Borkenkäfer: Forstwirte verteidigen sich gegen Vorwürfe. Ein in der NÖN erschienener Leserbrief brachte viele auf. Die Reaktionen im Überblick.

Von Karin Widhalm. Erstellt am 31. Juli 2019 (05:32)
NLK/Filzwieser
Lokalaugenschein mit (v. l.): Bezirksbauernkammer-Obmann Herbert Hofer (Horn), Landeshauptfrau-Stellvertreter Stephan Pernkopf, Petra Gerhold, Ortsbauernobmann Markus Steininger, Manfred Gerhold mit Sohn Lukas.

Das ist durchaus ein lautstarkes Zeichen, wenn die NÖN-Redaktion gleich unzählige Anrufe und E-Mails zu einem einzigen Thema erhält. Den Stein brachte ein Leserbrief-Schreiber ins Rollen und der Stein des Anstoßes war letztendlich ein Satz, mit dem er seine persönliche Meinung zum Ausdruck brachte und der mehr als missfiel. Er verärgerte, machte wütend, verwunderte.

„Schon als Kleinkinder werden die Bauern dazu angehalten, zu kleine Schuhe zu tragen, damit sie rasch das Jammern lernen …“, hielt Karl Figerl fest. „Das ist eine Verunglimpfung von eher armen Leuten“, rief ein älterer Mann aus dem Bezirk Waidhofen an.

„Ein kompletter Schwachsinn“, war ein anderer sehr wütend. „Ausschließlich beleidigend“, findet Franz Zecha aus Ellends. Die Situation sei viel komplexer, als „der Herr Leserbrief-Schreiber“ erahnen könne. Es seien die Waldbauern, die 80 Stunden-Wochen in der Hitze zu bewältigen haben.

„Die Aufmerksamkeit haben wir auf alle Fälle und im Großen und Ganzen spüren wir Solidarität und Verständnis.“Nikolaus Noé-Nordberg

„Eine Verhöhnung“ ist das für einen Anrufer, der anonym bleiben will. Man könne den Bauern nicht alles in die Schuhe schieben; gerade sie arbeiten mit der Natur, räumen den Müll in den Gräben weg. „Schön langsam sind wir die Bösewichte, weil wir den Borkenkäfer gezüchtet haben sollen.“

Niemand habe vor 50 Jahren die heutige Borkenkäfer-Situation erahnen können, das sagen alle. „Im Nachhinein ist man immer g’scheiter“, bemerkt Zecha. „Die Esche war vor 20 Jahren ein Zukunftsbaum, jetzt haben wir das Eschentriebsterben – ein Schädling, für den wir überhaupt nichts können.“ Und auch andere Arten spüren die Trockenheit, ist zu hören.

„Nicht nur die Kleinen haben das verursacht“

Karl Jordan aus Buttendorf (Bezirk Horn) nennt 60 Ar als seinen Waldbesitz, gleich neben einer herrschaftlichen Fläche. Nicht nur die Kleinwaldbesitzer, sondern auch die Großwaldbesitzer haben auf die falsche Art gesetzt. Die Familie habe sich an den Oberförster gewandt und in den 1970er Jahren auf eine „reine Fichtenkultur“ gesetzt – „mit dem damaligen Wissenstand und mit bestem Wissen und Gewissen“. Das sollte man nicht vergessen.

Die Anwesenheit des Borkenkäfers stellte man dann 2016 fest. „Wir sind jede Woche nachschauen gegangen.“ 2018 habe sich die Lage intensiviert. „Wir haben jede Woche zehn bis 15 Bäume rausgenommen und gehofft, dass wir diesen Käfer bekämpfen.“

Ausgangspunkt war der Protest der Waldbauern

Der ursprüngliche Ausgangspunkt der Debatte war (wie berichtet) der Protest der Waldbauern in Fratres: Sie machten mit ihrer geschlossenen Traktor-Ausfahrt auf die Borkenkäfer-Kalamität und die ihres Erachtens zu umfangreichen Holzimporte aufmerksam. „Die Aufmerksamkeit haben wir auf alle Fälle und im Großen und Ganzen spüren wir Solidarität und Verständnis“, sagt Bezirksbauernkammer-Obmann Nikolaus Noé-Nordberg (Waidhofen). Gespräche mit der Holzindustrie, dem Land und Bund finden gerade statt. Amtskollege Herbert Hofer (Horn) ist jedenfalls überzeugt, dass man sich auch von der Kiefer verabschieden müsse.

„Sie hat ein Langzeitgedächtnis, sage ich immer. Sie reagiert mit ein oder zwei Jahren Verspätung“ und dann gehe es schnell. „Jetzt fehlt uns auch die Kiefer, das sind riesengroße Fallflächen – und viele Kosten für die Wiederaufforstung“, schildert Hofer. Eines kommt hinzu: „Wir haben diese Entwicklung auch in der Landwirtschaft. Wir verdorren. Das betrifft alle.“ Man müsse umdenken, und zwar schnell. „Wir haben keine Zeit mehr.“

Franz Fischer, Obmann des NÖ Waldverbandes, empfiehlt fürs Erste eine Wertfortschreibung. Denn: Die Waldbauern müssen Steuern in derselben Höhe zahlen, egal, ob auf der Fläche ein wertvoller Altbestand an Bäumen steht oder ob mittlerweile ein Kahlschlag dort zu sehen ist. Die Bewertungsgrundlage dafür wurde 2014 festgelegt.

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Der Borkenkäfer verbreitet sich wegen der trockenen Jahre und Monaterasant.

„Jeder Waldbauer ist dazu aufgefordert, selbstständig die Wertfortschreibung beim Finanzamt zu melden“, erklärt Fischer, dass man Kahlschläge bekannt geben muss. Das sei zumindest eine kleine Hilfe. Andere Überlegungen gehen dahingehend, jene Bestände einfach stehen zu lassen, wo der Borkenkäfer ausgeflogen ist. Sie würden dann zwar wie Zahnstocher in die Höhe ragen, aber könnten der Naturverjüngung eine bessere Chance geben, weil die Bäume doch „Schutz und Schatten bieten“. „Wir sind bis jetzt verpflichtet, alles zu entfernen“, erläutert Fischer.

Noé-Nordberg spürt derzeit gemischte Gefühle unter den Waldbauern: von Resignation bis hin zur Hoffnung, die noch nicht gestorben ist. Wenn davon die Rede sei, dass die Bauern zu viel jammern würden, „dann tut das nochmals weh, wenn man so abgestempelt wird“, erklärt er. „Das macht manche bis zu einem gewissen Grad wütend.“ Was wird vom Leserbrief gehalten? „Die große schweigende Mehrheit schreibt nicht“, will Hofer das große Ganze nicht aus den Augen verlieren.

Die Allgemeinheit ziehe sehr wohl Nutzen aus dem Wald, schon alleine, weil „circa zehn Prozent unseres Waldbestandes der Öffentlichkeit, also Gemeinden oder Stiftungen, gehört.“ Fischer erklärt, dass er Figerl gern einige Tage lang zur Waldarbeit einladen würde, „damit er sieht, was wir seit zwei Jahren tagtäglich zu tun haben.“

Landeshauptfrau-Stellvertreter Stephan Pernkopf erklärt bei einem Lokalaugenschein bei Familie Gerhold in Kotzendorf (Bezirk Horn), dass die Land- und Forstwirtschaft das erste Opfer des Klimawandels sei. „Wir stellen heuer zusätzlich zwei Millionen Euro für den Forstschutz und die Wiederaufforstung zur Verfügung.“