Szene Waldviertel: „Habe mich noch nie so schwergetan“. Stephan Rabl über das „*Szene Waldviertel“-Programm, das flexibel auftritt, über eine Lieferung aus China und eine Kultur, die sich verändern wird.

Von Karin Widhalm. Erstellt am 02. September 2020 (05:13)
Stephan Rabl leitet das Festival „*SZENE Waldviertel“ – und schildert im Campus Horn, wie die letzten Monate für ihn waren.
Widhalm

„In meinen ganzen 33 Jahren habe ich mich noch nie so schwergetan, ein Programm festzulegen“, erzählt Stephan Rabl. Die „*SZENE Waldviertel“ hat ihren Auftritt nicht mehr im Sommer, sondern im Herbst – mit einem über drei Monate ausgedehnten Reigen an Veranstaltungen, die nicht mehr parallel zueinander geplant sind. Das Organisationsteam reagiert auf die geänderten Umstände. Dem Leiter ist das wichtig: „Ich muss es verantworten.“

Er lässt sich dabei vieles durch den Kopf gehen: Was passiert, wenn die Ampel auf die höhere Stufe schaltet? Wie reagiert das Publikum? Was ist im Herbst möglich, wenn die Temperaturen sinken? Wie kann die Teilnahme der Schulen ermöglicht werden? Die Produktionen sind daher anpassungsfähig.

Jede Uraufführung gleich zu Beginn des Programms. Das heißt: Ein Theater mit viel technischer Ausstattung oder einem unhandlichen Bühnenbild wird vermieden. „Wir haben mehr Projekte, wo wir bis zum Schluss flexibel sein können“, erklärt der „*SZENE Waldviertel“-Leiter.

Man könne Schulen bedienen, die lieber in ihren Gebäuden bleiben wollen, und jene, die ihr „Revier“ verlassen möchten. Schaltet die Ampel um, könne man die Stadt oder gleich den Bezirk wechseln. Die drei Uraufführungen bilden den Auftakt, weil man nicht weiß, wie sich der Herbst entwickeln wird. Keine Uraufführung soll auf dem Spiel stehen.

Sujet hat sich geändert, direkter Bezug zur Region bleibt. Keine Auslandsproduktionen sind im Programm zu finden, das wäre für den Sommer geplant gewesen. Das Sujet hat sich verändert: Das vielleicht bedrohlich wirkende Gesicht mit aufgerissenem Mund und offenen Augen wird von einer ländlichen Version mit Märchen-Touch abgelöst. Man wolle Leichtigkeit und Verzauberung vermitteln, der Zirkus und das Märchen schwingt mit. Der direkte Bezug zur Region und wie sie „atmet“ bleibt.

Das „Kulturquartier“ entsteht zum Beispiel in Raabs, wo die Burg mit dem Lindenhof zu einem kulturellen Veranstaltungsviertel der Stadt zusammengeführt wird.

Rabl beschäftigte sich mit der Pandemie. Corona wird thematisiert, aber nicht vordergründig. „Das Thema ist zu heiß“, findet Rabl. Man werde sich erst in ein paar Jahren so richtig damit beschäftigen können, außerdem ist das Publikum sowieso tagaus und tagein mit der Pandemie beschäftigt. Rabl selbst war schon im Jänner mit der Covid-Problematik konfrontiert.

Er hat eine drehbare, flexible Bühne in China bestellt – und wusste, dass sie wohl nicht versandt werden konnte; eine eigene Spedition aus Österreich brachte die Bestellung. Erste Künstler-Absagen trudelten dann im Februar aus der Schweiz ein.

Ideen umgesetzt, Pläne aufgesetzt. Ruhe kehrte mit dem März nicht ein: Rabl zog mit seinem Team innerhalb einer Woche die Sendung „Im Weitblick“ auf, wo Menschen aus der Region über Corona sprachen. „Friday in the City“ folgte als Belebung der Horner Innenstadt. Er führte lange Gespräche mit Künstlern, Technikern oder Zulieferer, setzte einen Herbst-Plan auf, änderte ihn wieder. „Man hat lange nicht gewusst, was darf man im Herbst machen.“

Wie sich die Kultur verändern könnte. Ist ein Hunger nach Kultur spürbar? Rabl verneint. Die Gesellschaft verspüre einen Hunger nach sozialen Kontakten. Die Menschen seien aber vorsichtig, was das Aufsuchen von Kulturbetrieben betrifft, vor allem, wenn sie diese nicht kennen. Die Kultur wird sich verändern, davon ist er überzeugt.

Schon alleine, weil sich der Mensch mittlerweile daran gewöhnt habe, dass Kulturprogramm gestreamt werden kann. Der Festivalleiter rechnet aber auch mit einem Kampf um Fördergelder, zugleich werden seines Erachtens Kulturschaffende Projekte erarbeiten, nur weil sie die Idee für wichtig halten.

Kultur und das Business. Rabl habe zuletzt eine Entwicklung beobachtet, die ihm gar nicht behagt: Er hat zuletzt eine Entwicklung beobachtet, die ihm gar nicht behagt: Die Kultur habe sich auf das „Business“, auf das schnelle Geld und schnelle Marketing à la Blockbuster, konzentriert, während Inhalte mehr und mehr verloren gegangen seien. Er spüre gerade jetzt ein neues Leben in der Kultur, die ihm selbst viel Freude bereitet.

„Herr Rolf, der Werwolf.
The Showbär Company

Start im September. Die „*SZENE Waldviertel“ beginnt im September mit den ersten Highlights, die Premieren sind: „Pinocchio“ in Aigen, „Herr Rolf, der Werwolf“ in Allentsteig und „Robinson Crusoe – Reif für die Insel“ in Horn.

Details: www.szenewaldviertel.at