Rudolf Gelbard: Und sein Kampf geht weiter .... Rudolf Gelbard (86) erzählte, warum er sich gegen faschistisches Gedankengut wehrt.

Von Karin Widhalm. Erstellt am 21. September 2016 (03:43)
NOEN, Karin Widhalm
Ernstes Thema im Nationalparkshaus (v.l.): Bürgermeister Heribert Donnerbauer, Rudolf und Inge Gelbard, Obmann Dieter Preiß.

„Das Überleben ist eine Verpflichtung“, ist Rudolf Gelbard da ganz einer Meinung mit Simon Wiesenthal. Nationalsozialisten deportierten ihn als Zwölfjährigen ins Konzentrationslager Theresienstadt.

Der bald 86-Jährige erzählte am vorigen Donnerstag im Nationalparkhaus von dem präzise organisierten Nazi-Verbrechen, seinem Kampf gegen Rechtsextremismus – und ging auch auf gegenwärtige Zustände ein.

Er benannte 21 Verbrechen der Nationalsozialisten, denn nicht nur die jüdische Bevölkerung war von der Tötungsmaschinerie betroffen; auch zum Beispiel die „Swing-Jugend“, die den amerikanisch-englischen Lebensstil suchten und dafür verhaftet wurden. Endstation: meist das Konzentrationslager.

„Ich überlebe das nicht“, glaubte der 14-Jährige

Gelbard entrann als jüdischer KZ-Häftling knapp dem Tod. „Ich überlebe das nicht“, dachte er sich als 14-Jähriger. 812 Burschen waren in seinem Trakt in Terezín, vier überlebten. Aber selbst das war keine Garantie für ein sorgenfreies Weiterleben, wie in Gelbards Familie erkennbar ist: Sein Vater starb 1952 an den Folgen der Folterungen. Seine Mutter glaubte, jeder Polizist sei ein NS-Mann und musste psychiatrisch behandelt werden. Er selbst schaffte es, aber wie?

„Die Beschäftigung mit der Geschichte war mir vielleicht eine Hilfe und natürlich meine politische Tätigkeit“, beantwortet das SPÖ-Mitglied eine der vielen Publikumsfragen. Er, dessen Schullaufbahn unterbrochen wurde, eignete sich selbst Wissen an. Sein antifaschistischer Kampf war auch „vielleicht eine Art der Bewältigung“.

Schon bei seiner Heimkehr erkannte er: Das nationalsozialistische Gedankengut ist nicht verschwunden. „Information ist Abwehr“, ist er davon überzeugt – und erzählt deswegen von Terezín, deren künstlerisches Leben die Nazis bestens zu nutzen wussten: Sie zeigten damit der Außenwelt eine Idylle, die Gelbard als verkitschte Lüge bezeichnet. „Beherzigen Sie das: Die sich des Vergangenen nicht erinnern, sind dazu verurteilt, es noch einmal zu erleben.“ Das hat auch seine Grenzen, wie er weiß: „Menschen, die gleichgültig sind ... an die heranzukommen, ist sehr schwer, besonders, wenn sie Sorgen haben.“

Die Theorie, dass niemand etwas gewusst habe, weist er auch in Hardegg scharf zurück. Hitlers „Mein Kampf“ habe dessen Gedanken offenbart. Gelbard verweist auf Zeitungsberichte, die Nürnberger Gesetze, die Tempelbrände, Verhaftungen und Diffamierungen. Gerüchte kursierten, aber Einzelheiten aus den Konzentrationslagern, das habe man nicht gewusst.

Angst der Menschen als eine der Triebfedern

Zuhörer erinnern an andere Regime – etwa unter Josef Stalin – und existierende autoritäre Systeme, verweisen auf das Leid der Sudetendeutschen. „Es hat vor und nach Hitler Verbrechen gegeben“, weist das der Zeithistoriker nicht von der Hand. Es gäbe keine Kollektiv(un-)schuld. Und auch die Angst, dass sich die Vorgänge wiederholen könnten, ist zu hören.

Gelbard will auf dem Boden der Tatsachen bleiben: Man dürfe die (rechts-)radikale Szene nicht über-, aber auch nicht unterschätzen. Es komme zwar zu extremen Erscheinungen, wie etwa in Polen. Er glaube zugleich nicht, dass in der Europäischen Union eine Wiederholung des NS-Regimes, vorbereitet von einer Kulturnation und mit so einer großen Präzision, möglich sei.

Die Angst der Menschen sei eine der Triebfedern gewesen. „Angst – egal, ob berechtigt oder unberechtigt – ist sehr gefährlich“, sagte der Zeitzeuge. Ein Patentrezept gebe es da nicht. „Ein Wundermittel hat noch keiner gefunden.“ Er warnt aber vor der Sehnsucht nach Führern und Propheten. „Ich bin für den mittleren Weg zwischen Traumtänzer und Hetze.“

Seinen antifaschistischen Kampf führt er weiter: Gelbard gehört zu jenen Überlebenden, die die als rechtsextrem eingestufte Zeitschrift Aula verklagten. KZ-Häftlinge wurden darin pauschal als „Massenmörder“ und „Landplage“ bezeichnet. Das Verfahren läuft noch.