Zunft strebt Titel „Kulturerbe“ an. Seit fast fünf Jahrhunderten besteht „Zunft der Fleischhauer“. Sie ist der Meinung, dass dies entsprechende Anerkennung verdient.

Von Rupert Kornell. Erstellt am 05. Mai 2021 (03:14)
Zunft-Obfrau Regina Waldum mit dem Ansuchen an die UNESCO, ihr Stellvertreter Helmut Harold und Museumsverein-Obmann Anton Ehrenberger vor der Zunftfahne und mit der Zunfttruhe aus 1535 sowie Sylvia Weber, die das Buch zum 500 Jahr-Jubiläum verfasst hat, werben um Aufnahme als „Immaterielles Kulturgut“.
Rupert Kornell, Rupert Kornell

„Die Mitglieder der Fleischhauerzunft Gars haben es als wichtig befunden, sich als Ziel zu setzen, dass die Zunft in die Liste der ,Immateriellen Kulturerbe‘ aufgenommen wird“, legt Obfrau Regina Waldum den Grund dar, warum man in dieser Richtung tätig geworden ist. „Anhand von noch erhaltenen Dokumenten ist nachweisbar, dass unsere Zunft schon seit über 500 Jahren besteht.“

Bei dieser Bewerbung wurde sie tatkräftig von Autorin Sylvia Weber und Anton Ehrenberger, dem Obmann des Zeitbrücke-Museums in Gars, unterstützt. In diesem Museum, das ab sofort wieder jeden Samstag und Sonntag geöffnet ist, findet sich ein eigener Raum, der insbesondere der „Zunft der Fleischhauer und Liebfrauenbruderschaft in Gars“, so der vollständige Name, gewidmet ist.

Ausstellung im Museum. Da sind die Zunftfahnen ebenso zur Schau gestellt wie die Zunftlade, auf der an der Innenseite das Jahr 1535 datiert ist, wobei allerdings die Gründung der „Zöch“, wie es damals hieß, schon länger Bestand gehabt haben dürfte. In dieser Lade wird auch das Zunftbuch („Unnser lieben Frauen Zochpuechl“) aufbewahrt, das älteste erhaltene Dokument der Zunft. Darin finden sich Einträge aus der Zeit zwischen 1550 und 1721.

„500 Jahre Zunft.“ Im Vorjahr hat auf Betreiben und unter Mithilfe von Josef Höchtl ( 2020), der über fünf Jahrzehnte als Zunftmeister fungierte, Sylvia Weber das Buch „Rückblicke.Augenblicke.Einblicke – 500 Jahre Zunft der Fleischhauer und Liebfrauenbruderschaft in Gars“ herausgegeben, das eine der Grundlagen für die Bewerbung ist. Darin hat sie nicht nur die „Gründerzeit“ und die folgenden Jahre historisch fundiert untermauert dargestellt, sondern auch die jüngere Geschichte dokumentiert.

Zu dieser gehören der alljährlich „Zunfttag“ im Oktober, der mit der Sitzung der zwölf Zunftmitglieder eröffnet wird. Darauf folgt das „Würstelessen“, ehe es mit der Zunftfahne zum Gedenkgottesdienst in die Pfarrkirche geht und der Abend mit dem Zunftmahl seinen Abschluss findet. Die Zunftfahne wird übrigens auch bei der Fronleichnam-Prozession getragen.

Gelebte Tradition. Aus dem Bewerbungsschreiben geht hervor, dass die Namensgebung der Garser Fleischhauerzunft als „Liebfrauenbruderschaft“ aufzeigt, dass mit der Zunft zugleich eine Bruderschaft verbunden war. Demzufolge nahm die Zunft ihre religiöse Verantwortung gegenüber ihren Mitgliedern wahr und legte besonderes Augenmerk auf die Ausgestaltung der Begräbnisse der „in Gott entschlafenen Brüder“, die im Beisein aller Zunftmitglieder feierlich abgehalten wurden.

Mit dem Gesetz zur Einführung der Gewerbefreiheit 1860 und der Gewerberechtsnovelle 1883 erfolgte die Aufhebung der Zünfte. Allen Hindernissen zum Trotz schaffte es die Fleischhauerzunft, in Gars zu bestehen und wird bis heute als Verein geführt. Die weitere Besonderheit ist, dass erstmalig in der fünfhundertjährigen Geschichte seit Oktober 2020 eine Frau, die Fleischhauermeisterin Regina Waldum, „Zunftmeisterin“ ist.

Unterstützung. Das Prozedere der Aufnahme erfordert neben dem Bewerbungsschreiben auch Begleitbriefe. Diese wurden von Weber und Ehrenberger beigelegt, wobei beide auf die besondere Tradition dieser in Niederösterreich, wenn nicht in ganz Österreich einzigartigen Zunft hinweisen mit dem Vermerk, dass die Aufnahme in diesen Kreis einen weiteren sicheren Schritt für das Bestehen der Zunft darstellen würde.

Der weitere Vorgang. Diese Unterlagen, ergänzt durch Fotos und NÖN-Artikel, werden nun dem Komitee für Österreich übermittelt, das vermutlich im Oktober seine Entscheidung treffen wird. „Wir haben berechtigte Hoffnung für eine Aufnahme, da ja bereits eine Winzerzunft und die Tradition der Rauchfangkehrer in diese Liste Eingang gefunden hat“, ist Zunftmeisterin Regina Waldum guten Mutes, dass mit Jahresende die Zunft als erstes immaterielles Kulturerbe im Bezirk, wenn nicht gar im Waldviertel, von der UNESCO anerkannt wird.

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