Lisa Padouvas: Mozart aktueller denn je. Erstmals inszeniert Lisa Padouvas, eine junge Wienerin mit griechischen Wurzeln und Gars-Erfahrung auf der Burg. Premiere ist am Donnerstag, 15. Juli.

Von NÖN Redaktion. Erstellt am 08. Juli 2021 (03:28)
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Lisa Padouvas, die gebürtige Wienerin mit griechischen Wurzeln, führt bei Mozarts „Entführung aus dem Serail“ auf der Gars Burg (Premiere am 15. Juli und dann noch zehn Mal bis zum 7. August) Regie.
Jennifer Bilska

Dafür, dass die Burg Gars ab 15. Juli als schillernder orientalischer Palast erstrahlt, sorgt die aufstrebende Regisseurin Lisa Padouvas mit einer eindrucksvollen Inszenierung. Die 1993 geborene Wienerin mit griechischen Wurzeln studierte Musik- sowie Theater-, Film- und Medienwissenschaft an der Universität Wien und sammelte vielfältige Erfahrungen an großen und kleinen Opernbühnen. Seit 2018 ist sie als Regieassistentin und Spielleiterin an der Wiener Staatsoper tätig. In der Oper Burg Gars trug sie unter anderem bereits als Co-Regisseurin maßgeblich zum Erfolg der „Fidelio“-Produktion 2019 bei.

NÖN: Was verbindet Sie als Künstlerin mit Gars, der Garser Oper und Intendant Johannes Wildner?

Lisa Padouvas: Als ich in den vergangenen Jahren als Regieassistentin und Spielleiterin die Produktionen der Oper Burg Gars betreute, war eines schnell klar: In diesem traumhaften Ambiente will ich auch inszenieren. Die künstlerische Zusammenarbeit mit Johannes ist erfrischend und inspirierend, denn oft hat man das Gefühl, ein lebendiges Geschichtsbuch vor sich zu haben. Außerdem ist das großartige Team mittlerweile zu so etwas wie meiner Sommerfamilie geworden und ein Sommer ohne Gars ist für mich schon fast nicht mehr vorstellbar.

Was fasziniert Sie an Mozarts „Entführung“ besonders?

Padouvas: Mozarts „Entführung aus dem Serail“ ist eine unglaublich spannende Oper und das in vielerlei Hinsicht vom geschichtlichen Hintergrund mit Kriegen und einem neu erwachenden Interesse für das Reisen und Entdecken anderer Kulturen und natürlich der durchschlagende Erfolg der Oper zu Lebzeiten Mozarts begründet durch eine neuartige Handlung und die Wahl des Sujets. Er hat außerdem die Kunstform des Singspiels in jeder erdenklichen Weise gesprengt und damit erstmals große Oper erschaffen.

Welche dramaturgischen Besonderheiten darf man bei der Garser Entführung erwarten?

Padouvas: Wir verzichten bewusst auf den weder dramaturgisch noch musikalisch unbedingt notwendigen Chor. Der Fokus des Publikums wird damit ganz klar auf die sechs Protagonisten der Oper gelenkt. Personenpsychologie und Figurenentwicklung stehen im Mittelpunkt und sollen die wesentlichen Aussagen der Handlung schonungslos darstellen. Auch das Ende wird den einen oder anderen Opernkenner überraschen. Das von Mozart komponierte Ende ist ein von den Regeln des Kaiserhauses erzwungenes und (musikalisch) ironisiertes Happy End. Denn Konstanze, die weibliche Hauptrolle, ist eine Frau, die zwischen zwei Männern steht. Dass so eine Geschichte nicht gut ausgehen kann, erklärt sich von selbst …

Auf welche Aspekte legen Sie bei Ihrer Inszenierung einen speziellen Fokus und warum?

Padouvas: Mozart greift Themen auf, die an jedem Ort und zu jeder Zeit, auch heute, aktuell sind: Unterdrückung, Machtausübung, Abhängigkeitsstrukturen, Gewalt (gegen Frauen), ungerechte/ungleiche Behandlung aufgrund von Herkunft, Geschlecht oder Glaube. Da hat die Menschheit noch einen weiten Weg vor sich. Ort der Handlung ist in meiner Inszenierung nicht wie von Mozart geschrieben in der Türkei, das spielt keine Rolle. Mein Ziel ist es, zu zeigen, dass eine Geschichte wie diese zu jeder Zeit an jedem Ort stattfinden könnte.

Was kann die „Entführung“ dem heutigen Publikum 240 Jahre nach der Uraufführung mit auf den Weg geben? Wie zeitlos ist diese Oper?

Padouvas: Als Vorlage diente Mozart „Belmont und Constanze“ von Friedrich Bretzner. Doch er schuf eine wesentliche Abweichung vom Original: Belmonte ist nicht Bassa Selims Sohn, sondern der seines größten Feindes. Die großmütige Vergebung des Bassa am Ende der Oper wird dadurch ethisch motiviert: Verzicht durch Menschlichkeit, einer der Grundpfeiler einer aufgeklärten Gesellschaft, und damit einer von vielen Aspekten, die Mozarts Entführung so zeitlos und allgemein gültig machen. Denn Sklaverei, Menschenhandel und Zwangsehe sind, wenn auch unter anderem Namen oder in anderer Form leider immer noch ein Thema, selbst in Europa.

Lassen sich bestimmte Aussagen des Stücks auf unser derzeit sehr herausforderndes, von der Pandemie geprägtes gesellschaftliches Leben beziehen?

Padouvas: Das ausgehende 18. Jahrhundert war geprägt von einer immer größer werdenden Sehnsucht nach der Ferne sowie einer neu erwachenden Entdeckungs- und Reiselust der Menschen. Sehnsüchte, die nach diesem von (Reise-)Einschränkungen und geschlossenen Grenzen geprägten Jahr 2020 für uns alle nur zu gut nachvollziehbar sind. Einmal mehr wird uns gezeigt, wie wichtig Kultur für uns Menschen ist, denn sie lässt uns träumen, bestärkt uns aber auch darin, den Mut nicht zu verlieren, auch wenn eine Situation noch so ausweglos erscheint.

Wie fühlt es sich an, ein eigenes Regiekonzept inmitten der tausend Jahre alten Mauern der Burg Gars umzusetzen und welche Rolle spielt die Burg selbst in der Inszenierung?

Padouvas: Wenn ich als Regisseurin einen so schönen und magischen Ort wie die Burgruine Gars betrete, denke ich unweigerlich darüber nach, welche tollen Möglichkeiten dieser Spielort bietet und welche Stücke man hier umsetzen könnte. Sofort entstehen unzählige Ideen. Die Fantasie wird beflügelt, was nicht zuletzt an der atemberaubenden Atmosphäre der Opernburg liegt. Die traumhafte Kulisse der tausend Jahre alten Burgmauer lässt jedes Theaterherz höherschlagen. Und im Fall der „Entführung“ passt sie auch noch wie die sprichwörtliche Faust aufs Auge zum Stück, denn Schauplatz der Handlung ist der Palast des Bassa Selim. Deshalb wird die Burg – eher die Burgmauer – auch ein elementarer Bestandteil meiner Inszenierung und in einer Form bespielt, wie sie bisher noch nicht zu sehen war.