Egert: „Holzbau muss stärker in die Köpfe kommen“. Graf-Holztechnik-Geschäftsführer Bernhard Egert über Holz als Baustoff der Zukunft, Nachhaltigkeit, Möglichkeiten der Industrialisierung und neueste Entwicklungen.

Von Maximilian Köpf. Erstellt am 06. Januar 2021 (04:46)

NÖN: Herr Egert, „Auf Holz klopfen“ ist ein Sprichwort mit verschiedenen Geschichten zur Herkunft. Allesamt haben jedoch die positive Konnotation für Holz gemeinsam. Warum ist Holz ein guter Baustoff?

Bernhard Egert: Holz hat als Baustoff eine extrem lange Tradition. Es ist gut zu bearbeiten und sehr vielseitig. Das erstreckt sich vom 40-Meter-Träger in modernen Produktionshallen bis zum geschnitzten Fensterladen in Altaussee. Darüber hinaus schafft Holz ein angenehmes Wohnklima, ist wohlriechend. Nicht zuletzt ein großes Thema ist die Wertschöpfungskette, die komplett in Österreich oder überhaupt regional bleiben kann.

„Wir setzen sehr stark auf Industrialisierung, Automatisierung, erstellen im Werk Bausätze, die dann auf der Baustelle zusammengebaut werden. Handwerk ist für uns aber genauso wichtig.“ Bernhard Egert über ein zusätzliches Ausbildungs- programm für Lehrlinge

Auch Nachhaltigkeit wird immer wieder als Vorteil genannt. Holz ist freilich ein Naturstoff. Aber wasmacht Holzbauten nachhaltig?

Ein immer wichtigeres Thema wird die CO 2 -Speicherung. Die Zementindustrie als Ganzes ist hinter den USA und China der drittgrößte CO 2 -Emittent der Welt. Der Wald hingegen bindet Kohlendioxid. Wird Holz in Konstruktionen eingesetzt, die lange Bestand haben sollen, dann wird das CO 2 dort über Jahrzehnte gebunden. Das wird nicht zuletzt auch im Hinblick auf die Klimaziele tragend werden, wo Österreich nächstes Jahr erstmals aufgrund der Verfehlung der Ziele Strafe zahlen muss. Die EU forciert den Green Deal. Dabei wird Holz einen großen Beitrag leisten können. Langsam werden wir etwas tun müssen, wir werden den Klimawandel bald massiv merken.

Die öffentliche Hand versucht schon, einzugreifen. Es fällt auf, dass öffentliche Gebäude in Holzbauweise auf dem Vormarsch sind. Kindergärten, Schulen werden immer öfter aus Holz gebaut.

Der Lernerfolg ist in Holzgebäuden sogar besser. Das ist keine Annahme oder subjektive Wahrnehmung, sondern ist in Studien belegt. In Vorarlberg macht man damit schon seit vielen Jahren gute Erfahrungen. Holz sorgt für ein anderes Körperbefinden, man fühlt sich wohler. Wieso haben die Bauern früher in ihre gemütlichsten Räume Zirbenstuben gebaut? In den vergangenen Jahrzehnten hat es sich aber so eingebürgert, dass die öffentliche Hand vorwiegend mit Beton bauen hat lassen. Da gibt es aber seit einigen Jahren ein Umdenken. Der Schritt zu mehr Holzbauten ist ein wesentlicher Beitrag zu den Klimazielen. In Deutschland gibt es Bundesländer, die ein Mindestmaß an Holzbauten durch die öffentliche Hand vorschreiben – auch Schweden, Norwegen und Finnland gehen diesen Weg. Es ist angekommen, dass Baumaterialien wie Sand, Kies usw. nicht unendlich vorhanden sind. Holz hingegen ist ein nachwachsender Rohstoff. In Österreich wächst mehr Holz, als gerodet wird. Die Waldflächen werden größer!

Auch auf einem Sektor, der lange Zeit dem Beton vorbehalten war, holt Holz immer mehr auf: dem mehrgeschoßigen Wohnbau.

Früher gab es beim Holz nur den Riegelbau, mit dem man in der Höhe limitiert war. Heute gibt es aber Alternativen, die durch die Industrialisierung des Holzbaus entwickelt wurden. Brettsperrholz etwa ist ein eigener Baustoff, mit dem Bauteile kreiert werden, die dann wie Betonfertigteile vor Ort verbunden werden können. Österreich ist auf diesem stark wachsenden Gebiet mit Abstand Weltmarktführer. Dieses Thema forcieren wir auch im Ingenieurholzbau-Verband sehr stark. Darüber hinaus bin ich in einer Arbeitsgruppe mit Landesrat Martin Eichtinger, wo eine Initiative für mehrgeschoßigen Wohnbau ausgearbeitet wurde. Die Entwicklungen sind sehr erfreulich, doch es gibt auch noch einige Hausaufgaben zu erledigen. Der Holzsektor setzt sich stark aus vielen kleinen Betrieben zusammen. Diese haben nicht die ausreichende Kapazität, um einen großen Wohnbau zu verwirklichen. Bei der Graf-Holztechnik arbeiten wir industrialisiert, auf diesem Level sind aber nicht alle. Wenn sich bei Ausschreibungen zu wenige Firmen beteiligen, gibt es keinen Wettbewerb, keinen Markt. Aktuell wird sehr viel investiert, um Know-how aufzubauen. Es gibt Lehrstühle für Holzbau an Universitäten und Fachhochschulen. Das Umdenken muss auch bei den Planern stattfinden. Wenn zu 80 Prozent mit Beton gebaut wird, ist klar, dass sich Planer darauf konzentrieren. Das muss sich entwickeln. Wir sind hier aber auf einem guten Weg. Es gibt ein Standardwerk zur Immobilienbewertung, das nur zwischen Fertigteilhaus und Massivbau unterscheidet – dazwischen nichts. Die ganze Forschung muss neu aufgearbeitet werden. Die TU Graz ist gerade dabei. Bei diesem Prozess spielen auch Kindergärten und Schulen eine wichtige Rolle, dort lernen Eltern die Vorzüge von Holz als Baustoff kennen. Auch die Industrie zeigt immer größeres Interesse an Green Buildings. Es hat ja einen Grund, dass etwa Supermärkte seit vielen Jahren zum Großteil in Holzbauweise errichtet werden – in Niederösterreich sicher zu 80 Prozent.

