Menasse-Lesung: Im Geist der Zeit. Robert Menasse führt in die Europäische Union und zu einer Generation, die die Vergangenheit zu bewältigen versuchte.

Von Karin Widhalm. Erstellt am 25. September 2018 (12:45)

Robert Menasse brennt für das Thema Europäische Union, das ist nach seiner Lesung spürbar. Er kam am Samstag in die Kellergasse, konkret ins Lesehaus der Krinzinger Galerie: Ursula Krinzinger stellte ihn als „einer der ganz Großen“ in der deutschsprachigen Literaturszene vor.

Der preisgekrönte Schriftsteller nahm vor Bücherregalen im erneuerten Presshaus Platz und las den Prolog aus „Der Hauptstadt“: Während ein Schwein durch Brüssel hetzt, werden die Hauptfiguren des Europa-Romans bekannt gemacht. Menasse hat sich eingehend mit dem Beamten-Typus der Union beschäftigt, schildert dem Publikum den „Heiligen“ genauso wie den „Zyniker“. Seine Beobachtungen waren schon immer treffend, wie sich herausstellt.

Menasse erfasst den Zeitgeist

Menasse greift zu „Die Vertreibung aus der Hölle“, wo beim 25-jährigen Maturatreffen die Nazivergangenheit der Lehrer auf Tapet gebracht wird, und zu „Ich kann jeder sagen“, das im Kapitel „Die blauen Bände“ von einer sozialistischen Wohngemeinschaft der 1970er Jahre erzählt. Die heraufbeschworenen Bilder würden der Realität entsprechen, lobte eine Zuhörerin.

„Die blauen Bände“ beinhaltet autobiografische Szenen, verrät der Autor. Er hat darin die Geiselnahme von Walter Palmers 1977 aufgegriffen. „Im Café Savoy hat mir Reinhard Pitsch einen Tag vorher gesagt: Lies morgen die Zeitung. Das war der Moment der Entführung.“ Pitsch war Beteiligter. Die Polizei veröffentlichte ein Tonbandgespräch, in dem Lösegeld gefordert wurde. Jeder konnte sich das anhören. Und: „Jeder hat gewusst, wer das ist“, erzählt ein Mann im Publikum.

Man fühlte sich in eine andere Zeit versetzt, der vorbeifahrende Traktor holte wieder in die Gegenwart zurück. Mehr als zwei Stunden verweilten die Gäste bei Menasse. Eduard Himmelbauer fragte den Autor, ob er sich nach Jahren mit einem seiner Bücher zurücklehnen und denken könne: Das ist ein guter Jahrgang. „Es verändert sich oft der Blick darauf“, antwortet Menasse. Und augenzwinkernd: „Ich brauche für 100 Seiten sieben Liter Wein.“ Himmelbauer witzelt: „Ist eh ned viel!“

Über die Bücher

„Die Hauptstadt“ erhielt 2017 den Deutschen Buchpreis und wird gerade im Schauspielhaus Wien auf die Bühne gebracht. Geplant ist auch eine Serie. Robert Menasse wird nicht das Drehbuch schreiben.

„Die Vertreibung aus der Hölle“ (2003) hat der Suhrkamp-Verlag eben neu aufgelegt – als erste Europa-Roman des Autors.

„Ich kann jeder sagen“ (2009) ist eine Sammlung von Kurzgeschichten, die eines gemeinsam haben. Ich-Erzähler erinnern sich an Ereignisse an Tagen, an denen etwa US-Präsident John F. Kennedy erschossen wurde oder Griechenland Fußball-Europameister wurde.