Bronze-Statue: Ein Lenin in seinem Besitz. Christian Berger konnte nicht widerstehen: Er holte Wladimir Iljitisch vom Schrottplatz nach Waidhofen.

Von Karin Widhalm. Erstellt am 29. April 2021 (05:34)
Wer die Bronze-Statue gegossen hat, kann Christian Berger nicht mehr nachvollziehen. Nur so viel weiß er: Mehrere Teile wurden offenbar zusammengeschweißt.
NOEN

Er hat „einen Hang für alten Sachen“ und – das sollte schon ergänzt werden – einen Hang für Außergewöhnliches: Christian Berger sammelt alte Steintröge oder Wappenziegel, um sie an jene zu verkaufen, die wie er ein Faible für Althergebrachtes haben. Jetzt hat er halt eine Lenin-Statue auf seinem Betriebsgelände stehen.

Waidhofen hat sich mit dem kommunistischen Relikt aus Bronze schon angefreundet: Schulklassen statten ihm Besuche ab. In letzter Zeit kommen Medienvertreter vorbei: Als „Die Presse“ Fotos schießt, lag die Statue noch auf Paletten und Gummireifen gebettet, dann hat Berger Lenin doch auf die Beine (oder Sockel) gestellt. Und für „ServusTV“ hat er den Platz aufgeräumt, damit’s nicht so „russisch“ aussehe.

„Urlaub oder Abenteuer mit einem Programm, wo man dann etwas veräußern kann: ein optimales Ergebnis.“ Christian Berger

Wladimir Iljitisch blickt indes wie eh und je konzentriert in die Ferne, der Mantel umweht die Beine, rechts hält er eine Papierrolle. 4,3 Tonnen schwer und 4,8 Meter hoch ist das Personenkult-Standbild, das letztlich auf einem Schrottplatz landet, nachdem die Ukraine 2015 beschlossen hat, alle Bezüge zur Sowjetunion aus der Öffentlichkeit zu entfernen. Berger hat von einem ukrainischen Nachbarn über das Dasein des früheren Denkmals erfahren – und der Reiz war geweckt.

„Alles, was einzigartig ist“, wolle er: „Ich mache oft Schwachsinn“, lacht er. Berger, der sich selbst als Abenteurer bezeichnet, trat mit einem Freund trotz der Corona-Situation den „Urlaub“ in der Ukraine an. Er wusste nicht, was ihn erwartet, und der Schrottbesitzer in Horodok war selbst unsicher, was da auf ihn zukommt. Man habe sich mit Händen und Füßen verständigt, selbst gebrauter Wodka brach dann das Eis. „Trink du zuerst“, habe Berger seinen Geschäftspartner noch vorher deutlich gemacht.

„Ein Zettel da, ein Stempel dort“

Der Lenin wechselte den Besitzer, eine Spedition musste organisiert und die behördlichen Wege absolviert werden. „Ein Zettel da, ein Stempel dort“, beschreibt Berger den Hürdenlauf. „Wir können froh sein, dass wir in der EU sind. Man muss das zu schätzen wissen.“ Ein halbes Jahr habe es von der Idee bis zur Waidhofner Ankunft gedauert.

Berger bietet die Statue seitdem zum Verkauf im Internet an, bisweilen muss er Kommentare, die ihn als Faschisten oder Kommunisten schimpfen, löschen. „Es geht mir rein um die Extravaganz, ums Geschäft“, betont er, „zum Verschrotten ist’s zu schade.“

Schon einmal hat er einen Lenin verkauft – an die Marxistisch-Leninische Partei Deutschlands: Die Statue hat große Debatten ausgelöst, die Stadt wehrte sich gegen das Aufstellen, aber das Verwaltungsgericht hat schließlich grünes Licht gegeben. Parteien kommen nach wie vor als Käufer infrage, sagt Berger, aber auch Sammler oder Militaristen. Die Anfrage eines Museums aus den Vereinigten Staaten erreichte ihn schon: Es gibt einen Markt für den Lenin, der in Waidhofen gerade zwischengelagert wird. 59.000 Mal hat man sich das Angebot auf Ebay schon angesehen.

Berger, der hauptsächlich als Firmenchef gerade von dem Glasfaser-Ausbau im Waldviertel profitiert, trägt seit 15 Jahren Baustoffe zusammen: „Ich hab’ schon so viele Sachen, dass es mich fast erschlägt.“ Das, was aus Dachböden und Kellern fliegt, fängt er auf, um es hauptsächlich via Internet zu verkaufen: Der Markt wachse stetig, seit das Recycling en vogue ist.

Altbaustoffe: Ausgleich zum Computer-Geschäft

Nur manchmal legt er Hand an, um Kundenwünschen entsprechen zu können: Granitsteine habe er zum Beispiel zurechtgeschnitten. Das Meiste wird im Originalzustand übergeben. Ganz Europa bediene er damit.

Mittlerweile wird er von Polieren angerufen, wenn sie nicht mehr gewünschtes, altes Baumaterial entdecken. Das Hobby sei zur Berufung geworden und sei ein wichtiger Ausgleich, verbringt er doch sonst viel Zeit vorm Computer-Bildschirm. Während er in seinem Internetproviderservice-Betrieb oft als Problemlöser gefragt ist und bei ihm Technik-Frust abgeladen wird, haben die durchaus „spanenden“ Baumaterial-Interessenten „immer a Freid“. Die einen sehen die Ziegel & Co. als Wegwerfprodukt, andere als Luxusgut, wofür sie zur Zahlung bereit sind.

Und Berger selbst? Drei Tage lang habe er nach seiner Rückkehr aus der Ukraine gegrinst, habe seine Lebensgefährtin gesagt. „Urlaub oder Abenteuer mit einem Programm, wo man dann etwas veräußern kann: ein optimales Ergebnis.“