Lehrlingsstiftung Eggenburg erweitert auch in Krise. Künftig werden in Eggenburg Lehrlinge auch in „Konditorei“ ausgebildet. Die NÖN nahm das als Anlass für eine Reportage.

Von Thomas Weikertschläger. Erstellt am 07. April 2021 (04:34)
Mit Corona-Sicherheitsabstand und Masken wird derzeit in der IT-Abteilung unterrichtet. Leiter Reinhard Zuba (2. von links) führte die NÖN durch die Räumlichkeiten der Lehrlingsstiftung.  
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Intensiv beeinträchtigt ist aufgrund der Corona-Pandemie der Alltag in der Lehrlingsstiftung Eggenburg. Die NÖN hat sich bei einem Lokalaugenschein davon überzeugt, dass in den acht Werkstätten von den 26 Mitarbeitern und den rund 80 Lehrlingen Top-Arbeit abgeliefert wird. In der Lehrlingsstiftung wird Jugendlichen mit Behinderung die Möglichkeit einer ganzheitlichen Ausbildung geboten, um ihnen die Integration in den Arbeitsmarkt zu erleichtern.

Eingespieltes Team als Plus. Als sei die Arbeit für einen gemeinnützigen Verein nicht ohnehin schwierig genug, habe die Krise die Lehrlingsstiftung vor noch größere Probleme gestellt, sagt deren Leiter Reinhard Zuba. Zugutegekommen sei der Lehrlingsstiftung, dass sämtliche Mitglieder der dreiköpfigen Leitung schon mehr als zehn Jahre dabei seien: „Das Team ist gut zusammen gespielt, das gibt uns Stabilität.“ Eine wichtige Rolle dabei komme dem Mit-Gründer der Lehrlingsstiftung, Sepp Schachinger, zu. Der Eggenburger Pfarrer pflege nicht nur zur Stadtgemeinde, sondern auch zu zahlreichen anderen Institutionen ein gutes Verhältnis und baue damit Vertrauen für und in die Lehrlingsstiftung auf.

In der Handwerks-Abteilung herrscht ebenfalls reger Betrieb.
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Lob für Disziplin der Jugendlichen. Als konkrete Beeinträchtigungen während des Lockdowns nennt Zuba die Tatsache, dass keine Wohngemeinschaften – normalerweise leben einige der Lehrlinge, die aus ganz NÖ stammen, im Kloster in WGs – möglich waren. Die große Herausforderung im Lehrbetrieb sei es, trotz Abstand und Masken den Jugendlichen das zu vermitteln, was man ihnen weitergeben möchte. Der Disziplin seiner Schützlinge stellt Zuba dabei ein gutes Zeugnis aus – auch in den Pausen, in denen die Jugendlichen nicht betreut werden, passe die.

Kontakt fehlt in sozialer Entwicklung. Eine Schließung der Werkstätten während des Lockdowns hätte schlimme Folgen für die Jugendlichen gehabt, meint Zuba. Denn es gehe darum, seine Schützlinge „zukunftsfit“ zu machen. Teilweise sei zwar „Distance Learning“ unumgänglich, gerade bei den Jugendlichen in der Lehrlingsstiftung sei aber die soziale Komponente des Lernens eine wesentliche. „Die Jugendlichen sind ohnehin nur ein Jahr bei uns. Wenn der persönliche Kontakt fehlt, geht ihnen das in ihrer sozialen Entwicklung extrem ab“, sagt Zuba. Und die meisten Jugendlichen würden dieses Fehlen der sozialen Kontakte mit ihren Ausbildnern als „Bestrafung“ empfinden. Das Zusammengehörigkeitsgefühl mit den Ausbildnern sei sehr groß.

In der neuen Werkstätte „Konditorei“ stellten die Lehrlinge passend zur Jahreszeit kleine Osterhasen her.
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Langzeitfolgen für Jugendliche? Zuba befürchtet, dass die aktuelle Situation für die Jugendlichen Langzeitfolgen mit sich bringen könnte. Während man im Teenager-Alter für gewöhnlich viele soziale Kontakte schließe, müssten die Jugendlichen, die voll in der Pubertät stehen, jetzt viel Zeit alleine und vor dem Computer verbringen. Und in diesem Alter sei ein einziges Jahr so bedeutsam wie zehn Jahre für ältere Menschen. Von einer „verlorenen Generation“ will Zuba dennoch nichts wissen: „Sie lernen trotzdem viel, kommen gerne zu uns und freuen sich, dass sie hier eine Ausbildungsmöglichkeit bekommen.“ Als Zeichen dafür wertet Zuba etwa die Zahl der Krankmeldungen. Sei es für gewöhnlich normal, dass einige der Jugendlichen krank seien, habe es bei der erfolgten Umstellung auf den Präsenzunterricht zuletzt keine einzige Krankmeldung gegeben: „Weil die Freude über die Möglichkeit, sich mit Gleichaltrigen auszutauschen, einfach überwogen hat. Die Jugendlichen brauchen das wie einen Bissen Brot.“

