Polit-Diskussion: Hat Tourismus noch Stellenwert?. Nach „Aus“ für Landarbeiterkammer in Drosendorf entflammte Streit über Tourismuspolitik in Drosendorf-Zissersdorf.

Von Thomas Weikertschläger. Erstellt am 28. April 2021 (05:28)
vlnr: Bürgermeister Josef Spiegl, Stadtrat Leopold Meiringer, Gemeinderat Roman Deyssig und Gemeinderat Ludwig Schneider
NOEN

Heftige Nachwehen brachte der Bericht über den Abschied der Bildungsstätte der Landarbeiterkammer (LAK) aus dem Schloss Drosendorf in der Horner NÖN-Ausgabe 15/2021. Zwischen der „Frischen Liste“ und der Bürgermeisterpartei ÖVP entspann sich daraufhin eine Diskussion über den Stellenwert des Tourismus in der Stadtgemeinde Drosendorf-Zissersdorf.

Deyssig-Leserbrief mit schweren Anschuldigungen. Zunächst meldete sich Roman Deyssig, Gemeinderat der „Frischen Liste“, per Leserbrief zu Wort. Er schreibt, die Tatsache, dass die Landarbeiterkammer in der Gemeinde Drosendorf-Zissersdorf ihre Bildungsstätte hatte, sei seit 42 Jahren politischer Wille gewesen, um der wirtschaftlich durch die Rand- und Grenzlage benachteiligten Gemeinde zu helfen.

Gemeinderat Roman Deyssig: „Spiegl hat sich nicht gekümmert.“
NOEN

„Mehrere Arbeitsplätze und die Belebung der Geschäfte und Wirtschaft durch etwa 7.000 Nächtigungen jährlich waren ein wichtiger Faktor für die Gemeinde“,erklärt Deyssig.

Er meint, dass es die Tendenz der LAK, die Bildungsstätte in den Zentralraum St. Pölten zu verlegen, schon immer gegeben habe. Anders als die Bürgermeister vor ihm, die immer wieder das Gespräch mit dem aktuellen Landeshauptmann gesucht hätten, um den Verbleib in Drosendorf zu sichern, habe das der jetzige Bürgermeister Josef Spiegl nicht getan. „Bürgermeister Spiegl hat es nicht der Mühe wert gefunden, den Erhalt dieser für Drosendorf so wichtigen Einrichtung mit der Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner zu besprechen. Er hat sich also nicht um den Verbleib der Bildungsstätte bemüht“, sagt Deyssig.

Spiegl kontert Kritik. Auf den Vorwurf, im Tourismusbereich untätig zu sein, kontert Spiegl mit dem Hinweis auf ein auch in der NÖN bereits vorgestelltes mögliches Hotel-Projekt, das gemeinsam mit dem Horner Architekten Karl Gruber im Bereich des Strandbades angedacht gewesen ist.

Bürgermeister Josef Spiegl: „Bleiben Tourismusgemeinde.“
NOEN

Das hätte dem Tourismus in der Stadtgemeinde einen ordentlichen Schub gegeben, aber: „Da war die Frische Liste ja dagegen“, sagt Spiegl. Drosendorf-Zissersdorf sei auch weiterhin eine Tourismusgemeinde: „Wir haben mehr Anfragen, als wir mit unserem Angebot decken können.“ Er hoffe, dass es künftig weitere Nächtigungsmöglichkeiten geben wird, um der Nachfrage gerecht zu werden. Er sei auch zuversichtlich, dass es im Schloss – Schlossherr Markus Hoyos ist, wie berichtet, auf der Suche nach einem neuen Betreiber – bald eine Lösung geben wird.

Deyssig: „Zusperren ist Liste Spiegl recht.“ Dass das Schloss Drosendorf nun zusperrt, sei einigen Mitgliedern der Liste Spiegl sogar recht, behauptet Deyssig. „Der Gemeinderat und ehemalige Tourismusstadtrat Ludwig Schneider sagte bei mehreren Gelegenheiten, dass er sich freue, wenn das Schloss zusperre, da er dann weniger Nächtigungstaxe für die Gäste in seinem Gasthof zahlen müsse“, wirft Deyssig Schneider vor. Durch den Wegfall der 7.000 Nächtigungen des Schlosses werde Drosendorf nämlich von der Tourismusklasse 1 in die Tourismusklasse 3 fallen und die vorgeschriebene Nächtigungstaxe um etwa 30 Cent gesenkt.

