in Schönberg am Kamp zeigte wie wichtig ein respektvoller Umgang mit den Bestand ist. Die verwendeten Materialien, wie Lehmputz und Kalkputz, lassen die Wände atmen. Die Türen wurden aufgearbeitet und wiederverwendet. Der ehemalige Stall bietet nun Platz für einen einladenden Wohnraum.

Der Um- und Zubau eines Stadthauses in Eggenburg, Bestandteil des historischen Stadtzentrums, und der Umbau eines Wohnhauses mit Friseursalon in Mannersdorf sind zwei weitere Projekte, welche Möglichkeiten eines Weiterbauens im ländlichen Raum aufzeigen.

Diplomingenieure und Gründer von Sputnic Architekturbüro, Norbert Steiner, präsentierte spannende Arbeiten am Weingut und Haus Zull in Schrattenthal, am Landgut Gruber in Röschitz, am Weingut Weber in Roseldorf inklusive der Webersuiten, sowie den Windmühlturm II in Retz. Die Umbauten und Erweiterungen zeigen hochwertige und sensible Lösungen für bestehende Bauten mit Rücksichtnahmen auf die Gegebenheiten und die Umgebungen.

Das sogenannte Dreihaus in Obermallebarn wurde von Ernst Pfaffeneder realisiert. Dieses architektonische Projekt hatte den Fokus auf Einfachheit, Transformation, Schichtung, Echtheit und Nachhaltigkeit. Neben der Berücksichtigung des Dorfgefüges entstand dieses authentische Wohngebäude.

Carl Pruscha, der Architekt des Krinzinger Lesehauses und András Pálffy, Gründer und Leiter von Jabornegg&Pálffy gemeinsam mit Christian Jabornegg, sowie Architekt des Umbaus und der Erweiterungen der barocken Stiftsanlage in Altenburg, führten abschließend einen fesselnden Dialog über die Möglichkeiten und Herausforderungen des Um - und Weiterbauens bestehender Bausubstanz im ländlichen Gebiet. Die langjährige Erfahrung von Carl Pruscha und András Pállfy mit dieser Thematik und das Realiserien zahlreicher Bauprojekte bewirkten neue Denkanstöße und stärkten das Bewusstsein für ein ressourcenschonendes und harmonisches Konzept des ländlichen Bauens.

Über die Perspektive

Die vorgestellten Projekte hatten trotz, des individuellen Stils der jeweiligen Architekt*innen, ein kongeniales Konzept: das bereits bestehende Gebäude auf eine Weise zu restaurieren und umzubauen, welcher der Umgebung, der Natur, der Wünsche der Bauherren und der vorhandenen Bausubstanz gerecht wird. Jedes Projekt zeigte eine spezielle Perspektive für das Um- und Weiterbauen im ländlichen Raum.

KRINZINGER LESEHAUS
https://www.krinzingerlesehaus.org/
Kellergasse gegenüber dem Weinbaumuseum 2061 Hadres Untermarkersdorf
Tel.: +43 6605738736
E-Mail: krinzingerlesehaus@galerie-krinzinger.at

Franziska Leeb
https://orte-noe.at/orte/mitglieder-im-gespraech/franziska-leeb

Mönkemöller & Kreppel Architekturbüro
https://www.muka.at/de/

Norbert Steiner, Sputnic
http://www.sputnic.at/index2.php

Ernst Pfaffeneder
http://www.gestaltungslehre.tuwien.ac.at/person/name/Ernst_Pfaffeneder.html

András Pálffy
https://jabornegg-palffy.at/

Carl Pruscha
https://cpruscha.com/