„Carmen“ muss noch warten …. Intendant Johannes Wildner hat eine kammermusikalische Version von Mozarts „Entführung“ vorbereitet.

Von Rupert Kornell. Erstellt am 29. April 2021 (05:42)
Oper Burg Gars-Intendant Johannes Wildner bringt heuer eine kammermusikalische Version von Mozarts „Entführung“ auf die Bühne.
Lukas Beck, Lukas Beck

Weil „aus heutiger Sicht Veranstaltungen im Sommer nur unter strengen Sicherheitsmaßnahmen, Abstandsregeln und Maskenpflicht vorstellbar sind“, so Johannes Wildner, Intendant der Oper Burg Gars, werde es unmöglich gemacht, an der Produktion der für heuer vorgesehenen Bizet-Oper „Carmen“ festzuhalten. Aber es wäre nicht Wildner, wenn er nicht für eine Alternative für den Festspielsommer in der „Opernbühne des Waldviertels“ vorgesorgt hätte, nämlich mit „Entführung aus dem Serail“. Ab 15. Juli soll Mozarts Singspiel bis 7. August in Gars zu sehen und zu hören sein, die Gäste soll eine besonders gefühlvolle Bearbeitung erwarten.

NÖN: Herr Intendant, war nicht „Carmen“ schon für 2020 vorgesehen und die „Entführung“ als Alternative, weil große Produktionen nicht stattfinden konnten?

Johannes Wildner: Das ist richtig, aber bekanntlich war beides nicht möglich. Statt dessen hat es zehn Abende mit unterschiedlichen Themen gegeben. Nachdem wir von Tag zu Tag mehr sehen konnten, dass wir im Sommer Abstand und Masken brauchen werden, aber es trotzdem kaum möglich sein wird, die gesamte Tribüne besetzen zu können, haben wir mit zunehmender Intensität an dem Projekt gearbeitet, das ich schon im Vorjahr als „Coronaprojekt“ begonnen hatte und das sich mittlerweile enorm weiterentwickelt hat – die „Entführung“.

Wie darf man sich die Inszenierung vorstellen? Man benötigt ja dafür eine ganze Reihe von Sängern, Chor und Orchester?

Wildner: Unsere „Entführung“ ist ein Stück mit nur sechs Protagonisten, nämlich einem Streichquintett plus einem Akkordeonisten, einem Schauspieler und fünf Sängern.

Also kein Chor. Spielt der in der „Entführung“ keine Rolle?

Wildner: Eher nicht, aber wenn, dann hat er nur eine sehr minimale dramaturgische Funktion. Ähnlich wie in „Cosi fan tutte“ oder „Don Giovanni“ hat der Chor keine tragende Funktion, ganz anders als etwa in der „Zauberflöte“ oder, um die Höhepunkte von Mozarts Chorbeziehung zu nennen, in „Idomeneo“ oder „Titus“. Wir werden also den Chor ganz weglassen. Dessen eigentliche Funktion ist die Darstellung des Herrschers durch seine Untertanen. Gerade diese Funktion ist aber in den dramaturgischen Regiekonzepten der letzten Jahrzehnte immer wieder stark in Frage gestellt, und zum Teil auch aufgelöst, wenn nicht sogar zertrümmert worden. Und das durchaus mit plausiblen Argumenten und wie mir scheint auch einiger Berechtigung. Also kein Chor.

Und, wie Sie schon erwähnt haben, auch ohne Orchester …

Wildner: Das Orchester in der „Entführung“ ist ein kleines, wie Mozart es in den 1780-er Jahren eingesetzt hat. Zweifach, ohne Posaunen, linearer Streicherkörper, keine Bassetthörner, die sind erst in seiner letzten Zeit gekommen, aber natürlich das Schlagwerk der „türkischen Musik“. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hat sich die Praxis mehr und mehr etabliert, dass man dieses Orchester in kleine kammermusikalische Gruppen überführt. Einer der Vorreiter war vor etwa 40 Jahren der Bonner Regisseur Dietrich Hilsdorf. Mit ihm habe ich „Cosi“ und „Figaro“, beide nur mit ganz kleinen Kammermusikgruppen besetzt, gemacht. Ich erinnere mich an die „Cosi“, das waren zwei Klaviere und zwei Celli, also vier Personen.

Warum diese Reduzierung? Was war die Idee dahinter?

