100 Jahre NÖ: "Als die Welt unterging"

Erstellt am 15. Mai 2022 | 04:39
Lesezeit: 5 Min
Vor 60 Jahren überzog ein riesiges Unwetter weite Teile Niederösterreichs. Auch der Bezirk Horn war stark betroffen.
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  Eine furchbare Unwetter-Katastrophe überzog vor 60 Jahren weite Teile Niederösterreichs. Auch der Bezirk Horn blieb davon nicht verschont. Am 9. Mai 1962 gingen währen der Nachmittags- und Abendstunden verheerende Unwetter nieder, weite Teile des Bezirks standen unter Wasser.

Im nördlichen Niederösterreich verlief der Tag zeitweise sonnig. Gegen Mittag zogen von Südwesten her im Waldviertel erste gewittrige Regenschauer durch. Nach einer Wetterberuhigung bildeten sich in Teilen des Wald- und Weinviertels am späten Nachmittag hochreichende Quellwolken sowie kräftige, zum Teil annähernd ortsfeste Gewitterzellen, die bis in den Abend hinein andauerten und lokal Starkregen, zum Teil auch Hagel brachten.

Die Katastrophenschwerpunkte lagen in Niederösterreich in den Räumen um Horn, Waidhofen an der Thaya, Retz, Zellerndorf und Weikersdorf. Binnen kurzer Zeit traten Bäche als reißende Flüsse aus den Ufern und überfluteten ganze Ortschaften. Besonders schwer betroffen waren das obere Weinviertel und der Bezirk Tulln, wo verbreitet nach Abzug des Unwetters eine Sumpf- und Seenlandschaft zurückblieb, der etwa die Hälfte der Weingartenflächen zum Opfer gefallen war. Vielerorts drangen meterhohe Wassermassen in die Häuser und schwemmten Bewohner zu den Fenstern hinaus. In manchen Fällen stand in tiefer gelegenen Gehöften das Wasser bis zu zwei Meter hoch.

Zahlreiche Menschen, die in ihren Häusern ausharren wollten, wurden vom Wasser eingeschlossen und mussten mit Zillen geborgen werden, Straßen waren unpassierbar, Bahnlinien so stark unterwaschen, dass die Geleise in der Luft hingen. Obstkulturen wurden vom Hagel zerschlagen, der gebietsweise so heftig war, dass Bäume nach dem Unwetter kahl zurückblieben. Die vom Hochwasser zusammengeschwemmten Hagelschlossen bildeten stellenweise bis zu 160 cm höhe Berge, die von Schneepflügen entfernt werden mussten. Tausende Feuerwehrleute und freiwillige Helfer waren tagelang im Einsatz, um die ärgsten Schäden zu beseitigen und zahlreiche einsturzgefährdete Häuser in den überschwemmten Gebieten notdürftig zu pölzen.

Im Bezirk Horn setzte in Haselberg ein Blitz die Wirtschaftsgebäude des Landwirtes Willinger in Brand. In Posselsdorf schlug ein nichtzündender Blitz in einen Geräteschuppen, der dadurch einstürzte. In Mödring wurden drei Autos in den Bach geschwemmt. In Gars barst der ziegelgewölbte Hauptkanal. Eine meterhohe Wasserfontäne schoss empor, der Hauptplatz wurde vermurt, die Häuser überflutet. Dort, wo jetzt das Garser Feuerwehrhaus steht, war früher ein Materialgraben, in den alles hineingeschmissen wurde. Der Wolkenbruch hat das ausgeschwemmt und in die Ortschaft hinuntergeschwemmt. Der Bürgermeister und Feuerwehrhauptmann von Harmannsdorf, Schmiedemeister Josef Steininger, erlitt beim Auspumpen der Keller durch die Auspuffgase der Feuerwehrpumpe eine schwere Kohlenmonoxid-Vergiftung.

