Meteorologe: „Müssen uns an solche Sommer gewöhnen“. Drei Wetterexperten lassen den Sommer Revue passieren. Sie rechnen mit weiteren Hitzewellen.

Von Karin Widhalm. Erstellt am 29. August 2018 (05:43)
Franz Enzmann
Die Wetterstation bei der Windmühle läuft zum Teil automatisiert und liefert der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik laufend wichtige Daten für ihre Prognosen.

Gefühlt war es der heißeste Sommer seit Langem. Die Freibäder waren gut besucht, die Landwirtschaft litt unter der Trockenheit. Die NÖN fragte bei Experten nach, ob der Sommer wirklich so heiß wie nie war oder ob der Schein trügt.

Eine klare Antwort gibt die Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG) mit Sitz in Wien: Sie holt sich Daten von mehreren Wetterstationen, eine steht in Retz. „So wie in ganz Österreich wird es auch in Retz wärmer, weil wir Teil der weltweiten Klimaerwärmung sind“, erklärt Thomas Wostal, für die Pressearbeit zuständig. „Das ist in der Vergangenheit klar zu beobachten.“

Heuer war’s wärmer als im Durchschnitt

2018 ist überhaupt ein bemerkenswertes Jahr: 68 Sommertage (mindestens 25°C) und 30 Hitzetage (mindestens 30°C) verzeichnete die Retzer Messstation bis inklusive 27. August.

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Leopold Haimberger spricht von „einem der heißesten Sommer“.

„Wir liegen deutlich über den Werten eines durchschnittlichen Sommers“, unterstreicht der studierte Meteorologe. Fix ist schon jetzt, dass der Sommer 2018 der dritt- oder viertwärmste in der 252-jährigen Messgeschichte sein wird. Die endgültige Platzierung wird erst nach August bekannt sein.

Leopold Haimberger aus Ziersdorf ist ebenfalls ein Experte in Sachen Wetter. „Der Sommer 2018, Juni bis August, war im Nordosten Österreichs zweifellos einer der heißesten, auch wenn er keinen neuen Temperaturrekord gebracht hat“, erklärt der stellvertretender Leiter des Instituts für Meteorologie und Geophysik an der Uni Wien. Ob er im Mittel heißer sein wird als der Rekordsommer 2013, müsse sich erst herausstellen.

2013er-Höchstwert bleibt ungebrochen

Gustav Pollak, der eine Wetterstation in Unterretzbach betreibt, kann aber eines sagen: Der August-Mittelwert liegt bisher bei 25°C und ist schon jetzt so hoch wie nie. Das Rennen um die Tageshöchstwerte macht nicht 2018 (35,9°C), auch nicht 2017 (37,6°C), sondern der 3. August 2013 mit 38,8°C.

Einig sind sich die drei „Wetterfrösche“ darin, dass die Hitze nicht abreißen wird. „In den nächsten Jahren und Jahrzehnten werden wir uns an solche Sommer gewöhnen müssen. Mit großer Wahrscheinlichkeit werden sie noch heißer“, prognostiziert Haimberger. Denn der Gehalt von Treibhausgasen steige nach wie vor stark an.

Darum werden die Temperaturen generell hoch sein, die Niederschlagsvariabilität wird zunehmen, „wenn man den Klimamodellen glauben kann“. Das würde bedeuten, dass sowohl die Wahrscheinlichkeit für lange Trockenperioden als auch für Starkniederschläge mit Hochwasser im kleineren oder größeren Raum ansteigt.

Jahresverlauf: Früher warm und später kühl

Wostal beruft sich ebenso auf Berechnungen mit Klimamodellen. Die Vegetationsperiode werde verlängert: „Denn es wird im Frühling früher warm und im Herbst später kühl“, führt er aus. „Allerdings wird es trotzdem gelegentlich Kaltlufteinbrüche geben, die für markante Frostschäden sorgen können.“

Eines darf nicht vergessen werden: Die Wetterstation in Retz liegt höher (260 Meter Seehöhe) als jene in Unterretzbach (240). Pollak beobachtete, dass bei ihm die Luft um bis zu 6°C kühler sein kann. Tau, Windstille und anderes können eine Rolle spielen. Herrscht Tiefdruckwetter bei der Windmühle, ist’s oben kühler.

Kleinklima-Verhältnisse spürt man eben: Der Manhartsberg sei gerade fürs trockene Gebiet bei Retz und Retzbach nicht zu unterschätzen, erzählt der Landwirt. Ziehen dunkle Wolken im Waldviertel auf, ist Regen im nordwestlichen Weinviertel-Eck nicht gewiss. „Die Wetterfronten aus dem Westen lösen sich oft auf und formieren sich im Osten neu“, erklärt Pollak, der für den Hydrographischen Dienst des Landes arbeitet.

Regen ist im Vergleich schwierig zu fassen

Ein schwieriger Parameter ist indes der Niederschlag: Er weist gern große Unterschiede auf. „Berechnungen mit Klimamodellen zeigen für die nächsten Jahre und Jahrzehnte im Weinviertel keinen Trend zu mehr oder weniger Regen im Sommer, aber zu etwas mehr Regen im Winter“, erklärt Wostal.

Retz litt sehr unter der Trockenheit: 93 Millimeter (oder Liter pro Quadratmeter) gingen dort während des meteorologischen Sommers von Juni bis August nieder, der vieljährige Mittelwert liegt allerdings bei 192. „Das sind also rund 50 Prozent weniger Regen als in einem durchschnittlichen Sommer“, ergänzt Wostal. 14 Regentage waren’s heuer bis zum 27. August (Mittelwert: 25).

„Tendenziell werden die Niederschläge leicht weniger“, beobachtet Pollak. Seine Heimatgemeinde Retzbach bewässert daher seit 2002: „Ich hätte nicht geglaubt, dass die Weingärten so viel weniger Wasser haben werden. Das hat sehr geholfen.“

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