Wildner: Die extreme „Kammerspielcharakteristik“ der Stücke von Mozart auf dem Silbertablett zu präsentieren und durch Klangverfremdungen neue Ideen und Empfindungen beim Zuhörer auszulösen. Das Corona-Virus hat mich jetzt zu dieser Überlegung gebracht, aus der Not eine Tugend zu machen. Wenn wir keinen Orchesterkörper mit 65 Personen in das Orchesterhäuschen setzen können, weil wir die Abstandsregeln nie und nimmer einhalten könnten, dann wählen wir den Weg, dass wir ein Streichquintett mit Akkordeon auf die Papagenobühne bringen und mit sechs Personen im Freien musizieren. Also: kein Orchester.

Das bedeutet aber wohl auch, dass das Werk „umgeschrieben“ werden muss?

Wildner: Um die Musik Mozarts von einem Orchester auf ein Kammermusikensemble „umzuformatieren“, bedarf es eines genialen Komponisten und Arrangeurs. Den haben wir auf jeden Fall gefunden in Tristan Schulze, dem Komponisten, der vor etwa 30 Jahren aus der ehemaligen DDR nach Österreich gekommen ist, und zum Aushängeschild einer Komponistengeneration geworden ist. Schulze hat mehrere Stücke für mich geschrieben, darunter eine spannende Kindergeschichte „Pauls Reise“, die das Land NÖ bei ihm bestellt hatte und die ich dann nicht nur oftmals mit den Tonkünstlern gespielt, sondern in St. Pölten auch auf CD und DVD aufgenommen habe. Er ist übrigens im Vorjahr mit Anne Bennent, Otto Lechner und mir im Rittersaal der Garser Burg auf der Bühne gestanden. Ich habe zwar studiert und gelernt, ein großes Orchester auf eine Kammermusikformation umzuarbeiten, aber ich bin der Meinung, dass man in der Oper nur Geniestreiche präsentieren darf. Und Schulze ist ein genialer Arrangeur. Wir machen hier die Uraufführung einer Kammerfassung der „Entführung“, die Tristan Schulze zwar für Gars hergestellt hat, die aber im Moment schon vom Verlag Doblinger weltweit angeboten wird.

Also wieder ein Stück Gars, das in die Welt hinausgetragen wird?

Wildner: Wir haben die Sommeroper in Gars nie als Sommerferienvergnügung gesehen, sondern als Experimentierfeld für hochinnovative Ideen und als Talentschmiede für Sängerkarrieren. Große Sängerlaufbahnen haben in Gars ihren Anfang genommen. So hat etwa Siyabonga Maqungo, der Sänger des „Belmonte“, 2017 bei uns in Gars erstmals eine Mozartpartie, die des „Tamino“ in der „Zauberflöte“, erarbeitet und damit sich und uns ein Mozart-Denkmal gesetzt. Dass seine damaligen Mitstreiter auf der Bühne mittlerweile in Frankfurt, Zürich und anderen großen Häusern Europas fest im Ensemble sind, sei hier auch erwähnt. „Unser Tamino“ ist mittlerweile gefeierter erster lyrischer Tenor der Berliner Staatsoper unter den Linden, und, wie man hört, der erklärte Liebling des dortigen Intendanten Daniel Barenboim. Im kommenden Sommer kehrt er zurück in die Burg, in alter Verbundenheit und auch etwas Dankbarkeit, dass es hier war, wo Mozart für ihn eine „Trademark“ geworden ist.

Jetzt fehlt noch der Regisseur …

Wildner: Unsere Innovativkraft endet nicht bei den Sängern. Die Inszenierung von Mozarts Meisterwerk wird die junge österreichische Regisseurin mit griechischen Wurzeln Lisa Padouvas besorgen. Sie kennt durch frühere Arbeiten die Burg wie ihre Westentasche, aber heuer, hier bei uns in der Burg Gars, wird sie ihre erste große Opernregie gestalten und ich bin mir sicher, sie wird von Gars hinausgehen in die Theaterwelt.

Nicht nur Sie erwartet also eine besondere Herausforderung?

Wildner: Es ist eben so: eine besondere Zeit bietet besondere Herausforderungen. Aber diese besonderen Herausforderungen müssen angegangen werden. Und man wird ja dafür auch sehr belohnt, denn diese Herausforderungen bieten auch gewaltige Chancen. Chancen, Neues kennenzulernen und zu entdecken. Wir werden unsere Besucher heuer also nicht nach Sevilla, sondern in einen türkischen Zaubergarten entführen. Fordernd wird auch das Sicherheitskonzept sein, aber wir sind überzeugt, dass es funktioniert mit Kontrollen beim Eintritt, mit Masken, mit freien Plätzen für genügend großen Abstand. Mit dem Land, den Behörden, der Gemeinde ist alles besprochen und auch genehmigt.