Schneider: „Deyssig ist Querulant.“ Für Schneider ein Vorwurf, der so nicht stimmt.

Gemeinderat Ludwig Schneider: „Streit hemmt Gemeindepolitik.“
NOEN

„Deyssig ist ein Querulant, der immer jemanden anschwärzen muss. Das kostet nur unnötige Energie, die uns bei wichtigen Projekten dann fehlt“, kritisiert Schneider den politischen Ton in der Gemeinde. Anstatt sich gemeinsam um Projekte zu bemühen, schiebe man sich gegenseitig die Schuld zu. „Und das hemmt die gesamte Gemeindepolitik“, sagt Schneider.

Zur konkreten Kritik Deyssigs meint Schneider, dass man „nicht mehr denken darf wie in den 1980ern. Wir leben im Jahr 2021, da läuft vieles anders“, meint er etwa zur Kritik, man hätte sich beim Land mehr für den Verbleib einsetzen müssen. Die LAK müsse heute eben wirtschaftlich denken: „Wenn die jedes Jahr große Summen in den Betrieb der Bildungsstätte reinstecken müssen, dann geht das irgendwann einfach nicht mehr.“

Schließlich sei die LAK als Kammer auch ihren Mitgliedern gegenüber zur Wirtschaftlichkeit verpflichtet. Anders als früher, als „massenhaft“ LAK-Mitglieder zu den Kursen gekommen sind, seien diese zuletzt eben ausgeblieben.

Niedrige Preise im Schloss als Problem für andere Betriebe. Was Schneider einräumt, ist die Tatsache, dass das Schloss mit seinen niedrigen Preisen auch die übrigen Tourismus-Betriebe der Gemeinde unter Zugzwang gebracht habe: „Die können dann nicht wesentlich höhere Preise verlangen. Das ist natürlich ein gewisses Handicap für die Betriebe“, sagt er. Und das sei seit vielen Jahrzehnten so, er habe diese Tatsache schon „über die Muttermilch“ mit aufgenommen. Er glaube im Übrigen, dass es schon bald wieder Betrieb im Schloss geben wird. „Auch die Familie Hoyos denkt ja wirtschaftlich. Die werden das nicht lange leer stehen lassen“, meint Schneider.

Kein Tourismus-Stadtrat: Wer trägt die Schuld? Als einen weiteren Kritikpunkt an der Tourismus-Politik der Stadtgemeinde bringt Deyssig die Tatsache ins Spiel, dass es seit der Gemeinderatswahl 2020 keinen Tourismusstadtrat mehr gibt.

Stadtrat Leopold Meiringer: „Ich lasse mich nicht papierln.“
NOEN

Die NÖN wollte von Spiegl wissen, warum das so ist: „Wir haben dieses Ressort Listen-Stadtrat Leopold Meiringer angeboten. Er hat aber gemeint, er tue sich das nicht an“, sagt Spiegl.

Begründung: Schlechte Zusammenarbeit zwischen Parteien. Dass er dieses Angebot bekommen habe, bestätigt Meiringer auf NÖN-Anfrage. Warum er es abgelehnt hat, ist für ihn aber leicht zu begründen. Er habe dieses Ressort zehn Jahre lang als Stadtrat betreut. Dann sei ihm das Ressort im Zuge der Verkleinerung des Stadtrates von sechs auf fünf Mitglieder 2010 weggenommen worden. Auch 2015, als der Stadtrat wieder auf sechs Mitglieder vergrößert wurde, blieb das Ressort bei der ÖVP. „Seit meiner Zeit hat man den Tourismus in der Gemeinde ruiniert. Jetzt will man mir das Thema wieder hinwerfen. Ich lasse mich ja nicht papierln“, sagt Meiringer. Er hätte sich zur Übernahme des Ressorts bereit erklärt, wenn die Zusammenarbeit mit der ÖVP gut sei, unter den gegebenen Umständen aber nicht.