Bis zu 1,6 m hoch lag das Eis in Eggenburg nicht nur auf den Straßen und Höfen, sondern auch als kompakte Masse in den Wohnräumen und Stallungen. Fast bis zu den Schultern im kalten Wasser stehend, retteten die Feuerwehrmänner Menschen und Tiere. Die Horner Straße verwandelte sich in einen reißenden Fluss, vielfach wurden Autos weggeschwemmt.

Zur Hilfeleistung waren 40 Feuerwehren aus dem Gerichtsbezirk Horn bzw. Eggenburg und 14 Feuerwehren aus dem Bezirk Geras erschienen. Erkmar Dethloff, damals im Einsatz, erinnert sich: „Nach starkem Hagel und sintflutartigen Regenfälle war der Platz des heutigen Feuerwehrhauses beim Kaiser-Jubiläumsbad überflutet. Der Wasserburgerring war noch mit großen Pflastersteinen gedeckt, diese Steine wurden durch die Wasserwucht herausgerissen und an die unten liegenden Häuser geschleudert. Unten hat der damalige Zahlmeister der Feuerwehr Willi Wunderer vor seiner Haustür und im Haus drinnen diese großen Pflastersteine gehabt.“

Der damalige Bezirkshauptmann Georg Schneider setzte tollkühn sein Leben aufs Spiel, als er noch in der Nacht versuchte, die Horner Straße beim Wasserburgerring zu passieren. Nur die Windschutzscheibe ragte mehr aus den Fluten. Der Wagen blieb stecken, konnte aber mit eigener Kraft wieder zurückfahren.

In Burgschleinitz erlitt ein Feuerwehrmann Erfrierungen an den Beinen, während ihm der Schweiß in hellen Bächen von der Stirn lief und das Thermometer 25 Grad im Schatten anzeigte.

Die Wassermassen hatten eine massive Betonmauer bei der Schule wie ein Kartenhaus umgelegt. Allein bei Bürgermeister Karl Wittmann ertranken 50 Schweine. Die Kälber kamen davon; zur Zeit des Wasserhöchststandes ragten nur ihre Nasenlöcher aus dem schmutzigen Wasserspiegel. In der Ortsstraße lag etwa ein Meter hoch das Eis in der ganzen Breite der Straße und in einer Länge von 50 Metern. Man konnte bequem darauf herumgehen und sank nicht ein. Es war kein Schnee, es war hartes, kompaktes Wassereis. „Mein Vater Franz Steinschaden, geboren und wohnhaft seit 1922 in Limberg, erzählte, dass er an diesem Tag als Maschinist der Feuerwehr im Einsatz stand. Durch Limberg schwammen im reißenden Schleinzbach 20 Schweine, die aus Burgschleinitz mitgerissen wurden. Diese konnten aber nicht mehr geborgen werden.“

Filmaufnahmen zeigen die Feuerwehr Straning beim Straßenwaschen mit einem alten Hydrophor. 1.517 Stunden stand die Wehr gemeinsam mit drei auswärtigen Feuerwehren im Einsatz. Der Taufbrunnen in der Kirche hat eine Widmung im Andenken an diese Katastrophe.

In 39 Häusern von Stoitzendorf wurden Wohnungen, Stallungen, Keller, Scheunen oder Brunnen vermurt. Aus der Pfarrchronik von Röschitz: „Im Anschluss … sei für die Nachwelt festgehalten, dass unsere Gegend am Abend des 9. Mai von einer grauenvollen Unwetterkatastrophe heimgesucht wurde, wie sie die ältesten Leute bis dahin nicht erlebt hatten. Hier trat der Maignerbach über die Ufer und überschwemmte die tiefer gelegenen Ortsteile. Vor dem Pfarrhof stand das Wasser 34 cm hoch. In manchen Häusern am Bach entstanden durch das Wasser bedeutende Gebäudeschäden. An manchen Stellen lagen die Hagelkörner 30 cm hoch.“

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