Wolfgang Scharinger: "Mich hat damals keiner gekannt". Es war der 9. April 1990, als Wolfgang Scharinger als Gemeinderat angelobt wurde, damals noch für die FPÖ. Seitdem hat er das Gremium nicht mehr verlassen. 20 Jahre gehört er nun schon der Hollabrunner Stadtrat-Riege an, und kümmerte sich mittlerweile um fast alle Ressorts der Stadt . Warum er schon 25 Jahre Stadtrat sein könnte, wer gemeinsam mit Scharinger angelobt wurde und was ihn besonders schmerzt, besprach er im 30-Jahre-Rückblick mit der NÖN.

Von Sandra Frank. Erstellt am 29. Juli 2020 (07:40)
Stadtrat Wolfgang Scharinger schwelgt gemeinsam mit der NÖN in Erinnerungen seines politischen Lebens.
Sandra Frank

Bei seiner ersten Gemeinderatssitzung saß Scharinger mit seinem freiheitlichen Mitstreiter Walter Püringer in der letzten Reihe. Die Mandatare saßen einander nicht wie jetzt gegenüber, sondern in Reihen, wie im Kino. „Damals wurde noch geraucht. Wir haben vor lauter Rauch manchmal gar nicht nach ganz vorne gesehen“, erinnert sich Scharinger, der ebenfalls zu den Rauchern zählte. 

Spannend ist, wer vor 30 Jahren mit dem heutigen Urgestein in dem Gremium saß: „Das UFO mit Oskar Luger ist gleichzeitig mit mir eingezogen.“ Zu einem Zeitpunkt, als die ÖVP unter Bürgermeister Max Kaltenböck noch 26 Mandate hatte. In deren Reihen war auch der heutige Bürgermeister Alfred Babinsky zu sehen. Er hatte aber nur ein sehr kurzes Gastspiel, wie Scharinger schildert: „Er musste, wie einige andere von der ÖVP, gleich wieder zurücktreten, damit die Reihung der Kandidaten wiederhergestellt wird.“ Nachsatz: „Das hören sie aber nicht gern.“ 

Rat der Eltern: "Die Schwarzen darfst nicht wählen!"

Wie ist das Arbeiterkind Wolfgang Scharinger eigentlich bei den Blauen gelandet? Dazu muss der 61-Jährige ausholen. Gewählt hat er nämlich lange Zeit die Roten. Zunächst, weil es ihm seine Eltern so gesagt haben. Dann, weil er SPÖ-Kanzler Bruno Kreisky vieles zu verdanken hatte: Auch er bekam, wie die reichen Kinder, neue Schulbücher. „Dann hat er mir Geld gegeben, damit ich heirat‘, später, wenn wir ein Kind bekommen. Warum sollt‘ ich diesen Mann nicht wählen?“ 

Zum Bruch mit den Sozialdemokraten kam es 1986. Bundeskanzler Franz Vranitzky löste die Zusammenarbeit mit der FPÖ und bildete nach den Neuwahlen eine Koalition mit der ÖVP. Von seinen Eltern hatte Scharinger gelernt, dass er die Schwarzen nicht wählen dürfe. „Damals ist auch gerade Jörg Haider aufgekommen.“

Der Frontmann des sogenannten Dritten Lagers gefiel dem heutigen Stadtrat. Ein Freund überredete ihn schließlich, zur FPÖ zu gehen; diese sollte er in Hollabrunn bis 2015 anführen. Als die Freiheitlichen sechs Mandate innehatten, trennte sich der Stadtrat mit drei weiteren Mitstreitern von der Partei; die Liste Scharinger war geboren.

 
Scharinger übernahm als Unbekannter die FPÖ-Stadtpartei

Als er 31-jährig die Partei übernahm, startete er mit einem Mandat, nach seiner ersten Gemeinderatswahl waren es zwei. „Mich hat ja da noch keiner gekannt, man hätte auch einen Besenstiel hinstellen können und die FPÖ hätte dazugewonnen“, weiß Scharinger, dass es er den Zugewinn dem Haider-Hype zu verdanken hatte.

Fünf Jahre später, da hätten ihn die Leute bereits gekannt – und gewählt. „Damals hätte ich schon Stadtrat werden können. Aber das hat die ÖVP mit einem politischen Trick verhindert.“ Die Bürgermeisterpartei habe die Anzahl der Stadträte verringert, und so war kein Platz für den Freiheitlichen. „2000 konnten sie mich aber nicht mehr aufhalten“, erinnert er sich 20 Jahre zurück.

"Ich bleibe, solange mich die Leute wählen"

Wie lange er noch in der Politik bleiben will? „Solange mich die Leute wollen und wählen“, ist er stolz, dass er immer – abgesehen vom ersten Mal – mit einem Direktmandat in den Gemeinderat einziehen konnte.