Sie haben Green Buildings angesprochen. Inwiefern ist das bei Graf-Holztechnik ein Thema?

Auf dem Trend fahren wir natürlich mit. Wir sind hier aber Ausführender, die Idee muss von den Planern kommen. Das Thema muss stärker in die Köpfe: Holzbau als Alternative zum Betonbau anbieten. Bei Hallen, die länger als 25 Meter sind, gibt es keine echte Alternative mehr zum Holzbau. Holz ist leicht, die 25-Meter-Träger können immer noch zur Baustelle transportiert werden. Dazu kommt auch die Frage des Brandschutzes. Holz hat den Ruf, schnell zu brennen. Der Unterschied aber ist, dass Holz kontrolliert abbrennt, das kann dementsprechend dimensioniert werden. Es dauert sehr lange, bis ein Holzträger wirklich nachgibt. Stahlbeton wird irgendwann zu heiß und bricht ein.

Was viele nicht wissen: Ein Streifen von Wien ist Erdbebengebiet, wo Holz als leichter Rohstoff auch viele Vorteile bringt.

Wir haben jetzt sehr viel vom ländlichen Raum gesprochen. Studien besagen, dass bis 2050 70 Prozent der Weltbevölkerung aber in urbanen Räumen leben werden. Zum Portfolio der Graf-Holztechnik zählen auch jetzt schon viele Projekte in Städten, besonders in Wien.

Holz ist leicht und daher sehr gut für Überbauten von bereits bestehenden Gebäuden geeignet. Was viele nicht wissen: Ein Streifen von Wien ist Erdbebengebiet, wo Holz als leichter Rohstoff auch viele Vorteile bringt. Das geht vom klassischen Ausbau alter Zinshäuser, in der meist überdimensionierten Bauweise mit dicken Mauern, bis zu Zwischenkriegsgebäuden, die aus dünneren Wänden aus Ziegelsplittern gebaut wurden. Mit selbsttragenden Konstruktionen kann dort auch noch etwas drauf gebaut werden. Da gibt es viele verschiedene Möglichkeiten, um Nachverdichtung zu schaffen. Es gab auch einen Wettbewerb „Light up“, an dem 15 Universitäten beteiligt waren. 127 Teams haben sich dabei Gedanken über die Nachverdichtung mit Holz gemacht. Dabei gab es sehr innovative Konzepte.

Zum Abschluss kommen wir noch einmal zum Unternehmen selbst zurück. Sie haben kürzlich eine neue Abbundanlage angeschafft. Wie läuft die Arbeit bei der Graf-Holztechnik an den Standorten in Horn, Loosdorf und Wien ab?

Wir setzen wie erwähnt sehr stark auf Industrialisierung, Automatisierung. Wir können so im Werk Bausätze erstellen, die auf der Baustelle zusammengebaut werden. Mit der neuen Abbundanlage können wir jetzt noch flexibler arbeiten. Wir arbeiten im Holzbau millimetergenau, die CNC-Maschinen setzen die in 3D im CAD-Programm geplanten Pläne vollautomatisch um. 50 unserer rund 200 Mitarbeiter sind im Büro tätig. Wir haben jetzt die Entscheidung getroffen, eine vollautomatische Plattensäge anzukaufen, mit der wir große Flächenbauteile anfertigen können. Darüber hinaus haben wir ein System für modulare Raumzellen entwickelt, die besonders in der Tourismusbranche sehr stark nachgefragt sind. Dabei werden die Raumzellen im Werk fix fertig gebaut und dann vor Ort zusammengestellt. Das Golfhotel Hausschachen in Weitra mit 22 Zimmern wird so gerade gebaut. Dazu arbeiten wir gerade an Konzepten, das System auch im mehrgeschoßigen Wohnbau einsetzen zu können. Natürlich zählt bei uns auch Handwerk, das neben der zunehmenden Automatisierung nicht zu kurz kommen soll. So haben wir für unsere Lehrlinge neben der normalen Zimmerer-Lehre auch ein zusätzliches Ausbildungsprogramm entwickelt, um diese Fertigkeiten nicht zu verlernen.

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  • Holz: Der Baustoff der Zukunft?