Robert Lehrbaumer: „Der Kunst ihren Stellenwert geben“. AMA-Leiter Robert Lehrbaumer über Herausforderungen in der Coronakrise, Kritik an der Regierung und den Start der AMA.

Von Thomas Weikertschläger. Erstellt am 04. Juli 2020 (05:16)
Robert Lehrbaumer.
Martin Kalchhauser

Die Altenburger Musikakademie startet am 12. Juli. Redaktionsleiter Thomas Weikertschläger bat AMA-Gründer Robert Lehrbaumer zum Gespräch.

Die AMA kann 2020 stattfinden: Wie groß ist Ihre Erleichterung darüber? Wie hart war der dafür notwendige Kampf?

Robert Lehrbaumer: Die Erleichterung ist riesengroß. Wochenlange zeitintensive Korrespondenzen, Telefonate und Zoom-Konferenzen mit Regierungsberatern und das Verfassen mehrerer detaillierter Expertisen, die von Woche zu Woche angepasst wurden, haben schließlich zu Ergebnissen geführt, die in ihrer derzeitigen Form gültig und damit endlich auch der Gastronomie gleichgestellt sind. Mein erstes Schreiben an Kanzler Kurz, Vizekanzler Kogler und die damalige Kulturstaatssekreträrin Lunacek wurden auch in Medien veröffentlicht und sind als Vorzeige-Empfehlung bis zum bayrischen Ministerpräsidenten weiter geleitet worden ...

Was waren die größten Herausforderungen?

Lehrbaumer: Gegen Panik und Angst zu argumentieren, die den Hausverstand verdrängt haben. Und der Kunst den selben Stellenwert zu geben wie allen anderen Bereichen des Lebens.

Gab es in den vergangenen Wochen und Monaten große Unterstützer, die Ihnen bei der Organisation der heurigen AMA geholfen haben?

Lehrbaumer: Wir haben ein kleines, aber großartiges Team, das nie aufgehört hat, positiv zu denken und von Anfang an kreativ über mögliche Szenarien nachgedacht hat. Das Entgegenkommen des Stifts, vor allem durch die Zurverfügungstellung der Bibliothek trägt dazu bei, dass wir großzügigste Sicherheitsabstände anbieten können. Die imposante Höhe und enorme Fläche der Bibliothek machen Gedanken über Aerosol-Thematik überflüssig. Im Grunde ist es von der Weite des Raumes her wie „Open Air“. Trotzdem wird zusätzlich besonders auf die Einhaltung aller Sicherheitsbestimmungen geachtet. Alle sollen sich top sicher fühlen und dadurch entspannt und freudvoll Kunst wieder genießen können.

Wie wird man während der Kurse mit den geltenden Corona-Maßnahmen umgehen? Wie wird sich die Situation auf den Kursbetrieb auswirken?

Lehrbaumer: Wir bauen auf den hohen Sicherheitsstandards im Musikschulunterricht auf. Durch die Größe und Höhe der barocken Räumlichkeiten, in denen unterrichtet wird, ergibt sich von selbst sogar noch ein höherer Sicherheitsfaktor. Im Sommer kann in der Regel sogar bei offenen Fenstern musiziert und gesungen werden. Besser geht‘s also gar nicht.

Wie schaut es eigentlich mit den Buchungen für die Kurse aus?

Lehrbaumer: Es gibt nur mehr wenige Kursplätze. Wir sind erfreulicherweise gut gebucht, obwohl der große Teil ausländischer Teilnehmer wegfällt.

Haben Sie in gewissen Phasen der Krise daran gezweifelt, dass die AMA heuer stattfinden kann?

Lehrbaumer: Eigentlich nie. Ich habe Covid-19 zwar als ernst zu nehmende Gefahr angesehen, aber mich von der angefachten Panik nicht anstecken lassen, sondern mich innerlich auf „es findet statt“ eingestellt. Freilich habe ich auch mit Vehemenz dafür gekämpft, dass die strikten Regeln wieder zurückgenommen werden – womit ich schlussendlich richtig lag.

Was erwartet die Gäste der AMA-Konzerte heuer? Gibt es ganz besondere Highlights?

Lehrbaumer: Das kann man wohl sagen! Auf der coronabedingten Absage für das geplant gewesene Eröffnungskonzert ist etwas entstanden, das besonders aktuell zum heurigen „Corona- und Beethovenjahr“ – wenn ich das so salopp sagen darf – passt. Es wird zur Uraufführung meiner augenzwinkernd als „Corona-Fassung“ bezeichneten Bearbeitung von Beethovens gewaltiger „Chorfantasie“ für Solo-Klavier, Solisten, Chor und Orchester kommen, die ich im Original vom Klavier aus hätte dirigieren sollen, kommen. Um den Weltstar Robert Holl bildet sich ein großartiges junges Gesangs-Ensemble. Als Kontrast und Ergänzung gibt es in diesem Konzert am 12. Juli die anmutige Flötensonate und die berühmten Gellert-Lieder von Beethoven. Als Rezitator konnten wir den mit einer wunderbaren Sprechstimme gesegneten Internatsleiter der Altenburger Sängerknaben, Ernst Kugler, gewinnen.

Wie ist es Ihnen persönlich in der Krise ergangen?

Lehrbaumer: Privat extrem gut. Ich hatte selten über einen so langen Zeitraum so viel und intensiv die Möglichkeit, mit meiner Familie zusammen zu sein. Wir haben das sehr genossen. Dass die Welt sich quasi langsamer gedreht hat, habe nicht nur ich als wohltuend empfunden. Ein Hinweis darauf, wie sehr unser übliches Leben „überdreht“ ist. Dies sollte uns alle als Lehre aus der Krise in die Zukunft begleiten. Beruflich war es für uns freischaffende Künstler eine Katastrophe. Für vier Monate alle Konzerte abgesagt, kein Einkommen und in der Zukunft nach wie vor viel Unsicherheit bei den Veranstaltern. Wenn man da als Künstler keine Rücklagen hat – und das ist vor allem bei weniger gut verdienenden Kollegen nicht selten der Fall – steht man schnell vor den Trümmern seiner Existenz. Daher initiiere und leite ich derzeit auch Unterstützungs- und Benefizaktionen für bedürftige Kollegen.

Viele Künstler haben die Regierung für Behandlung der Bereiche Kunst und Kultur während der Coronakrise kritisiert. Wie beurteilen Sie diese Thematik?

Lehrbaumer: Die Kritik war und ist nach wie vor – etwa was den unübersichtlichen Ablauf der ohnehin sehr geringen Kompensationszahlungen betrifft – leider nachvollziehbar. Auch ich habe mich zu Wort gemeldet, aber auch aktiv an Lösungen mitgearbeitet. Man sollte als Künstler sowohl Hilfe erwarten dürfen – wenn zum Beispiel die AUA mit einem Vielfachen dessen gerettet wird, was für Kulturunterstützung in ganz Österreich ausgegeben wird –, aber auch wir Künstler sind aufgerufen, eigene Beiträge dazu zu leisten.