„Was mir Sorge bereitet, ist, dass Kollegen ausbrennen“. Durch die Covid-Pandemie wurde auch im Landesklinikum Horn-Allentsteig der Arbeitsalltag der Mitarbeiter ordentlich durcheinandergewirbelt. Im Horner Klinikum werden Covid-Patienten, sofern sie Betreuung in Fachrichtungen, die am Horner Klinikum geboten werden, brauchen, betreut. NÖN-Redaktionsleiter Thomas Weikertschläger bat fünf der insgesamt 700 Mitarbeiter aus verschiedenen Bereichen an beiden Standorten, aus ihrem neuen Alltag und von ihren neuen Herausforderungen zu erzählen.

Von NÖN Redaktion. Erstellt am 05. Dezember 2020 (04:52)
Ilse Weiß, Leitung Therapie, LK Allentsteig
Klinikum Horn-Allentsteig

Ilse Weiß, Leitung Therapie, LK Allentsteig

Wir haben im LK Allentsteig einen klaren Versorgungsauftrag. Daher ist es uns wichtig, unseren Patienten eine effektive Rehabilitation zu bieten – unabhängig von den veränderten Arbeitsbedingungen. Um den Hygienerichtlinien und Sicherheitsbestimmungen gerecht zu werden, finden Therapien derzeit nur im Einzelsetting statt. Tag täglich bedarf es einer guten Planung, um auch ohne Gruppentherapie eine sinnvolle Rehabilitationsplanung auf die Beine zu stellen. Einmal in der Woche findet eine Einsatzleitungsbesprechung statt, in der neue Abläufe, Maßnahmen etc. besprochen werden und danach in den Alltag integriert werden.

Maske erschwert Therapie und Kommunikation. Der Schwerpunkt unserer Arbeit liegt nach wie vor in einer qualitativen evidenzbasierten Neurorehabilitation. Das bedeutet für Therapeuten auch in Zeiten von Covid-19 Körperkontakt, körperliche Anstrengung und immerwährende Motivation des Patienten. Durch die erforderlichen Maßnahmen wie z. B. das Tragen der Maske wird die Arbeit per se deutlich erschwert. Die Maske ist nicht nur hinderlich in Bezug auf die reduzierte Sauerstoffzufuhr, nein sie erschwert auch die Kommunikation und die Therapie im Kopfbereich.

Gesang gab Vertrauen und Zuversicht. November ist ein energieraubender Monat. Die Tage werden kürzer, sind trüb, feucht, kalt und finster. In dieser Zeit ist es wichtig, die Energiespeicher aufzufüllen. Vor einem Jahr gab es dazu viele Möglichkeiten: Wir hatten einen Chor im LK Allentsteig, der gemeinsam Lieder einstudiert hat, die sowohl bei der eigenen Weihnachtsfeier als auch für unsere Patienten gesungen wurden. Jedes Jahr durften wir erleben, wie Musik uns auf Weihnachten vorbereitet und unseren Patienten die schwere Zeit der Rehabilitation erleichtert. Sie hat nicht nur uns zusammengeschweißt, sondern auch den Patienten viel Vertrauen und Zuversicht gegeben. Es tut mir fast weh, wenn ich die Situation heuer mit der „guten alten Zeit“ vergleiche.

Da Patienten ebenso Abstand halten sollen, treten sie weniger in Kontakt, es werden weniger Freundschaften geknüpft, die ja nicht nur während der Reha, sondern auch danach stärkend/unterstützend wirken. Auf den Gängen und im Wartebereich wird deutlich weniger gescherzt und gelacht. Die Patienten selbst erlebe ich sehr dankbar für unsere Bemühungen.

Angst, dass Kollegen „ausbrennen“. Die Herausforderungen im familiären Bereich möchte ich anhand von drei Generationen beschreiben. Hinsichtlich Kinder war es bereits während des ersten Lock-Downs für viele Mütter eine Herausforderung, die durch unsere Dienstverpflichtung notwendige Kinderbetreuung auch zu bekommen. Kindergarten-Gruppen wurden zusammengezogen und die Kleinsten mussten immer wieder in fremde Kindergärten zu fremden Pädagogen und fremden Kindern gegeben werden. Diese Situation setzte und setzt Eltern stark unter Druck, vor allem da sich in Bezug auf die angebotenen Kinderbetreuungsplätze die Zumutbarkeit objektiv (von den Gemeinden) gesehen nicht mit der subjektiven Zumutbarkeit (aus der Sicht der Eltern) deckt. Während die Betreuung durch die Großeltern während des ersten Lock-Downs nicht erwünscht war, waren diese im zweiten Lock-Down stark verunsichert aufgrund der hohen Infektionszahlen und trauten sich daher nicht, im ,erforderlichen’ Maße auf die Kinder aufzupassen.

