Gerichtsprozess: Trumpf-Karte Kind stach doch nicht

Erstellt am 10. Mai 2022 | 16:01
Lesezeit: 3 Min
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Auf dieser Tankstelle in Göpfritz kam es im August des Vorjahres zu einer Handgreiflichkeit, für die jetzt die beiden Kontrahenten am Bezirksgericht Horn schuldig gesprochen wurden.
Foto: Thomas Weikertschläger
Auch Aussage von neunjährigem Sohn verhinderte Schuldspruch gegen Göpfritzer nach Tankstellen-Vorfall nicht. Er wurde zu einer Geldstrafe verurteilt. Sein Kontrahent erhielt eine Haftstrafe.
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Eine Gerichtsverhandlung ist wohl selten ein Spaß – ganz besonders dann nicht, wenn ein neunjähriges Kind vor dem Richter aussagen muss. Wie es dazu kam, dass der Bub als Zeuge einer Auseinandersetzung zwischen seinem Vater (47) und einem 37-jährigen Garser, der jetzt im Bezirk Zwettl lebt, aussagen musste, hat eine lange Vorgeschichte.

Schon mehrfach wurde der Vorfall, der sich in einer Nacht Anfang August auf einer Tankstelle in Göpfritz zugetragen hat, am Horner Bezirksgericht verhandelt (die NÖN berichtete). Damals war es wegen lauter Musik, die aus dem Auto des 37-jährigen gekommen war, zu einem Streit zwischen den Männern gekommen. Der 37-Jährige soll dem Göpfritzer einen Faustschlag verpasst haben, der soll dann mit einer Eisenstange auf den Wagen des 37-Jährigen geschlagen haben.

Ob letzteres tatsächlich passiert ist, sollte ein Sachverständigen-Gutachten klären. Dieses wurde bei einer Verhandlung vorgetragen. Der Gutachter erklärte, dass nach der Abnahme von Abformungen einer Eisenstange eines Wagenhebers des Göpfritzers und der B-Säule des Autos des 37-Jährigen „in engen Betracht“ zu ziehen sei, dass das Ende der Stange gegen den Pkw geschlagen worden sei. Auf Nachfrage von Bezirksrichter Thomas Zach bezeichnete er die Wahrscheinlichkeit dafür als „hoch“.

Anwalt und Angeklagter zweifelten Gutachten an

Dennoch zweifelten der Angeklagte und sein Verteidiger das Gutachten an. Man könne auf den Bildern „keine korrespondierenden Spuren, sondern nur gelbe Linien“ erkennen. Als die Ausführungen des Sachverständigen die Aussagekraft des Gutachtens dann aber erhärteten, kam die überraschende Wende. Der Verteidiger beantragte die Einvernahme des neunjährigen Sohnes seines Mandanten. Als Zach nachfragte, warum diese Einvernahme erst jetzt beantragt wurde, erklärte der Angeklagte das damit, dass er dies seinem Sohn – der sich in psycho- bzw. ergotherapeutischer Behandlung befinde – ersparen habe wollen. Aber: „Er hat den Tathergang gesehen, kann den Beweis liefern, dass sein Papa die Stange auf den Boden geworfen und nicht gegen das Auto geschlagen hat“.

Der Bub brachte seine Sicht der Dinge – das Wegwerfen der Stange und den Schlag des Mannes aus dem Auto – dann dem Gericht vor, beantwortete auch Nachfragen schlüssig. Zach schenkte ihm dennoch keinen Glauben. Der Grund: Von dem vom Buben genannten Standort aus sei der Blick auf die Szenerie nicht möglich.

Zach sprach dann beide Männer schuldig. Der 37-Jährige fasste wegen mehrerer Vorstrafen eine unbedingte Haftstrafe von sechs Monaten aus, zusätzlich muss er dem Göpfritzer 300 Euro Schmerzensgeld zahlen. Der 47-jährige Göpfritzer wurde zu einer Geldstrafe von 720 Euro verurteilt.

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