Pater Michael Hüttl: Der späte Weg ins Kloster. Pater Michael Hüttl war zehn Jahre lange als Filialleiter in Wien tätig. Heute lebt er in einer Ordensgemeinschaft ein erfülltes Leben. „Gemeinschaft und Lebenstakt geben mir Halt.“

Von Kathrin Horvath. Erstellt am 20. September 2020 (04:16)
Pater Michael Hüttl: „Das Leben als Mönch ist kein Leben, das sich in einer völlig verzweifelten Verzichts-erfahrung ereignet.“
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Die Mittagssonne brennt erbarmungslos auf den Steinweg, der im Stift Altenburg im Waldviertel durch das Kloster führt. Pater Michael Hüttl schreitet in seinem schwarzen Habit durch das Stift und grüßt freundlich jeden Menschen, der seinen Weg kreuzt. Die meisten von ihnen sind Ausflügler, deren Mimik kurz erstarrt, als hätten sie gerade einen Geist gesehen. Pater Michael war in seinen jungen Jahren ein Rebell und kann mit solchen Blicken gut umgehen.

„Am Ende steht der Rammbock Pension“. Gegen den Willen seiner Eltern hat er sich für eine Lehre im elterlichen Generationenbetrieb in seiner Heimatgemeinde Pulkau entschieden. Mit 20 Jahren legt er die Prüfung zum Fleischermeister ab. Bereits zwei Jahre später klettert er die Erfolgsleiter empor und leitet im vierten Wiener Gemeindebezirk eine Filiale. Nach zehn Jahren dann der Bruch: „Mit 30 hat mein Leben wie auf einer Eisenbahnschiene ausgeschaut und am Ende steht der Rammbock Pension“, erzählt er. Midlife-Crisis? Nein, sondern der Wunsch nach einer fundamentalen Veränderung der Lebensperspektive.

„Diese vermeintliche Enge, also die Gemeinschaft, der Ort und unser Lebenstakt, geben mir Halt.“Pater Michael Hüttl

Ein Leben in Demut und Bescheidenheit. Bereits während der Lehrzeit engagierte er sich in der römisch-katholischen Kirche. Das spirituelle Leben im christlichen Sinn hat damals für den heutigen Pfarrer zunehmend an Bedeutung gewonnen. 1996 ist Pater Michael in den Benediktinerorden im Stift Altenburg eingetreten. Die Entscheidung, auf eigene Kinder zu verzichten und sein Leben für die Gemeinschaft, für Gott in Demut und Bescheidenheit zu leben, ist über die Jahre gereift. „Das war ein richtiges Ausstiegserlebnis“, schmunzelt er. Sein neuer Lebensweg sei in seinem Umfeld nicht überall auf Wohlwollen gestoßen. Besonders einschneidend war die Reaktion einer langjährigen Kundin, zu deren Familie er während seiner Zeit als Filialleiter eine emotionale Beziehung aufgebaut hatte. Sie habe auf seine Entscheidung „zutiefst enttäuscht“ reagiert und habe ihm das auch gesagt, erzählt der sonst strahlende 56-Jährige mit ernster Miene. Der Weg ins Kloster war für ihn der richtige Weg. Heute fühlt sich Pater Michael angekommen und als Teil der Ordensgemeinschaft. Das Kloster beschreibt er als seinen Blumentopf, der ihm Lebensraum, Schutz und Enge bietet. „Diese vermeintliche Enge, also die Gemeinschaft, der Ort und unser Lebenstakt, geben mir Halt.“

Corona stellte alles auf den Kopf. Die Corona-Vorsichtsmaßnahmen waren im Frühjahr für viele Menschen ein schwerwiegender Lebenseinschnitt. Tagesstrukturen wurden auf den Kopf gestellt und mussten neu organisiert werden. Soziale Kontakte wurden auf ein Minimum oder gar null reduziert. Viele Menschen haben unter der Isolation emotional stark gelitten. Die Bedeutung des Lebens in familiärer, sozialer Gemeinschaft wurde durch die Corona-Pandemie wieder ins Zentrum gerückt.

Lebenstakt schlägt jetzt anders. Seit 875 Jahren leben die Mönche des Benediktinerordens im Stift Altenburg ihren eigenen Lebenstakt in Gemeinschaft. Dieser Takt schlägt anders und hat nichts mit zurückgezogenen Mönchen, die ausschließlich beten, gemein. Pater Michael zeigt sich auf Facebook als moderner Christ, der Kontakt zu Menschen aus aller Welt pflegt, sich im Urlaub ein kühles Blondes am Pool gönnt oder mit dem Auto im Stau steckt. Pater Michael strahlt Lebensfreude und Zufriedenheit aus. Er tanzt in seinem Lebenstakt frohgemut aus dem vermeintlich verstaubten Eremitenleben heraus.

Das Porträt entstand in Zusammenarbeit von Katholischer Medien Akademie und der NÖN.