In seiner bisherigen Ära hat er vier Bürgermeister erlebt – Max Kaltenböck, Helmut Wunderl, Erwin Bernreiter und jetzt Alfred Babinsky – und „acht rote Vis-à-vis“. 

Während seiner 30 Jahre in der Kommunalpolitik haben sich allerhand Schriftstücke angesammelt. Im perfekt gejäteten Garten seines Kellers in der Gerichtsbergkellergasse, schwelgt Scharinger mit der NÖN in Erinnerungen. Oft sagt er: „Das hab‘ ich ihnen damals schon gesagt!“ Etwa, dass Liegenschaftsangelegenheiten transparent im öffentlichen Teil einer Gemeinderatssitzung behandelt werden sollen. Bis heute geschieht dies nicht zur Gänze.


30 blaue Gießkannen für den Stadtrat

Vieles hat der begeisterte Großvater in 30 Jahren umgesetzt, vieles hat er bekämpft und verhindert. Ein Beispiel aus dem Jahr 1998: Den Kreisverkehr vor Suttenbrunn sollte ein Kunstwerk eines französischen Künstlers zieren. Kostenpunkt: 800.000 Schilling. In der Aumühlgasse kämpfte er gemeinsam mit den Bürgern dafür, dass der Spielplatz erhalten bleibt und nicht für Wohnbau weichen muss. 

Ein Highlight, über das heute noch gesprochen wird: der Gießkannenautomat am Friedhof. Die Gefäße waren nämlich immer vergriffen, oder verschwunden. „Das gibt’s ja nicht“, dachte sich Scharinger, als er das Ressort übernahm, und ordnete den Kauf von 30 Gießkannen an. „In ihrem Eifer haben die Arbeiter blaue Gießkannen gekauft, das hab' ich ihnen aber nicht angeschafft“, lacht er bei dieser Erinnerung. Von den 30 waren bald nur noch wenige da. Seitdem gibt es den Automaten, der funktioniert, wie Einkaufswagen.


Zinsmanagement als "Tiefpunkt der politischen Miteinanders"

Geschichten wie diese hat Scharinger unzählige auf Lager. Als „Tiefpunkt des politischen Miteinanders“ bezeichnet er das Zinsmanagement der Stadtgemeinde. Er gab offen zu, dass er sich hierbei nicht auskenne, und riet der Gemeinde, die Finger davon zu lassen. „Da hat mich die ÖVP als deppert hingestellt“, zückt er das entsprechende Flugblatt. Bis dato habe die Gemeinde durch diese Geschäfte aber 3 Millionen Euro verloren. „Was ich privat nicht mach‘, mach‘ ich auch in der Gemeinde nicht“, lautet Scharingers Credo, mit dem er in all den Jahren gut gefahren sei.

Beschimpfungen seines politischen Mitbewerbers nehme er sich nicht zu Herzen. „Mir rutscht in der Debatte auch einmal was raus. Politisch verzeih‘ ich jedem alles.“ Nur, wenn es um seine Familie geht, ist der 61-Jährige nicht so nachsichtig: Der „Apparat der ÖVP“ habe seine Schwester aus dem Gemeindedienst entfernt, als er in die Politik einstieg; sein Bruder wollte einen Gemeindeacker pachten, den er nie bekommen hat; und: Als Scharingers Tochter sich als Kindergartenhelferin in der Bezirkshauptstadt bewarb, wurde sie abgelehnt, aufgrund ihres Nachnamens. „Das tut einem als Vater schon weh“, gesteht der sonst so hartgesottene Politiker. Ans Aufhören habe er aber niemals gedacht, auch deswegen, weil seine Familie trotz aller Widerstände immer hinter ihm stand.

Gemeinsamer Gang ins Wirtshaus fehlt

Der Hollabrunner ist stolz, sich nie selbst gewählt zu haben. Dass er, etwa bei der Wahl zum Stadtrat, nicht die Zustimmung aller Mandatare erhielt, stört ihn ebenfalls nicht. „Es ist mir wichtiger, dass mich das Volk wählt“, spielt er darauf an, dass er die meisten Vorzugsstimmen habe.

„Früher hat es immer geheißen: Die eigentliche Sitzung ist nach der Gemeinderatssitzung“, sprich, beim Wirt. Heute gehen Bürgermeisterpartei und Opposition nach einer Sitzung getrennte Wege. „Leider“, kommentiert Scharinger, der den Grund kennen will: „Weil die ÖVP immer überheblicher geworden ist.“ 

Er wünscht sich, dass der Stadtchef hier die Zügel in die Hand nimmt. „Er kann ja sagen, nach der Sitzung ist bei einem Wirt für alle reserviert.“ Das Argument, dass die Sitzungen zu lange dauern würden, lässt das Polit-Urgestein nicht gelten. Man müsse nur mehr Sitzungen ansetzen, so hätte man weniger Tagesordnungspunkte zu besprechen. Ein solcher gemeinsamer Auftritt wäre auch ein gutes Signal an die Bevölkerung, ist Scharinger überzeugt.