Hinsichtlich Lebenspartner sind die Stichworte Kurzarbeit, Jobverlust, Homeoffice, Reisebeschränkungen, Erkrankungen zu erwähnen. Jeder von uns kann seine eigene Geschichte davon erzählen. Diese reichen von Existenzängsten, Lohnkürzungen, fehlenden Zukunftsperspektiven bis hin zu Belastungen durch Social Distancing. Anfangs warf eine mögliche Erkrankung des Partners viele Fragen auf. Wie kann man sich schützen? Wie schützt man Patienten vor der Übertragung? Bezüglich Eltern und Großeltern gibt es nach wie vor Unsicherheiten im Umgang mit ihnen daheim. Diese gehören genauso wie unsere Patienten der Risikogruppe an. Es ist nicht leicht, eine Balance zwischen dem Bedürfnis nach Schutz der Eltern und dem Bedürfnis liebevoll in Kontakt zu bleiben zu finden und Hilfestellungen zu leisten.

Wie schaut die Zusammenarbeit mit den Kollegen aus? Die Motivation den Patienten gegenüber ist nach wie vor sehr hoch.

Was mir Sorge bereitet, ist die Beobachtung, dass Kollegen und Kolleginnen zunehmend ausbrennen und leer sind. Das wird nun auch vermehrt verbalisiert. Das Tragen der Maske macht etwas mit uns! Körperlich gesehen verursacht es Erschwernis beim Atmen, Kopfschmerz, Nackenschmerzen, Druck auf Nase und Ohren, Druckstellen, Ausschlag, Austrocknen der Schleimhäute und der Augen, Kreislaufprobleme, …. Wir sind reizbarer und deutlich ermüdet nach dem Dienst. Die Maske scheint die Wahrnehmung zu beeinträchtigen, es wird weniger gescherzt. Manche Mitarbeiter klagen über Konzentrationsschwächen. Erschwerend ist, dass kein Ende in Sicht ist. Die Möglichkeiten, Kraft zu tanken – Freunde treffen, gemeinsam essen gehen, Kulturveranstaltungen, Hobbies in Vereinen – sind reduziert. Die Führungsebene nehme ich als sehr bemüht wahr.

Körperliche Leistungsfähigkeit an Grenze. Wir hatten noch nie eine vergleichbare Situation. Daher können wir leider nicht auf Erfahrungen zurückgreifen. Mir ist noch einmal mehr klar geworden, wie sehr Menschen Nähe brauchen – sowohl im geistigen als auch im körperlichen Sinn. Ein Lächeln, einen kleinen Scherz, ein aufmunterndes Wort, einen Händedruck oder eine Umarmung. Social Distancing und Einschränkungen des Besuches als grundsätzlich sinnvolle Maßnahmen setzen uns Grenzen. Unsere körperliche Leistungsfähigkeit ist an der Grenze, und jeder von uns versucht auf sich zu achten.

Was mir hilft ist, dass ich mich bemühe, innerhalb der nun geschaffenen Rahmenbedingungen ein wenig Normalität zu erhalten. Das heißt etwa kleine Rituale regelmäßig durchzuführen, Kontakt mit Freunden pflegen, ein Gespräch NICHT über Corona zu führen, ….

Infektionsrisiko bewusst. Das Infektionsrisiko ist immer gegeben, dessen bin ich mir bewusst. Durch die zur Verfügung stehende Schutzausrüstung und konsequente Durchführung der Händedesinfektion und anderer Hygienemaßnahmen schätze ich das Risiko in meiner täglichen Arbeit eher gering ein. Im privaten Bereich versuche ich, das Risiko zu minimieren, wo immer es geht. Ich bin hier sehr konsequent, da ich nicht nur meinen Patienten gegenüber, sondern auch gegenüber meinen Lieben daheim Verantwortung trage.