Eggenburger Verein greift Forscher unter Arme. Jeder hat mit dem neu gegründeten Verein die Chance, Teil der Geschichte zu werden.

Von Karin Widhalm. Erstellt am 19. April 2019 (12:09)
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Anita Soós und Klaus Schindl auf einer Schottlandreise, wo sie die Megalithanlage „Clava Cairns“ bei Inverness aufsuchten. Sie wollen nach britischem Vorbild Laien die Archäologie näherbringen.

Harrison Ford rettet als „Indiana Jones“ in der Filmreihe spektakulär einen Schatz nach dem anderen, ganz so abenteuerlich ist die Archäologie aber nicht. „Viele Leute glauben, wir sind Schatzsucher, aber es geht nicht immer darum wertvolle Funde freizulegen“, klärt Klaus Schindl auf. Er hat mit Anita Soós 2018 den Verein „Erlebnis Archäologie“ gegründet, um Interessierte an Grabungen teilhaben zu lassen.

Ihre Idee ging auf. Ältere wie Jüngere meldeten sich bei den beiden und unterstützten damit direkt die Forschung. „Wir sind in dem Ausmaß die Einzigen im deutschsprachigen Raum“, führt der Obmann aus. „Im englischen Raum gibt’s viele Initiativen. Das sind unsere Vorbilder“, ergänzt seine Freundin, die im Verein als Schriftführerin agiert. „Uns geht’s darum, dass wir Archäologie öffentlichkeitswirksam machen.“ Das Wissen darüber sei nämlich begrenzt.

„Man entwickelt als Archäologe einen Tunnelblick und findet nur das, was man finden möchte.“ Anita Soós sieht die Arbeit der Laien als große Bereicherung

Der knieende Archäologe, der mit Kelle und Pinsel etwas freilegt, ist wohl ein gängiges Bild in den Köpfen. Tatsache ist aber: „Die Ausgrabung ist die wenigste Arbeit“, verdeutlicht Schindl. Das mache nur ein Viertel des Forschungsprojektes aus. Die Fundstücke werden gewaschen, fotografiert, dokumentiert, restauriert – und müssen ausgewertet werden, um die Artefakte zu einem Gesamtbild zusammenführen zu können.

Die zwei Archäologen, die Ur- und Frühgeschichte studiert haben, trafen offenbar einen Nerv. „Die Teilnehmer freuen sich wie kleine Schulkinder“, lächelt Schindl. „Spannend ist, dass sie aus verschiedenen Berufen kommen.“ Viele Lehrer und Pensionisten durfte er kennenlernen, aber auch Opernsänger, Landschaftsgärtner, Erdbohrer, Ärzte, Geologen. Sie bringen ihre Perspektive in die Grabung; so war ein Zahnarzt hilfreich.

Der Mann erkannte Karies an einem der gefundenen Zähne und stellte für weitere Untersuchungen sein Röntgengerät zur Verfügung. „Die wenigsten Archäologen kennen sich mit den Zähnen aus“, ist Schindl froh über die Expertise der Laien.

„Die wenigsten Archäologen kennen sich mit den Zähnen aus“

Solche Erkenntnisse können gewonnen werden, „wenn der Grabungsleiter offen ist und das forciert“. Eine Win-win-Situation: „Man entwickelt als Archäologe einen Tunnelblick und findet nur das, was man sehen möchte“, schildert Soós. „Das ist die ganz große Gefahr“, präzisiert der gebürtige Gmünder.

Das Paar wählte als Wohnort und Vereinssitz Eggenburg in einer Region, die viel Geschichte zu bieten hat. „Prinzipiell ist unter unseren Füßen alles voll, gerade im Weinviertel.“ Das Horner Becken birgt zudem einen Fundus von der Jungsteinzeit bis zum Mittelalter. „Die älteste jungsteinzeitliche Fundstelle steht unter der Burg Raabs“, führt Schindl noch ein Beispiel aus dem Waldviertel an.

„Viele Archäologen sind skeptisch“, gibt er zu. Sie fürchten, dass Laien viel zerstören. „Aber die Laien sind oft vorsichtiger als unsere Studenten.“ Sie hätten mehr Hemmungen, etwas Falsches zu tun, obwohl sie im Vorfeld mit dem nötigen Vorwissen ausgestattet werden. Außerdem: „Wir sind immer da und helfen“, bekräftigt Soós, deren Wurzeln in Ungarn und Tirol liegen. „Man muss irgendwann beginnen, die Leute ranzulassen“, findet Schindl. „Das ist die Zukunft der Archäologie“, ist Soós überzeugt.

„Laien sind oft vorsichtiger als unsere Studenten.“

Erstaunliches kann jedenfalls entdeckt werden. „Jeder hat die Chance, Geschichte zu schreiben.“ Man muss nur an das Grab in Geitzendorf (Weinviertel) denken. Die Grabbeigaben des weiblichen Skeletts lassen darauf schließen, dass die Frau Kunstschmiedin war. Das ist der erste Beleg für eine Frau in dem Beruf der Metallverarbeiter.