Zweierlei Maß? Horner HAK-Schüler reflektierte Anschlag. Der aus Afghanistan stammende Hamid Ghani besucht die HAK in Horn. Nach Terroranschlag in Wien brachte er gemeinsam mit seiner Betreuerin Gedanken zu Papier.

Von NÖN Redaktion. Erstellt am 24. November 2020 (09:15)
Hamid Ghani hofft weiter auf einen positiven Asylbescheid.
privat

Wenige Tage nach dem Terroranschlag in Wien ergreift ein junger Mann, der seit fünf Jahren in Österreich lebt und auf die Erledigung seines Asylverfahrens wartet, seine Stimme, um auf die Terrorsituation in seiner Heimat Afghanistan aufmerksam zu machen – und bekrittelt, dass bei Terroropfern mit zweierlei Maß gemessen werde.

„Keiner hat sich getraut, hinauszugehen. Ich komme aus einem Kriegsgebiet. Ich versteh das, weil das gleiche, sogar in viel größerem Ausmaß, fast jeden Tag in Afghanistan passiert.“Hamid Ghani zur Situation nach dem Anschlag in Wien

„In den vergangenen Wochen war der Terroranschlag in Wien Thema Nr. 1 in den Medien. Verständlich, aber warum sind Menschenleben so unterschiedlich viel wert? In Afghanistan sterben täglich viel mehr Menschen, und für die Einwanderungsbehörde in Österreich gilt es immer noch als sicheres Land“, meint Hamid Ghani, der derzeit die 3. Klasse der Horner HAK besucht.

Am Tag nach dem Terroranschlag in Wien seien die Straßen in der Hauptstadt leer gewesen. „Keiner hat sich getraut, hinauszugehen. Ich komme aus einem Kriegsgebiet. Ich versteh das, weil das gleiche, sogar in viel größerem Ausmaß, fast jeden Tag in Afghanistan passiert“, sagt Ghani.

Am Tag des Terroranschlags in Wien seien an der Universität in Kabul 22 unschuldige Studenten getötet und 50 verletzt worden. Trotzdem gelte Kabul als einer der sichersten Orte in Afghanistan. „In diesem Land sterben durchschnittlich mehr als 70 Menschen pro Tag bei Terroranschlägen“, meint Ghani.

Ghani: „Mehrheit der Muslime ist friedlich“

Afghanistan sei nicht sicher. Kein Wunder, dass Menschen, die täglich Angst um ihr Leben und das ihrer Familien haben müssen und daher vor Terror flüchten, sich einen sicheren Ort in anderen Ländern suchen würden.

Als er in Österreich um Asyl ansuchte – und immer wieder von neuem ansuchen musste –, sei er mit folgenden Fragen und Aussagen seitens der Beamten konfrontiert worden: „Was macht Sie so besonders, dass Sie ein Ziel für Terroristen sind? Afghanistan ist doch für Sie sicher“, oder „Warum haben Sie nicht versucht, in einer anderen Provinz zu leben?“

Nach dem Terroranschlag habe in Österreich blankes Entsetzen geherrscht. Er fragt sich, was sei, wenn man heute jemanden in Österreich, der sich aus Angst in einer Wohnung einschließt, die gleichen Fragen stellen würde, wie sie ihm gestellt wurden: „Warum gehen Sie nicht hinaus und beginnen ein normales Leben an einem anderen Ort? Warum glauben Sie, dass Sie ein Ziel für Terroristen sind?“

Er verstehe, dass jeder Mensch in Sicherheit leben wolle, auch wenn er nicht ein unmittelbar Betroffener sei. „Wenn Frieden herrschen soll, dürfen Menschen nicht unterschiedlich beurteilt und bewertet werden. Die Mehrheit der Muslime ist friedlich und kann effizient helfen, gegen den Terrorismus vorzugehen. Terroristen – egal wo in dieser Welt – haben keine einheitliche Nationalität, Sprache, Religion und Zugehörigkeit“, meint Ghani.