Politik gefordert: Jugendliche einbinden. Keine Treffen, keine Schule, keine Ausbildung, keine Bewegung – generell seien Jugendliche in der Pandemie vielfach betroffen, zeigt Zuba auf. Aufgrund der Dauer der Krise werde das schön langsam „kritisch“, die Politik sei gefordert, hier anzusetzen, sagt er. Er habe den Eindruck, dass die Altersgruppe der 16- bis 18-Jährigen bei der Erstellung von Maßnahmen außen vor gelassen werde. Als Beispiel nennt er etwa gemeinsame sportliche Betätigung, „die mit negativen Tests doch möglich sein müsste“. Bei allem Schutz-Bedürfnis müsse man gerade Jugendlichen in der aktuellen Situation viel mehr ermöglichen als verwehren – und sie als Altersgruppe viel mehr ernst nehmen und in Entscheidungen einbinden. Aber, so Zuba: „Bei den Pressekonferenzen verkünden immer nur alte Männer, wo es lang geht. Aber Jugendliche lässt man nicht mitgestalten.“

Er rät der Politik, Jugendliche – so wie es in der Lehrlingsstiftung gelebte Praxis sei – als „vollwertige Persönlichkeiten“ anzusehen. In der Lehrlingsstiftung habe es etwa zuerst eine Jugendvertretung gegeben und erst danach habe sich ein Betriebsrat gebildet.
Gesundheitsvorsorge: Zufriedenheit höher als vor zwei Jahren. Stolz ist Zuba auch darauf, dass die Lehrlingsstiftung vor Kurzem erneut mit dem Gütesiegel für betriebliche Gesundheitsvorsorge ausgezeichnet wurde. Alle zwei Jahre wird dazu eine Befragung unter den Mitarbeitern durchgeführt, die aktuelle Umfrage habe gezeigt, dass die Zufriedenheit der Mitarbeiter mit der Gesundheitsvorsorge in der Lehrlingsstiftung trotz Krise sogar gestiegen sei. Er werte das als Zeichen des gegenseitigen Vertrauens, dass alle Seiten bestmöglich mit der Situation umgehen, sagt Zuba.

Neues Angebot trotz Krise. Nicht aufhalten ließ sich die Lehrlingsstiftung aber auch während der Pandemie davon, ihr Angebot auszuweiten. So wurde vor Kurzem erst eine zusätzliche Werkstatt „Konditorei“ geschaffen. Die Einrichtung der Werkstatt in diesem Mangelberuf sei ein spezieller Wunsch des AMS gewesen, sagt Zuba. Positiv wirke sich jetzt aus, dass der Lehrlingsstiftung seit dem Jahr 2016 ein zweites Gebäude zur Verfügung steht und es so genug räumliche Kapazitäten gibt, um die notwendigen Abstände einzuhalten. Zusätzlich steht den Mitarbeitern und Jugendlichen auch der 5.500 m2 große Klostergarten zur Verfügung.

Tag der offenen Tür auf September verschoben. Wer sich selbst von der Arbeit der Lehrlingsstiftung überzeugen will: Der gewöhnlich im Mai abgehaltene Tag der offene Tür – im Vorjahr musste er entfallen – wird heuer in den September verschoben.

Land fördert mit bis zu 151.000 Euro. Anerkannt wird die Leistung auch vom Land NÖ, das für 2021 eine Fördersumme bis zu 151.000 Euro zur Verfügung stellt. Es sei wichtig, dass gerade in herausfordernden Zeiten Förderer wie das Land oder das Arbeitsmarktservice (AMS) hinter einem stehen, sagt Zuba. Dass die Förderung etwa gleich hoch wie in den Jahren davor ausfalle, sei angesichts der Situation keine Selbstverständlichkeit.